

Silke van Dyk ist Soziologin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Matthias Ruoss ist Historiker an der Universität Fribourg
Tilo Wesche ist Philosoph an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg
Freiwilligkeit in globaler Perspektive. Im Gespräch mit Tilo Wesche, Silke van Dyk und Matthias Ruoss – Teil 1
Interview moderiert von Jürgen Martschukat, bearbeitet von Stefanie Büttner
Freiwilligkeit in globaler Perspektive bildet einen der aktuellen Schwerpunkte der Arbeit in der Forschungsgruppe. Einige der zentralen Befunde aufgreifend – nämlich, dass Freiwilligkeit mit ihrem situativen Charakter differenziert und auch mit Abstand zu westlichen Kategorien betrachtet werden muss und dass freiwilliges Handeln ebenso eine ethische Komponente besitzt – entstand dazu ein Themenheft in der Zeitschrift Comparativ. Es wurde herausgegeben von Regula Ludi, Jürgen Martschukat und Matthias Ruoss und ist im Februar 2026 erschienen. Neben verschiedenen historischen Aufsätzen ist ein interdisziplinäres Gespräch über Freiwilligkeit als zentraler Handlungsmodus liberaler Gesellschaften, ihr Verhältnis zur Notwendigkeit sowie die besondere Aktualität unserer Perspektiven in der Gegenwart Teil dieses Heftes. Das Gespräch führte Jürgen Martschukat mit dem Philosophen Tilo Wesche, der Soziologin Silke van Dyk und dem Historiker Matthias Ruoss. Das komplette Gespräch erscheint in drei Teilen und deutscher Fassung zwischen Mai und Juli 2026 hier erneut, und wir bedanken uns bei der Redaktion von Comparativ für die Möglichkeit zum Re-Posting! In Teil eins erfahren Sie mehr über die Forscher*innen, ihre aktuelle Arbeit und ihre eigene Perspektive auf Freiwilligkeit als Konzept und Praxis.
Jürgen Martschukat: Vielen Dank, dass ihr da seid und schön, dass ihr euch Zeit nehmt für dieses Gespräch. In einer ersten Fragerunde würde ich gerne über die Relevanz von Freiwilligkeit für eure Forschung sprechen, auch aus eurer jeweiligen disziplinären Perspektive heraus. Wir haben hier mit Philosophie, Soziologie und Geschichte drei verschiedene Disziplinen vertreten, und davon ausgehend würden wir im weiteren Verlauf des Interviews gerne euch und eure Forschung vorstellen und die verschiedenen Disziplinen miteinander ins Gespräch bringen. Ich beginne mit Tilo: Dein letztes Buch über Die Rechte der Natur befasst sich – wenn ich das so zusammenfassen darf – mit dem Verhältnis von Mensch und Natur. Wo siehst Du als praktischer Philosoph in diesem Kontext die Stellung von Freiwilligkeit?
Tilo Wesche: Ich habe mich mit den weltweit zahlreichen Fällen der Rechte der Natur, den so genannten ökologischen Eigenrechten, beschäftigt. Zweierlei lässt sich festhalten: Erstens, dass ökologische Fragen immer auch politische Fragen sind. Zum einen, weil natürlich zivilgesellschaftliche Bewegungen diese Ergebnisse angestoßen haben. Und zum anderen, weil ökologisch nachhaltige Veränderungen immer sozial-politische Veränderungen sind. Für Nachhaltigkeitsziele werden Produktions- und Konsumptionsverhältnisse, Eigentumsrechte und Eigentumsdeutungen verändert. Ökologie und Politik verschränken sich also miteinander. Zweitens fällt auf, dass die Beispiele der ökologischen Eigenrechte den Doppelsinn verdeutlichen, den Freiwilligkeit besitzt. Einmal den problematischen Sinn, der häufig mit dem Begriff des Neoliberalismus in Verbindung gebracht wird – so auch in unserer Forschungsgruppe. Freiwilligkeit wird dabei als ein Gegenbegriff zu staatlicher Regulierung oder rechtlichem Zwang aufgefasst und bedeutet Wahlfreiheit. Damit ist die Annahme verknüpft, dass klimafreundliches, ökologisches, nachhaltiges Handeln freiwillig erfolgen muss und eben nicht vom Staat verordnet werden darf. Genauso erkennt man aber auch einen positiven Sinn von Freiwilligkeit. Denn es waren soziale Bewegungen, zivilgesellschaftliche Initiativen, die dazu führten, dass die Rechte der Natur institutionalisiert worden sind. Dieses sozial-ökologische Engagement beruht auf Freiwilligkeit. Es ist wichtig, dass hier Freiwilligkeit auch einen positiven Sinn hat, im Sinne einer Selbstaktivierung.
