Freiwilligkeit und Liebe

„Love on St. Felix St.“, by Colin Mutchler, via Wikimedia Commons, (CC BY 2.0)

von Christian Bock

Christian Bock forscht im Bereich der Praktischen Philosophie und hat an der Universität Erfurt promoviert.

Eine kurze Überlegung anhand der Theorie von Harry G. Frankfurt

Was ist Freiwilligkeit? Ich möchte mich mit dieser Frage auseinandersetzen, indem ich einen Vorschlag des Philosophen Harry G. Frankfurt diskutiere. Frankfurt ist ein US-amerikanischer Philosoph, dessen Forschungsgebiete vor allem in der Philosophie der Person und der Willensfreiheitsdebatte liegen. In seinen Überlegungen über die Wünsche von Personen vertritt er die beiden zentralen Thesen: (1) Wünsche können handlungswirksam sein. Sie können Handlungen motivieren. Frankfurt nennt sie Wünsche erster Ordnung (first order desires). (2) Personen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich zu diesen Wünschen verhalten können. Sie können (bis zu einem gewissen Grad) wählen, welcher Wunsch erster Ordnung handlungswirksam wird und welcher nicht. Solche Wünsche, die sich auf Wünsche erster Ordnung richten, nennt Frankfurt Wünsche zweiter Ordnung (second order desires).

Über Wünsche

Nehmen wir als Beispiel meinen Wunsch erster Ordnung, einen Kaffee zu trinken. Ich stehe auf und mache mir einen Kaffee. Ein entsprechender Wunsch zweiter Ordnung bezieht sich auf diesen Wunsch erster Ordnung – in diesem Fall auf meinen Wunsch, Kaffee zu trinken. Wünsche ich, dass ich einen Kaffee trinken will? Will bzw. wünsche ich eine Person zu sein, die jetzt einen Kaffee trinken will? Bejahe ich die Frage, was sich in einem entsprechenden Wunsch zweiter Ordnung ausdrückt, trinke ich den Kaffee freiwillig. Stellen wir uns zum besseren Verständnis vor, unser System von Wünschen sei wie ein Haus aufgebaut. Im Erdgeschoss finden sich Wünsche erster Ordnung. Auf das Erdgeschoss kommt nun eine zweite Etage. Wenn diese zweite Etage genau auf die erste passt, sprechen wir von Freiwilligkeit (die Wünsche erster Ordnung wurden frei gewählt).

Frankfurt erläutert sein Beispiel anhand zweier Süchtiger. Der eine ist freiwillig süchtig (willing addict), der andere ist unfreiwillig süchtig (unwilling addict). Beide haben denselben Wunsch erster Ordnung: Sie wünschen sich, Drogen zu nehmen. Sie unterscheiden sich jedoch in ihren Wünschen zweiter Ordnung. Der freiwillig Süchtige hat den Wunsch zweiter Ordnung, dass der Wunsch, Drogen zu nehmen, handlungswirksam wird. Sein Haus steht sozusagen in Linie. Beide Etagen passen zueinander. Bei dem unfreiwillig Süchtigen sieht dies anders aus. Er hat den Wunsch, mit dem Drogenkonsum aufzuhören: Er will zwar Drogen nehmen, aber er will gar nicht, dass dieser Wunsch handlungswirksam wird. Die Etagen seines Hauses stehen nicht in Linie. Er handelt nicht freiwillig, wenn er Drogen nimmt, da er den höherstufigen Wunsch hat, von der Sucht loszukommen. Frankfurts Ansatz ist intuitiv extrem attraktiv. Personen handeln freiwillig, wenn eine Art Harmonie unter ihren Wünschen besteht. Wenn sie die Person sind, die sie sein wollen, dann verhalten sie sich freiwillig. Wenn eine Person jedoch nicht die Person sein will, die sie ist, dann verhält sie sich auch nicht freiwillig.

Zu dieser intuitiven Attraktivität kommt nun noch ein Punkt, der die Debatte um Willensfreiheit maßgeblich beeinflusst hat und sich unter Berücksichtigung des Beispiels der Süchtigen wie folgt zusammenfassen lässt: Es kann freiwillig Süchtige geben. Eine Sucht ist bei Frankfurt per se kein Freiheits- bzw. Freiwilligkeitshindernis. Die Pointe von Frankfurts Ansatz besteht darin, dass man kein Anders-handeln-Können braucht, um freiwillig zu handeln. Der Süchtige nimmt die Drogen auch dann freiwillig, wenn er gar keine andere Wahl hat, als die Drogen zu nehmen.

Die Identifikation mit Wünschen

Frankfurt weist selbst auf ein mögliches Problem dieses Ansatzes hin. Sagen wir, ich trinke den Kaffee freiwillig, weil ich eine Person sein will, die jetzt einen Kaffee trinkt. Aber will ich denn eine Person sein, die jetzt einen Kaffee trinken will? Diese Frage fragt nach einem Wunsch dritter Ordnung. Denn er bezieht sich auf einen Wunsch zweiter Ordnung. Und die Frage muss bejaht werden, wenn wir letztlich davon sprechen wollen, dass ich den Kaffee (wirklich) freiwillig trinke. Und dies kann, wenn es nicht begrenzt wird, beliebig fortgesetzt werden: Will ich eine Person sein, die eine Person sein will, …, die eine Person sein will, die jetzt Kaffee trinkt? Oder, um im Bild zu bleiben: Finde ich kein Ende, baue ich das Haus ohne Dachgeschoss. Laut Frankfurt geht es am Ende um eine sogenannte Identifikation mit den Wünschen. Man könnte argumentieren, dass ich mich mit meinem Wunsch, Kaffee zu trinken, und der freiwillig Süchtige sich mit seinem Wunsch, Drogen zu nehmen, identifizieren. Ich will schließlich eine Person sein, die Kaffee trinken will. Der freiwillig Süchtige will auch eine Person sein, die Drogen nehmen will. Ist das keine Art von Identifikation mit einem Wunsch?

