Starb Ǫlvir für den Glauben?

Óláfr Haraldsson - Olav der Heilige
Tod Olavs des Heiligen, † 1030, christlicher König Norwegens und „Ideal“ eines Märtyrers – zumindest aus einer bestimmten Perspektive.
(Altarbild, 14. Jahrhundert, Trondheim, von wikimedia commons)
Markus Dolinsky

von Markus Dolinsky

Markus Dolinsky ist Historiker an der Universität Erfurt.

Starb Ǫlvir für den Glauben? Martyrium, Freiwilligkeit und die Frage der Perspektive

Als Norwegens christlicher König Óláfr Haraldsson zur Osterzeit 1021 den Hinweis erhielt, dass sein Gefolgsmann Ǫlvir einem heidnischen Opferfest vorstand, entsandte er seine Truppen, um Ǫlvir und dessen Gefährten standrechtlich zu erschlagen. Die so Überfallenen fanden keine Gelegenheit, sich aus der Affäre zu ziehen. Der Tod ereilte sie allem Anschein nach unerwartet und ohne, dass sie sich bewusst dafür oder dagegen hätten entscheiden können. Rund ein Jahrtausend später zelebrieren Anhänger*innen des Neopaganismus Ǫlvir als einen heidnischen Märtyrer, der dem Fanatismus eines Tyrannen zum Opfer fiel. Die Ironie ist nicht zu verkennen, denn ausgerechnet dieser König, Óláfr Haraldsson, gelangte nach seinem eigenen Tod als Märtyrer und wichtigster einheimischer Heiliger Skandinaviens zu Ruhm. „Martyrium“ ist folglich eine Frage der Perspektive; eine Konstruktion, die weniger von (oftmals nicht überprüfbaren) persönlichen Überzeugungen und Entscheidungen abhängt, als von retrospektiven, teilweise erst Jahrhunderte später formulierten Zuschreibungen durch Dritte. Freiwilligkeit als typisches Element christlicher Martyriumsideale bietet sich hierbei als zentrale Kategorie zur Analyse mittelalterlicher Darstellungen an.

Während moderne Heid*innen argumentieren mögen, dass Ǫlvir für den gemeinsamen Glauben starb, kann sich die Episode aus mittelalterlich-christlicher Perspektive gut in das Dossier eines durchsetzungsfähigen Missionarkönigs einfügen, der eine Bedrohung für seine eigene, erst kürzlich in Norwegen etablierte Religion beseitigt. Obschon die spärliche Quellenlage durchaus Zweifel an der einen wie der anderen Deutung zulässt: Ob Ǫlvir tatsächlich ein Kryptoheide war oder fälschlich angeklagt wurde, verrät uns der große isländische Historiker Snorri Sturluson, der die Ereignisse gut 200 Jahre nach ihrem Geschehen niederschreiben ließ, nämlich nicht. Wie für ihn typisch, hält sich Snorri mit einer Bewertung des Beschriebenen zurück, erzählt nur, wie der wortgewandte Häuptling Ǫlvir bei einer früheren Konfrontation mit Óláfr die angeblich heidnischen Feste in seinem Bezirk als harmlose gesellige Trinkgelage ohne religiösen Hintergrund ausgegeben habe. Zwar sollte man äußerst vorsichtig sein, ehe man Snorri irgendeine Sympathie für das Heidentum zuschreibt, doch in Anbetracht seiner gelegentlich anklingenden Skepsis gegenüber ungezügelter Königsherrschaft lässt sich die Episode je nach Standpunkt durchaus vielfältig interpretieren: Von einer rechtmäßigen Intervention zum Schutz der jungen norwegischen Kirche bis hin zu einem willkürlichen Mord, der sich in eine lange Kette königlicher Grausamkeiten einreiht. Ob Snorri Ǫlvirs Tod nun für gerechtfertigt hielt oder nicht – von Freiwilligkeit seitens des Getöteten lässt sich nur schwerlich sprechen. Zu gering erscheint der Handlungsspielraum, der dem Häuptling zugestanden wurde, als dass dieser eine begründete Absicht zu sterben hätte formulieren können. Akzeptable Alternativen standen ihm anscheinend nicht zur Verfügung; so wie die Episode präsentiert wird, hatte Ǫlvir keine Möglichkeit, nicht hingerichtet zu werden.