Jürgen Martschukat: Hier waren einige Stichworte dabei, die uns zu Silke und ihrem Arbeitsfeld führen. Du, Silke, hast ja vor nicht allzu langer Zeit gemeinsam mit Tine Haubner ein Buch geschrieben, in dem ihr den Begriff des Community-Kapitalismus geprägt habt. Darin diskutiert ihr den Umbau des Sozialstaates während der letzten Jahrzehnte. Inwieweit oder in welcher Form hilft der soziologische Blick auf Freiwilligkeit hier, diesen Umbau zu problematisieren?
Silke van Dyk: Ich komme aus der politischen Soziologie und interessiere mich in meiner Forschung, ganz grob umrissen, für das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie – und vor diesem Hintergrund für Freiwilligkeit als Ressource im Umbau von Ökonomie und Sozialstaat. Das knüpft direkt an etwas an, das Tilo gerade gesagt hat, nämlich an das Spannungsverhältnis von freiwilligem Handeln auf der einen und rechtlich-kodifiziertem Handeln auf der anderen Seite. Wir beobachten derzeit eine Aktivierung der Zivilgesellschaft, eine Verzivilgesellschaftlichung der sozialen Frage, indem freiwilliges Engagement soziale Rechte substituiert, also gewissermaßen als Ausfallressource eines selektiver werdenden Wohlfahrtsstaates fungiert. Die Bedeutung freiwilligen Engagements nimmt auch in sozial sensiblen gesellschaftlichen Bereichen wie der Pflege, der Familienhilfe, der Flüchtlingshilfe und der Kinderbetreuung zu, also überall dort, wo entweder sozial-staatliche Leistungen und soziale Rechte abgebaut werden oder wo sie mit den wachsenden gesellschaftlichen Bedarfen im Lichte des demografischen Wandels und des Wandels von Geschlechter- und Familienverhältnissen nicht Schritt halten.
Es ist ein wichtiger Punkt in dieser Dynamik, hier kann ich auch an Tilo anknüpfen, dass es bei der Aktivierung der Zivilgesellschaft nicht darum geht, ihre Protest- und Kritikfunktion als Korrektiv zu sozialstaatlichem Handeln stark zu machen, sondern zivilgesellschaftliches Engagement und ehrenamtliche Ressourcen zur Lösung von Problemen in Dienst zu nehmen, die nicht mehr über öffentliche Angebote und Dienste adressiert werden. Dieser Unterschied ist aus meiner Sicht von großer Bedeutung, wenn wir über Freiwilligkeit im Gegenwartskapitalismus sprechen: zivilgesellschaftliches Engagement wird zunehmend zu einer instrumentellen Ressource und nicht zu einer Ressource der Demokratisierung der Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, sich anzuschauen, auch begriffsgeschichtlich, dass und wie Freiwilligkeit als Konzept extrem positiv aufgeladen ist. Beobachten wir den gesellschaftlichen Diskurs ist sogar festzustellen, dass freiwilliges soziales Engagement zum Synonym für Freiwilligkeit schlechthin wird, womit aus dem Blick tritt, dass Menschen freiwillig ziemlich krasse Sachen machen können. Diese Aufwertung kommt zudem einer Sakralisierung von Engagierten gleich, die auch wörtlich oft als Engel oder Helden gefeiert werden. Ihr freiwilliges Engagement wird so positiv aufgeladen, dass die Kehrseiten freiwilliger Hilfe in den Hintergrund treten. Wenn wir aber über sensible Felder von sozialer Teilhabe, Existenzsicherung und Daseinsvorsorge reden und Menschen in den Blick nehmen, die auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind, z.B. Pflegebedürftige, Kinder, Geflüchtete oder vulnerable Familien, sehen wir, dass die so hoch gelobte Freiwilligkeit so un-problematisch nicht ist: Es ist ja gerade der Wesenskern der Freiwilligkeit, dass Menschen die Möglichkeit haben, eine Handlung zu unterlassen, was im Umkehrschluss für diejenigen, die existenziell auf Hilfe angewiesen sind, die Situation äußerst prekär macht. Auf soziale Rechte und professionelle Hauptamtliche können sich Pflegebedürftige verlassen. Ob die Freiwillige kommt und es ihr heute in den Kram passt, ist eine ganz andere Geschichte… Die Umkehrung der Perspektive wäre folglich, zu fragen: Unter welchen Bedingungen wird Freiwilligkeit so prekär, dass sie tatsächlich Grundfeste von Solidarität und Teilhabe gefährdet?
