Krieg und Freiwilligkeit

von Matthias Ruoss

Matthias Ruoss ist ein Schweizer Historiker und lehrt und forscht an den Universitäten Zürich und Fribourg.

Krieg und Freiwilligkeit: Mutter Courage Revisited

Bei Krieg hilft Brecht. Vor allem sein 1939 im schwedischen Exil geschriebenes und 1941 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführtes Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ bietet mit seinen ambivalenten Figuren, komplexen Problemstellungen und vielschichtigen Konfliktlagen eine Reihe von Interpretationshilfen. Zur Erinnerung: Das Stück spielt im Dreissigjährigen Krieg. Erzählt wird die Geschichte der Marketenderin Anna Fierling namens Mutter Courage, die versucht, ihr Geschäft mit dem Krieg zu machen, und dabei ihre drei Kinder verliert. Das Geschehen ist stark zeitgenössisch geprägt. So wurde das Stück häufig als Warnung an unbeteiligte Einzelpersonen und neutrale Staaten verstanden, mit dem Krieg zu wirtschaften, Profite aus ihm zu schlagen, am Leid anderer zu verdienen. Gemäss Brecht enthielt es aber auch eine grundsätzliche, pazifistische Botschaft zu Kapitalismus, Krieg und Macht: „Daß die großen Geschäfte in den Kriegen nicht von den kleinen Leuten gemacht werden. Daß der Krieg, der eine Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln ist, die menschlichen Tugenden tödlich macht, auch für ihre Besitzer. Daß für die Bekämpfung des Krieges kein Opfer zu groß ist.“ [Bertolt Brecht, Gesammelte Werke, Bd. 17, Frankfurt/Main 1967, S. 1138.]

Um ebendiese „menschlichen Tugenden“ dreht sich die fünfte von insgesamt zwölf Szenen. Sie spielt in einem kriegszerstörten bayrischen Dorf, in das Courage mit ihrem Planwagen gezogen ist. Plötzlich kommt der Feldprediger herbeigeeilt. Er hat eine Bauernfamilie aus ihrem zerstörten Hof herausgeholt und fordert Leinen, um die Wunden der Verletzten zu verbinden. Doch Courage weigert sich: „Ich hab keins. Meine Binden hab ich ausverkauft beim Regiment. Ich zerreiß für die nicht meine Offiziershemden.“ Zugleich hindert sie ihre aufgebrachte Tochter Kattrin daran, das nötige Material aus dem Wagen zu holen: „Ich gib nix. Die zahlen nicht, warum, die haben nix.“ Da greift Kattrin nach einer Holzplanke und bedroht ihre Mutter. Diese reagiert darauf mit Wut („Bist du übergeschnappt? Leg das Brett weg, sonst schmier ich dir eine, du Krampen!“) und erklärt sich noch einmal: „Ich gib nix, ich mag nicht, ich muß an mich selber denken.“ In der Zwischenzeit ist der Feldprediger in den Wagen gestiegen und hat sich die nötigen Hemden besorgt, sie zerrissen und damit die Verletzten versorgt: „Ich bin ruiniert“, fauchte Mutter Courage noch, während Kattrin ihre Hilfsbereitschaft und ihr Mitgefühl für notleidende Menschen anderweitig unter Beweis stellte. Als sie im Einsturz gefährdeten Bauernhaus eine weinende Kinderstimme hört, zögert sie keinen Augenblick. Sie dringt in das Gebäude ein und birgt den Säugling. Ihre Mutter versucht sie zwar daran zu hindern, warnt sie vor den Gefahren, ruft die anderen um Hilfe, doch vergebens. Kattrin rettet das Kind vor dem sicheren Tod – nur um dann später bei einer weiteren selbstlosen Aktion ihr eigenes Leben zu verlieren.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus diesem inszenierten Kriegsereignis ziehen? Mit Blick auf die Freiwilligkeit, um die es mir hier geht, scheinen mir drei Punkte zentral. Erstens macht die Szene klar, dass verschiedene Formen der Freiwilligkeit nebeneinander bestehen. Das zeigt sich besonders deutlich in der Hilfsbereitschaft des Feldpredigers und Kattrin. Deren Engagement und Hilfeleistung, wie auch immer motiviert, ergänzen sich. Während er die Verwundeten pflegt, holt sie das Kind aus dem Hof. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass der bedürftigen Bauernfamilie geholfen wird. Zugleich konfligieren ihre Hilfen, womit ein zweiter Punkt angesprochen ist. Als Kattrin nämlich ins Haus rennt, weigert er sich, ihr zu folgen („Ich geh nicht mehr hinein“).