Gary Watson, der sich mit Handlungsfreiheit und ihrem Zusammenhang mit Motivation und Verantwortung beschäftig, weist hier zurecht darauf hin, dass die Identifikation, nach der wir suchen, nicht auf höhere Ebenen zurückgreifen darf. Wir müssen zur Erklärung, was es heißt, sich mit einem Wunsch bzw. einer Ebene zu identifizieren, auf höhere Ebenen verzichten. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Identifikation nie zu einem Ende kommt, da man immer auf eine höhere Ebene zurückgreifen müsste. Wir dürfen das Haus nicht ständig um eine weitere Etage erweitern. Wir brauchen ein Dachgeschoss.

Über die Liebe

An dieser Stelle kommt die Liebe ins Spiel. Kurz: Die Liebe (einschließlich der Selbstliebe) formt das Dachgeschoss. Nach Frankfurt liefert die Liebe unsere wahren Interessen. Wenn wir erkennen, was wir wirklich und aufrichtig lieben, können wir unsere Wünsche danach richten und freiwillig handeln. Es gibt keine Ebene, die über der Liebe steht. Mit anderen Worten: Es gibt keine Gründe für die Liebe, sondern nur Gründe, die die Liebe uns gibt.

Um das Konzept der wahren Interessen zu verstehen, stellen wir uns Eltern vor, die ihr Kind erziehen. Das Kind will seine Zähne nicht putzen und gibt das lautstark zu verstehen. Die Eltern geben der Beschwerde des Kindes nicht nach und fördern stattdessen das eigentliche bzw. wahre Interesse des Kindes. Das wahre Interesse des Kindes ist es, dass die Zähne geputzt werden. Die Eltern befinden sich aus Liebe zu ihrem Kind auf der ständigen Suche nach den wahren Interessen des Kindes und deren Förderung. Das gilt vor allem für die Selbstliebe. Man befindet sich ständig auf der Suche nach seinen wahren Interessen und versucht, diese zu fördern. Selbstliebe darf man nach Frankfurt keinesfalls mit Egoismus verwechseln. Es geht nicht darum, seine eigenen Interessen über die anderer zu stellen. Es geht darum, dass man sich kritisch fragen muss, ob die Wünsche und Interessen, die man gerade verfolgt, wirklich die eigenen wahren Interessen sind.

Über Freiwilligkeit

Betrachten wir noch einmal unser Haus. Das Dachgeschoss bildet das, was wir von ganzem Herzen (wholeheartedly) wünschen. Die Identifikation findet nicht mithilfe einer höheren Ebene statt. In dem Dachgeschoss befinden sich unsere wahren Interessen. Wir handeln nur dann freiwillig, wenn wir auch im Einklang mit unseren wahren Interessen handeln. Denn nur dann steht das Haus mit all seinen Etagen in Linie. Handeln wir wider die wahren Interessen, handeln wir so gesehen nicht freiwillig. Der Ansatz hinterlässt eine Vielzahl zu klärender Fragen. Handelt der freiwillig Süchtige tatsächlich freiwillig oder unfreiwillig, weil die Drogensucht seinen wahren Interessen widerspricht? Gehe ich mir nur dann freiwillig einen Kaffee holen, wenn sich dieser Wunsch letztlich auf etwas zurückführen lässt, was ich von ganzem Herzen will?

Das aus meiner Sicht bemerkenswerteste an dieser Theorie bleibt der folgende Gedanke. Während die Liebe nach Frankfurt etwas ist, was uns Gründe gibt, uns auf eine bestimmte Art zu verhalten, braucht es keine Gründe für die Liebe selbst. Die Liebe ist unbegründet, aber begründend. Wir suchen uns nicht aus, wen oder was wir lieben. Und dennoch gibt uns diese Liebe Gründe. Was sagt das über unser Haus? Wir haben keinen Einfluss auf die Form des Dachgeschosses. Denn die Form gibt die Liebe vor, und auf die Liebe haben wir keinen Einfluss. Das beeinflusst wiederum die Form des gesamten Hauses bzw. aller übrigen Etagen. Denn wenn am Ende alles in Linie sein soll und wir auf die oberste Ebene keinen Einfluss haben, gibt diese eine Ebene der Liebe die gesamte Form vor.

Zietiervorschlag: Bock, Christian: „Freiwilligkeit und Liebe: Eine kurze Überlegung anhand der Theorie von Harry G. Frankfurt“, Freiwilligkeit: Geschichte – Gesellschaft – Theorie, September 2022, https://www.voluntariness.org/de/freiwilligkeit-und-liebe/.

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