Jürgen Martschukat: Ja, denn als Helfende auch nicht kommen zu können, ist ja im Prinzip der Freiwilligkeit angelegt. Mit einigen dieser Stichworte kann man auch hier prima Matthias ins Spiel bringen. Matthias, du hast dich als Historiker mit Freiwilligkeit befasst, vor allem mit Freiwilligkeit und Geschlecht. Die Sakralisierung freiwilligen Handelns und vor allem die Kehrseite dessen ist eines der ganz zentralen Themen, vermute ich. Was ist dein Erkenntnisinteresse als Historiker, wenn du dich mit Freiwilligkeit und Geschlecht befasst?
Matthias Ruoss: Ja, das sind in der Tat wichtige Stichworte für meine Forschung. Ich verstehe Freiwilligkeit als eine Praxis, die auch als solche bezeichnet wird. Diesen Zusammenhang gilt es hervorzuheben, denn daraus lässt sich die historisch relevante Frage ableiten, wie sich das Handeln und der Begriff wechselseitig geformt und entwickelt haben. Dabei kann man von zwei aktuellen Beobachtungen ausgehen, die Silke bereits angedeutet hat: Erstens, Freiwilligkeit ist in westlichen Gesellschaften praktisch durchwegs eine Fremdzuschreibung. Die Rede von “Ich bin als Freiwilliger in diesem oder jenem Bereich aktiv” hat keinen diskursiven Ort. Zweitens, Freiwilligkeit ist heute rundum positiv besetzt. Was mich als Historiker nun interessiert, ist die Frage, warum oder wann Freiwilligkeit derart aufgeladen wurde und wie sich dieser semantische Gehalt in der Praxis manifestierte.
Generell gehe ich als Historiker davon aus, dass die gesellschaftliche Anrufung, Inwertsetzung oder Umsetzung von Freiwilligkeit eine Geschichte hat, die sich untersuchen lässt. Diese Geschichte begann nicht erst in den 1970er Jahren, sondern sie setzte mit der geschlechtsspezifischen Herausbildung kapitalistischer Ökonomien und ihrer sozial reproduktiven Grundlagen im frühen 19. Jahrhundert ein. Es bieten sich verschiedene historische Perspektiven an, die Geschichte der Freiwilligkeit zu analysieren: Man kann sich die Geschichte der organisierten Gemeinnützigkeit und Philanthropie anschauen, man kann die vergeschlechtlichte gesellschaftliche Aufgabenteilung betrachten oder man kann den Aufbau des Sozialstaates und die mixed economies of welfare untersuchen.
Spannender finde ich allerdings einen anderen Zugang, der sich als immanente Kritik der Freiwilligkeit bezeichnen lässt. Dabei geht es weniger darum zu fragen, wie die kulturelle Hegemonie der Freiwilligkeit funktioniert, sondern wo sie Widersprüche produziert und an ihre Grenzen stößt. Man kann diese Spannungen und Ränder auf verschiedene Art und Weise identifizieren und ausloten. Zum einen kann man danach fragen, wer freiwillig tätig ist, nicht aber als solcher gilt. Ich denke hier beispielsweise an Engagierte in der Fluchthilfe oder der Abtreibungshilfe, sowohl im historischen Kontext als auch in der Gegenwart. Beides sind Bereiche der kriminalisierten Freiwilligkeit, die sich von den Rändern her untersuchen lassen. Zum anderen lassen sich diese Ränder der kulturellen Hegemonie untersuchen, indem man fragt, wie der Begriff Freiwilligkeit von anderen beansprucht und gegen die gesellschaftliche Ordnung in Stellung gebracht wurde: Freiwilligkeit nicht als Dienst an der Gesellschaft, sondern als Kritik an ihr. Dafür gibt es verschiedene Beispiele. Anarchistische Kreise um 1900 etwa haben den Freiwilligkeitsbegriff ganz anders besetzt als die Mehrheitsgesellschaft. Sie haben ihn als autonomes, herrschaftsfreies Medium verstanden, mit dem sie die soziale Ordnung solidarisch und ohne staatliche Hilfe zu transformieren versuchten. Es sind gerade solche Deutungskämpfe um Freiwilligkeit, die mich interessieren.
