Die Globalität von Umweltpolitik, kapitalistische Arbeits- und Konsumverhältnisse sowie die Handlungsspielräume innerhalb dieser Verhältnisse erfordern eine Kombination von Weitwinkelperspektiven und Nahaufnahmen auf Freiwilligkeit. Sie legen auch die Frage nahe, an welchem Punkt freiwilliges Handeln zur Notwendigkeit und wie in Gesellschaften über Freiwilligkeit regiert wird.
Freiwilligkeit bedeutet mehr als freiwilliges gesellschaftliches Engagement. Aufforderungen zu freiwilliger Selbstführung, gesellschaftlich erwünschtem Verhalten und Selbstaufopferung durchdringen unseren Alltag. So werden wir beispielsweise dazu angehalten, gut auf unsere Körper zu achten und das Beste aus unserem Leben zu machen. Es wird von uns als verantwortungsvollen Bürger*innen erwartet, Überstunden zu machen (weil wir unsere Jobs so lieben) oder die Corona-App zu nutzen und vieles mehr. Derartige Freiwilligkeitspraktiken stellen einerseits Freiheitsakte dar, werden aber gleichzeitig durch vielfältige Erwartungen und Bedingungen, die wir nicht beeinflussen können, erst ermöglicht, befördert und manchmal herausgefordert.

Dieser Blog erkundet die Machtstrukturen und -praktiken von Freiwilligkeit und wie Menschen und Gesellschaften über Freiwilligkeit regiert werden. Wir gehen der Frage nach, unter welchen Bedingungen dies funktioniert und wie sich Freiwilligkeit im Laufe der Zeit und an verschiedenen Orten verändert hat. Unser Blog wird von einer Vielzahl an Autor*innen mit individuellen Einzelbeiträgen gestaltet. Diese haben ihre jeweils eigene Perspektive auf Freiwilligkeit, innerhalb derer sie den Begriff unterschiedlich gewichten und diskutieren. Beiträge von Mitgliedern der Forschungsgruppe geben einen Einblick, wie wir Freiwilligkeit als vielfältiges analytisches Konzept verstehen möchten und welche methodologischen Werkzeuge uns dafür wichtig erscheinen. Gleichzeitig möchten wir möglichst viele Perspektiven auf Freiwilligkeit aufzeigen und auch externe Autor*innen zu Wort kommen lassen. Die Bandbreite unserer eigenen Themen und Ansätze ist bereits sehr divers und auf die spezifischen Fragen unserer Projekte zugeschnitten. Gastbeiträge erweitern unser Blickfeld nochmals und helfen uns, kritisch miteinander in Dialog zu kommen oder auch konträre Ansätze zu vergleichen. Wir laden Sie ein, unsere monatlichen Beiträge zu verfolgen und über Kommentare an der Diskussion unserer Themen teilzunehmen.
Alle Beiträge
Freiwilligkeit global – Teil 1 eines Gesprächs
Philosophie, Geschichtswissenschaft und Soziologie diskutieren über Freiwilligkeit. Das Gespräch spiegelt nicht nur die Architektur unserer Forschungsgruppe, sondern bietet auch eine fruchtbare Perspektive auf Freiwilligkeit in globalen und lokalen Kontexten.
Mit Freiwilligen auf Augenhöhe
Von Ronja Hähnlein
Zivilgesellschaftliches Engagement wird oft in einem Spektrum zwischen Aufrufen zu mehr freiwilligem sozialen Commitment und politisch gewollten Dienstpflichten diskutiert. Nur selten werden konkrete Chancen dadurch beschrieben. Post zwei zum Wert des Jugendfreiwilligendienstes geht genauer darauf ein – und thematisiert auch was verloren gehen kann, wenn aus Freiwilligkeit Pflicht wird.
Jugendfreiwilligen-Dienst als Gewinn?
Von Ronja Hähnlein
Sie zählen Zugvögel, sie teilen Mittagessen aus, sie schneiden Radiosendungen – Freiwilligendienst-leistende widmen ein Jahr ihres Lebens dem gesellschaftlichen Engagement. Doch welche Anerkennung findet das? Welchen Stellenwert hat der Dienst in Politik und Gesellschaft? Wie wichtig ist der Charakter der Freiwilligkeit? Ein Kommentar von Ronja Hähnlein, ehemalige FSJlerin und Teamerin von Freiwilligen im Thüringer Kultur- und Politikbereich.