Missionierung mit allen Mitteln

Dass ausgerechnet so ein undurchsichtiger Einzelfall wie der des Ǫlvir noch heute als religiöser Identifikationspunkt herhalten kann, liegt wohl gerade am Interpretationsspielraum, den Snorris Darstellung eröffnet. Es ist nämlich keineswegs so, dass die altnordische Überlieferung keine anderen, eindeutig heidnischen Opfer der königlichen Christianisierungsbestrebungen kennen würde – ihre Bewertung durch die Quellen fällt nur meistens eindeutig negativ aus. Der Amts- und Missionsvorgänger von Óláfr dem Heiligen, Óláfr Tryggvason, verbrachte einen Großteil seiner Regierungszeit (995-1000) damit, die norwegische Küste zu bereisen und die lokalen Häuptlinge seiner Macht und dem neuen Glauben zu unterwerfen. Zu einem gewissen Grad setzte er dabei auf Freiwilligkeit, um sich einen loyalen inneren Zirkel von Verbündeten aufzubauen. Während der realpolitische Unterschied zwischen Konversionen aus innerer Überzeugung und aus sozioökonomischen Gründen zum Zwecke der Bindung an den Herrscher nicht allzu groß ausgefallen sein dürfte, erfahren die wahren Gläubigen doch eine positivere Bewertung in den Quellen als die Opportunisten. Wo Eloquenz oder großzügige politische und wirtschaftliche Anreize ihre Wirkung indes verfehlten, drohte Óláfr Gewalt an, und wo die Drohung allein keinen Sinneswandel auszulösen vermochte, wurde sie in die Tat umgesetzt. So gehören die brutalen Hinrichtungen heidnischer Häuptlinge zu den Kernelementen seiner Saga. In Sachen Grausamkeit und Einfallsreichtum – sei es seitens desjenigen, der die Hinrichtungen befohlen haben soll, oder derjenigen, die uns davon berichten – stehen diese Todesfälle den christlichen Martyriumslegenden in nichts nach. Das konsequente Festhalten der Verfolgten an ihren inneren Überzeugungen führt zur grotesken Zerstörung ihrer Körper.

Das Hauptproblem, und hier offenbart sich der fundamentale Unterschied zum christlichen Martyrium, ist die Perspektive. Nicht die Anhänger*innen der bedrohten und verfolgten Religion erzählen uns von den Geschehnissen, sondern die Glaubensgenossen der siegreichen Verfolger. Mögen sich die individuellen Situationen ermordeter Christ*innen der römischen Antike und Heid*innen der späten Wikingerzeit zuweilen noch so ähnlich gewesen sein, in der Siegergeschichtsschreibung wird das Festhalten an den alten Traditionen zu einem törichten, wenn nicht gar verwerflichen Vorhaben. „Gute“ Heid*innen gibt es zwar in der Überlieferung, aber entweder konvertieren sie eher früh als spät (so z. B. Óláfr Tryggvason, der sich in jungen Jahren von einem weitgehend tugendhaften de-facto-Agnostiker zum „Apostel des Nordens“ gewandelt haben soll) oder sterben lange vor der Hochphase der Christianisierungsperiode, kommen also gar nicht erst in einen wirklichen Glaubenskonflikt. Diejenigen, die sich bis zum bitteren Ende ans Heidentum klammern, obwohl ihnen eine bessere, die einzige richtige Alternative präsentiert wird, können gemäß dieser Perspektive gar keine guten Menschen sein. Manche von ihnen sind nicht einmal echte Menschen, sondern kommen aus einer völlig anderen Welt: Eyvindr kinnrifa, ein Häuptling und Hexenmeister, der von Óláfr Tryggvason an den Rand des Todes gefoltert wurde, begründete seinen Starrsinn angeblich damit, keine menschliche Seele zu besitzen, die die Taufe hätte empfangen können. Nicht alle können durch Gottes Botschaft „gerettet“ werden.