Jürgen Martschukat: Danke. Was ich über die Disziplinen hinweg zu beobachten meine ist, dass euch viel daran gelegen ist, eine Kritik an Freiwilligkeit zu formulieren. Vielleicht können wir versuchen, das noch mal etwas genauer auszuloten. Warum ist euch eine Kritik von Freiwilligkeit so wichtig? Zum Beispiel vor dem Hintergrund der Sakralisierung, die Silke angesprochen hat, oder auch der eben von Matthias erwähnten Freiwilligkeit an den Rändern oder in der Auseinandersetzung mit Hegemonie oder mit dem neoliberalen Kontext, den Tilo erwähnt hat.
Tilo Wesche: Ich meine, dass Freiwilligkeit mit der Einführung von subjektiven Rechten zum Thema in der politischen Philosophie wurde. Das betrifft nicht nur die Entwicklung des Zivilrechts im 17. Jahrhundert, sondern auch das Aufkommen politischer Rechte, Demokratie zum Beispiel, oder die bürgerlichen Revolutionen im 18. und 19. Jahrhundert. Freiwilligkeit hat hier eine emanzipatorische Bedeutung, weil wir Rechte ohne Freiwilligkeit gar nicht denken können. Wer ein Recht hat, dem steht es eben auch zu, dieses Recht auszuüben oder nicht auszuüben. Sonst wäre es kein Recht. Es gibt eine analytische Einheit zwischen Recht und Freiwilligkeit; und das kann man zurecht auch eine emanzipatorische Bedeutung der Freiwilligkeit nennen. Wo hier ein Problem liegt, sieht man sehr schön, wenn diese Tradition der subjektiven Rechte, die eher aus dem Naturrecht entstanden ist, nun vom Kontraktualismus, insbesondere von Thomas Hobbes reinterpretiert wird. Hier erhält Freiwilligkeit die problematische Bedeutung der Wahlfreiheit. Wir haben im Naturzustand die Wahl, einer Gesellschaft beizutreten oder nicht. Diese Vorstellung ist jedoch eine Verfälschung und Abstraktion, weil sozusagen der Hintergrund ausgeblendet wird, der uns gewissermaßen nötigt, uns beispielsweise zu vergesellschaften oder bestimmte Aufgaben zu bearbeiten. Die Bedeutung der Freiwilligkeit als Wahlfreiheit erweckt den Schein, als sei es uns anheimgestellt, ob wir gesellschaftlich notwendige Aufgaben privat oder öffentlich erledigen.
Silke van Dyk: Aus soziologischer Perspektive braucht es eine Kritik der Freiwilligkeit, die danach fragt, welche Funktion freiwilliges Handeln unter bestimmten Kontextbedingungen hat, und sich nicht mit der Freiwilligkeit als normativem Ideal zufrieden gibt. Das führt mich wieder zum Spannungsverhältnis von Kapitalismus und Demokratie und der darin eingelassenen Frage nach Freiwilligkeit als ökonomischer und politischer Ressource. In dem Forschungsfeld, das mich interessiert, fragen wir im weitesten Sinne “Wie funktioniert Produktion und vor allem soziale Reproduktion unter kapitalistischen Bedingungen?” Dort lässt sich beobachten, dass die Charakterisierung von Tätigkeiten als freiwillig dazu führt, diese Aktivitäten als Engagement, als Liebe, als Gabe, als Gemeinschaft zu entproblematisieren. An diesem Punkt muss eine Kritik von Freiwilligkeit ansetzen, nicht um das Prinzip der Freiwilligkeit grundsätzlich zu problematisieren, sondern um zu gucken, inwiefern die Etikettierung von Aktivitäten und Tätigkeiten als freiwillige dazu dient, ihre ökonomischen Implikationen auszublenden – so dass von Arbeitsrechten und Entlohnung nicht mehr die Rede ist. Genau das ist die Kehrseite der Sakralisierung von Freiwilligen: Wer von Engeln und Helden spricht, will von Ausbeutung und Prekarität, von Unsicherheit und fehlender Professionalität schweigen. In diesem Sinne brauchen wir auch eine Ideologiekritik der Freiwilligkeit.