Moral History – Ein Workshop zur Bestandsaufnahme
Von Meike Katzek
Seit einigen Jahren rückt das Thema „Moral“ immer weiter in den Blickpunkt Geschichtswissenschaftlicher Forschung. Zugleich sehen sich kritische Historiker*innen vermehrt Angriffen ausgesetzt, die ihre Forschung als „ideologisch” verurteilen. Fragen dazu diskutierten Wissenschaftler*innen bei unserem zweitägigen Workshop „Moral History“, Mitorganisatorin Meike Katzek fasst die Hauptpunkte zusammen.
Wehrdienst: Pflicht und Recht von Staatsbürgerlichkeit
Von Nina Leonhard
“Modern, freiwillig und mit einer starken Reserve” – so heißt es bislang in den Erläuterungen zum “Neuen Wehrdienst” auf der Internetseite des Bundesministeriums für Verteidigung, über den ein Koalitionsstreit entbrannt ist. Im Kern geht es um die Frage, ob in der Neufassung des Gesetzes, das 2026 in Kraft treten soll, allein auf Freiwilligkeit gesetzt oder auch die Möglichkeit eines verpflichtenden Dienstes eingeräumt werden soll. Die Debatte strukturiert und kommentiert die Militärsoziologin Nina Leonhard.
Of Voluntariness, Solidarity and Resilience
Von Gifty Nyame Tabiri
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Organisierter Gemeinsinn in Krisenzeiten
Von Silke van Dyk
In Krisenzeiten wird von politischer Seite gerne die Bedeutung des zivilgesellschaftlichen Engagements für den gesellschaftlichen Zusammenhalt betont. Zuletzt ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine Anrufung freiwilligen Engagements zu beobachten, sondern auch die Forderung nach einem sozialen Pflichtjahr für junge Menschen. Befürworter*innen betonen seine integrative Kraft und Bedeutung in Zeiten abnehmenden freiwilligen Commitments. Kritiker*innen verweisen auf die verfassungs-rechtlichen Hürden und die Gefahr der Ausbeutung. Silke van Dyk diskutiert die Pro- und Contra-Argumente in unserem aktuellen Blogpost.
Vienna Calling
Von Alexander Obermüller
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Geben als Akt der Freiwilligkeit?
Von Maria Framke
Welche Motive standen hinter freiwilliger humanitärer Hilfe durch Inderinnen und Inder in der Zeit der beiden Weltkriege? Welche Möglichkeiten zu freiwilligem Engagement oder unterstützenden Spenden bestanden innerhalb kolonialer Machtverhältnisse, die dafür oftmals komplizierte oder sogar hinderliche Bedingungen boten? Diesen Fragen geht Maria Framke als Historikerin des modernen Südasiens in diesem Blogpost nach.
Das Lockesche Subjekt
Von Jürgen Martschukat
Der Mensch als sich selbst gehörender, autonomer, freiwillig agierender Handlungsträger hat sich seit dem 17. Jahrhundert in das liberale politische Denken eingenistet. Im neoliberalen Zeitalter der letzten rund 50 Jahre hat er das politische und alltägliche Handeln mehr denn je zuvor geprägt und sich in den Entwurf idealen Subjektseins noch tiefer eingefräst. Doch das sogenannte Lockesche Subjekt ist im Zuge der zugespitzten planetarischen ökologischen Krise zur Zielscheibe der Kritik geworden…
Joys and Challenges of Researching Voluntariness II
Von Mitchell Dean und Jürgen Martschukat
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Joys and Challenges of Researching Voluntariness I
Von Alexandra Oeser und Jürgen Martschukat
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Voluntary Urban Art Practices
Von Pia Herzan
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„Remigration“
Von Florian Wagner
2024 lancieren Rechtsextreme in Deutschland Massendeportations-pläne, Großdemonstrationen dagegen mobilisieren Hunderttausende, und „Remigration“ wird zum Unwort des Jahres. Florian Wagner ordnet den Begriff „Remigration“ ein und zeigt, wie eng er mit der Geschichte rassistischer Bewegungen seit dem 19. Jahrhundert verbunden ist.