Helene Weigel als Mutter Courage
Harry Croner (Fotograf), Helene Weigel als Mutter Courage, Berlin, 1949, © Stiftung Stadtmuseum Berlin

Freiwilligkeit ist keineswegs homogen und gleichartig. Vielmehr können Freiwilligkeiten sich widersprechen, zu einander in Konkurrenz stehen und sich gegenseitig ausschließen. Hinzu kommt als weiterer Aspekt, drittens, die Renitenz. Diese zeigt sich in dem Moment, als Kattrin sich gegen ihre Mutter auflehnt. Geschäftliche Interessen, aber auch Mutterliebe stoßen hier auf Humanität und bedingungslose Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden. Kattrin ist bereit, ihr selbstloses Handeln mit Gewalt und gegen den Willen der mütterlichen Autorität eigensinnig durchzusetzen. Verallgemeinert man diese Punkte, so kann Freiwilligkeit als zutiefst konfliktgeladenes Handeln aufgefasst werden. Freiwillige Hilfen können miteinander geleistet werden, häufig aber reiben sie sich, sowohl aneinander als auch an den herrschenden Verhältnissen. Die Akzentuierung von Friktionen, Widerständen und Konflikten steht allerdings im Gegensatz zu dominierenden Vorstellungen der Freiwilligkeit – die häufig systemisch aufgefasst wird, für die man einen dritten Sektor zwischen Staat und Markt reserviert, oder die mit sozialem Kapital gleichgesetzt wird, das flexibel investiert werden kann. Was aber kann eine Konfliktperspektive auf Freiwilligkeit leisten, worin liegt ihr heuristisches Potential? Der aktuelle Krieg in der Ukraine gibt erste Anhaltspunkte.

Konfligierende Freiwilligkeiten

Als die russische Armee am 24. Februar 2022 die Ukraine angriff, war der Westen geschockt, aber auch rasch hilfsbereit. In einem enormen Tempo und einer bemerkenswerten gesellschaftlichen Tiefe reagierten Privatpersonen zusammen mit Hilfswerken und staatlichen Instanzen auf die verheerenden Katastrophen, die der Krieg seither anrichtet. Gerade die freiwilligen Hilfeleistungen gegenüber Menschen, die aus der Ukraine flüchten mussten, waren und sind enorm. Innerhalb kürzester Zeit stellten Hunderttausende in Europa ihre Wohnungen und Häuser zur Verfügung, während andere an die Grenzen fuhren, Flüchtlinge abholten und sie in Sicherheit brachten. Wieder andere blieben vor Ort und engagieren sich seither in der Notversorgung, klären auf, geben Rat, unterstützen. Der EU-Rat indes legalisierte die Freiwilligenhilfen am 4. März 2022 mit der Einführung vorübergehender Schutzmassnahmen (darunter die volle Reisefreiheit, nachdem sich ukrainische Staatsangehörige schon vor dem Krieg 90 Tage visumsfrei im Schengenraum bewegen konnten).