Wichtig für diese Diskussion sind zudem die geschlechtsspezifischen Implikationen. Ich finde es extrem interessant, dass wir sowohl in der feministischen Forschung als auch in feministischen sozialen Bewegungen eine elaborierte Kritik von Sorge- und Care-Arbeit als vermeintlichem Liebesdienst kennen. Ein wichtiger Slogan der zweiten Frauenbewegung lautete “Ihr nennt es Liebe. Wir sagen es ist Arbeit”. Damit wurde es überhaupt erst möglich, genau diese unbezahlten, oft der vermeintlichen weiblichen Natur zugerechneten Sorgetätigkeiten als Arbeit zu begreifen und die darin wurzelnde Ausbeutung sichtbar zu machen. Es überrascht mich bis heute, dass diese sehr elaborierte Kritik unbezahlter Arbeit, die Liebe und Fürsorge zum Gegenstand der ökonomischen Analyse werden lässt, in den zahlreichen Veröffentlichungen und Analysen zur Freiwilligenarbeit und zivilgesellschaftlichem Engagement nicht rezipiert wird. Obwohl die Fragen ganz ähnliche sind, wird diese Kritik weiblicher Reproduktionsarbeit nicht für die Analyse von Engagement nutzbar gemacht. Mit der Sakralisierung und Indienstnahme von freiwilligem Engagement findet zudem eine demokratiepolitische Verengung statt, die nicht zu unterschätzen ist: Je mehr Freiwilligkeit zur ökonomischen und sozialen Ressource wird, desto mehr wird sie auch gesteuert und angereizt und desto stärker verliert es seinen in der Zivilgesellschaft wurzelnden, eigensinnigen, widerständigen, kritischen Charakter, auf den jede liberale Demokratie angewiesen ist.
Matthias Ruoss: Diesen Aspekt finde ich sehr spannend. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass die Frauenbewegung Freiwilligkeit nicht nur kritisierte, etwa mit Blick auf weibliche Reproduktionsarbeit. Gerade im 19. Jahrhundert forderten und reflektierten frauenbewegte (bürgerliche) Kreise auch das Gegenteil, nämlich den Schritt aus dem Haus heraus auf das Feld der Freiwilligkeit und damit in die Öffentlichkeit. Freiwilligkeit bot Frauen immer auch Chancen und Möglichkeiten zur Verwirklichung – und zwar ohne die ihnen zugeschriebene Rolle als Hausfrau, Mutter und Ehefrau radikal in Frage stellen zu müssen. Es scheint mir wichtig, dass wir beide Aspekte wahrnehmen, die Disziplinierung und das Befreiungspotential, das der Freiwilligkeit anhaftet. Wir als Historiker:innen entscheiden, ob wir eine Geschichte der Zuordnung schreiben oder eine Geschichte der Emanzipation – oder beides. Ich möchte das nicht nur im Sinne einer heuristischen Verantwortung verstanden wissen, sondern auch als Plädoyer für eine historisch-kritische Analyse der Freiwilligkeit. Ein zentrales Anliegen der historischen Forschung ist es, Gegebenheiten und Verhältnisse zu historisieren, um ihre Veränderbarkeit aufzuzeigen. Das trifft auch auf die Freiwilligkeit zu. Die gesellschaftliche Organisation der Freiwilligkeit hat eine facettenreiche Geschichte – und eine offene Zukunft. Ein anderes Anliegen besteht darin, auf die inneren Widersprüche der Macht und der vermachteten Verhältnisse aufmerksam zu machen. Dazu gehört allen voran die Tatsache, dass die gesellschaftliche Indienstnahme der Freiwilligkeit stets umkämpft war.
Der zweite Teil des Interviews wird Juni 2026 auf unserer Seite erscheinen. Wer ihn nicht verpassen möchte: Gerne auf Instagram oder Bluesky folgen! Stay tuned!
Zitiervorschlag: Büttner, Stefanie und Jürgen Martschukat: “Freiwilligkeit in globaler Perspektive. Im Gespräch mit Tilo Wesche, Silke van Dyk und Matthias Ruoss – Teil 1”, Freiwilligkeit: Geschichte | Gesellschaft | Theorie, Mai 2026, https://www.voluntariness.org/de/freiwilligkeit-global-teil-1/.