Voluntary Policing vs. Police Violence
Von Mara Abrecht
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Committing to Civic Education Voluntarily
Von Pia Herzan
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Grauzonen der Freiwilligkeit
Von Meike Katzek
Am 6. Dezember 2022 organisierte unser Projektteam, das über Freiwilligkeit in Diktaturen arbeitet, eine Podiumsdiskussion mit Historiker:innen in Erfurt. Die Diskussion zeigte viele Stärken von Freiwilligkeit als Forschungsgegenstand und Analysekonzept, verwies aber auch auf seine Grauzonen.
Castles of Sand?
Von Philipp Schink
Praktiken freiwilliger Kooperation können wie Sandburgen erscheinen, die aber nach und nach vom Meer zerstört werden, so resümiert ein Gedankengang eines der Philosophen unserer Gruppe. Verschwindet Freiwilligkeit sobald der Staat ins Spiel kommt?
Freiwilligkeit als “Notwendiges Übel”?
Von Elena M. E. Kiesel
“Mach Dir einen Kopf, Kollege!” – So lautete ein Aufruf an potentielle “Neuerer” zur Beteiligung am betrieblichen Vorschlagswesen in der DDR. Darüber, was dies bedeutete, kamen wir im September in Eisenach mit Zeitzeug*innen ins Gespräch.
Freiwilligkeit und Liebe
Von Christian Bock
Was ist Freiwilligkeit? Schwer zu beantworten, aber vielleicht könnte eine kurze Überlegung anhand der Theorie von Harry G. Frankfurt helfen. Über Wünsche, über die Liebe, über Freiwilligkeit.
Who Dat in Lower Nine?
Von Pia Herzan
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Voluntariness, Positive Action, and Neo-Colonialism
Von Carolyn Taratko
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Starb Ǫlvir für den Glauben?
Von Markus Dolinsky
Als Norwegens christlicher König Óláfr Haraldsson zur Osterzeit 1021 den Hinweis erhielt, dass sein Gefolgsmann Ǫlvir einem heidnischen Opferfest vorstand, entsandte er seine Truppen, um Ǫlvir und…
Krieg und Freiwilligkeit
Von Matthias Ruoss
Bei Krieg hilft Brecht. Vor allem sein 1939 im schwedischen Exil geschriebenes und 1941 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführtes Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ bietet mit seinen ambivalenten…
Voluntary Enfranchisement in the Canadian Settler Colonial State
Von Anne van der Pas
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Freiwilligkeit in der Corona-Impfdebatte
Von Jürgen Martschukat
Wer nur flüchtig hinschaut oder gern in klaren Kategorien denkt, versteht Freiwilligkeit leicht als politisches Prinzip einer Gesellschaft, die in der Autonomie eines freien Individuums gründet, das für sich und das Kollektiv gute …
Voluntariness at End of Life
Von Ben Colburn
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Doing Voluntariness in Empires
Von Florian Wagner
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Mit Schockwellen leben
Von Stefanie Gräfe
Als in diesem Sommer Deutschlands Südwesten von einem „Jahrhunderthochwasser“ heimgesucht wurde, dominierte im medialen Diskurs zunächst vor allem eins: Schock und Betroffenheit. In diesem Beitrag geht es um Resilienz und Freiwilligkeit.
Uncle Sam’s (Post-)9/11 Calling
Von Pia Herzan
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Into the (Urban) Wild
Von Pia Herzan
Die historisch-philosophischen Anfänge der Freiwilligkeit liegen, wie bei der Ästhetik des Gehens, in der Antike, genauer gesagt in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles. Freiwilligkeit ist gegeben, wenn…
Are We Fated?
Von Elena M. E. Kiesel und Markus Dolinsky
Heiden gegen Christen, Brüder gegen Brüder, freier Wille gegen Schicksal: In der kanadisch-irischen Fernsehserie „Vikings“ tauchen die Zuschauenden in eine konfliktgeladene Welt religiöser…
Staatsverantwortung und der freie Wille von Hungerstreikenden
Von Heiko Stoff
Willensfreiheit ist das Grundkonzept des liberalen Kapitalismus. Realisiert wurde es aber erst in den 1980er Jahren, als der Staat Verantwortung abgab und Individuen dazu…
Of Voluntary Submission to the Power of Fitness
Von Jürgen Martschukat
*** Dieser Beitrag ist nur auf Englisch verfügbar. ***