Doch ebenso rasch, wie die Hilfen angelaufen sind, zeigten sich Risse in der Freiwilligkeit. Damit ist weniger die rassistische Gewalt gegenüber Schwarzen gemeint, die aus der Ukraine nach Polen flüchteten. Vielmehr verliefen diese durch die freiwillige Flüchtlingshilfe selbst. Bereits nach wenigen Tagen kritisierten Aktivist*innen der Asylbewegung, aber auch Kirchenangehörige, die Ungleichbehandlungen und Doppelstandards im Umgang mit geflüchteten Menschen. Pro Asyl twitterte am 15. März: „Und da die Hilfsbereitschaft aktuell so groß ist: Es gibt auch noch viele andere Menschen, die vor Kriegen wie jetzt in der Ukraine geflohen sind, wie z.B. aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak. Auch sie sind oft noch immer auf unsere Solidarität und offene Türen angewiesen!“ Ein Syrer wiederum, der selbst vor dem Krieg in die Schweiz geflohen ist und sich dort in der freiwilligen Flüchtlingshilfe engagiert, meinte: „Ich habe das Gefühl, dass die Menschen vor lauter Solidarität mit der Ukraine alle anderen, die sich auf der Flucht befinden, vergessen. Das tut weh.“ Im Alltag zeige sich diese Vergesslichkeit in einem Rückgang an Spenden, auch Sachspenden: „Annahmestellen für die Ukraine werden mit Kleidern überhäuft. Als wir am Sonntag eine Sammelaktion für Geflüchtete von anderen Ländern machten, liess sich stundenlang niemand blicken.“ Von ähnlichen Gefühlen, ja Verbitterung, berichtet schließlich ein Schweizer Pfarrer: „Ich kenne viele Flüchtlingshelfer, welche die Willkommenskultur gegenüber den Ukrainern als schmerzhaft und stossend empfinden.“

Im Ukrainekrieg wird sichtbar, wie Freiwilligkeiten sich überlagern und sich unterscheiden, insbesondere in ihren Richtungen und Reichweiten. Zudem, wenn auch nur vereinzelt bisher, zeigen sich Grenzen der Freiwilligkeit. Diese werden dort augenfällig, wo Aktionen und Hilfen mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Als Londoner squatter das Haus eines russischen Oligarchen im Londoner Stadtteil Belgravia besetzten, um dort eine Flüchtlingsunterkunft einzurichten, wurden sie umgehend verhaftet. Die Besetzung zeigte aber noch etwas anderes. Freiwilligkeit ist mehr als Helfen und zivilgesellschaftliche Sorge, Freiwilligkeit kann auch Kritik artikulieren und in diesem Sinne Resistenz bedeuten. In diesem Fall richtete sie sich zum einen gegen die Menschenrechtsverletzungen durch Putins Regierung, einschliesslich der Bombardierung Syriens und der Diskriminierung von LGBTQIA+. Andererseits zielte sie auf das steuerrechtlich über Jahre hinweg geförderte Immobilieninvestment mit ausländischem Kapital und die dadurch verschärfte Wohnungsnot in der englischen Hauptstadt.

Das sind nur Anzeichen, doch sie lassen erkennen, dass Freiwilligkeit ein Spannungsfeld ist, auf dem Auseinandersetzungen stattfinden. Die Konfliktlinien verlaufen zwischen Freiwilligen und ihren Hilfeleistungen, sie markieren aber auch Grenzen zu den Machtverhältnissen, gegen die sich die Kritik sozial engagierter Aktivist:innen richtet und die es emanzipatorisch zu überwinden gilt. Normative Sichtweisen, welche die medialen Diskurse dominieren und teils auch die sozialwissenschaftliche Forschung anleiten, verdecken allerdings solche Konflikte. Eine Folge davon ist, dass Freiwilligkeit als uniforme und eindimensionale Hilfstätigkeit erscheint. Eine solche Imaginierung mag in Kriegszeiten eine Appellfunktion erfüllen. Den empirischen Realitäten wird sie indes nicht gerecht.

Zitiervorschlag: Ruoss, Matthias: „Krieg und Freiwilligkeit: Mutter Courage Revisited“, Freiwilligkeit: Geschichte – Gesellschaft – Theorie, Mai 2022, https://www.voluntariness.org/de/krieg-und-freiwilligkeit

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