Freiwilliger Tod als religiöse und gesellschaftliche Norm

In den Sagas sterben hauptsächlich magiekundige oder zumindest in religiöse Zeremonien eingebundene männliche Angehörige eines kleinen Segments der Oberschicht für den heidnischen Glauben; eine nach Ansicht kirchlicher Autoren wie des dezidiert pro-königlichen Verfassers der Óláfs saga Tryggvasonar, Oddr Snorrason, zu Recht abgelöste alte Elite. Insgesamt berichten die Quellen von viel, viel mehr Konvertit*innen als von Getöteten – schließlich soll ja eine Erfolgsgeschichte erzählt werden. Die wenigen, jedoch hochrangigen Todesopfer dienen als abschreckende Beispiele im komplexen Gewirr von Opportunismus, Zwang und religiösem Eifer zur Zeit der Christianisierung: Als Óláfr Tryggvason zur Provokation einer heidnischen Versammlung vorschlägt, als Menschenopfer nicht nur Sklaven, sondern auch Anführer und Ehefrauen hinzurichten, und demonstrativ einen ihm unliebsamen Häuptling ermorden lässt, kommt es nicht etwa zu einem massenhaften Martyrium, sondern zu einer Massentaufe. Fast niemand will den Göttern opfern, wenn das eigene Leben die Opfergabe sein könnte. Dagegen geben die Märtyrer*innen der christlichen Legendentradition nur allzu willig die Integrität des Körpers auf, um die ungleich wertvollere Integrität der Seele zu bewahren.

Die wenigen überlieferten heidnischen Märtyrer verlieren beides. Wo sich gute Christ*innen nicht sträuben, sondern dem Tod freiwillig und mit Würde entgegentreten, bemühen die Hexenmeister vergeblich dunkle Mächte, um ihr Leben zu retten. Die Saga von Óláfr Tryggvason berichtet von Sturmzauber, Verwandlungsmagie und übermenschlicher Sprungkraft; mit allen Mitteln wollen die Feinde des Missionskönigs diesem entrinnen. Keinem von ihnen gelingt es, zu groß ist die Macht, mit der Gott Óláfr und seinen Bischof ausgestattet hat. Selbst der bereits erwähnte Hexer Eyvindr versucht anfangs zu fliehen. Nach seiner Gefangennahme verweigert er die Taufe nur, weil sie keine echte Option für ihn als Luftgeist in Menschengestalt sei. Episoden wie diese sollen eine eindeutige Botschaft vermitteln: Wie kann der germanische Götterglaube eine ernstzunehmende Religion sein, wenn selbst seine glühendsten Anhänger nicht gewillt sind, dafür zu sterben?

Die Darstellungen sind umso wirkungsvoller, als sie einen doppelten Normbruch abbilden. Selbst losgelöst von der christlichen Martyriumsrhetorik, die freiwilliges Sterben für den Glauben für essentiell hält, verfehlen die Hexenmeister indigene Werte des alten Skandinavien. Denn nicht nur Märtyrer*innen, sondern auch ideale Krieger*innen sterben (vermeintlich) freiwillig, ohne Furcht und Zweifel. Listenreichtum mag Anerkennung einbringen, aber wer der Todesgefahr nicht mit Verstand oder Körperkraft, sondern mit seiðr, mit Hexerei begegnet, erweckt Misstrauen, Furcht und Abscheu bei den mittelalterlichen Rezipient*innen. Durch den Wegfall eines Narrativs vom freiwilligen Tod kommen die Getöteten sowohl auf religiöser als auch auf säkularer Ebene einer zentralen Normerwartung nicht nach. Selbst die nüchterne Darstellung des Snorri Sturluson muss schon wohlwollend ausgelegt werden, damit Ǫlvir die Züge eines eher unspektakulären Helden bekommt, der allenfalls noch als Identifikationsfigur des Widerstands gegen königliche Tyrannei dienen kann, aber nicht mehr viel mit dem von Freiwilligkeit durchdrungenen Martyriumskonzept zu tun hat. In den weniger nuancierten, stärker von Heiligenlegenden beeinflussten Quellen zur nordischen Christianisierung verschmelzen kriegerisches Heldentum und Heiligkeit dann fast vollständig, wenn furchtlose, aufopferungsbereite Christ*innen auf egoistische heidnische Hexenmeister treffen. Und ein freiwilliger Tod bleibt in derlei Narrativen doch in erster Linie den Guten vorbehalten.

Suggested Citation: Dolinsky, Markus: „Starb Ǫlvir für den Glauben? Martyrium, Freiwilligkeit und die Frage der Perspektive“, Freiwilligkeit: Geschichte – Gesellschaft – Theorie, Juni 2022, https://www.voluntariness.org/de/starb-olvir-fuer-den-glauben/

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