Mit Freiwilligen auf Augenhöhe

Freiwillige, die in Projekten aus Kultur und Bildung arbeiten möchten, werden von Teamer:innen während ihres Dienstes geschult und begleitet. © privat, bei einem Seminar der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Thüringen e.V.

Von Ronja Hähnlein

Ronja Hähnlein studiert Geschichte im Master “Geschichte transkulturell” an der Universität Erfurt.

Dieser Beitrag ist der zweite und überarbeitete Teil eines Artikels, der Ende 2024 in Heft 99/Winter 2025 der Halleschen Studierendenschaftszeitschrift erschienen ist. Die Redakteurin Ronja Hähnlein teilte dort bereits ihre Einschätzung zum gesellschaftlichen und politischen Stellenwert des Jugendfreiwilligendienstes in Deutschland. Im Februar 2026 ist auf unserer Seite „Jugendfreiwilligendienst als Gewinn? Eine Kosten-Nutzen-Rechnung mit Erfahrungswerten“ erschienen, der zunächst den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Rahmen der Diskussion beschrieb. Im aktuellen Post führt sie uns näher an die alltäglichen Bedingungen des Jugendfreiwilligendienstes mit all seinen Chancen und Herausforderungen heran. Ronja Hähnlein nimmt dabei einen informierten Blickwinkel ein, der aus ihrer Arbeit als Begleiterin von Freiwilligen, die ihr soziales Engagement nach ihrer Schullaufbahn in Thüringen einbringen möchten, resultiert. Sie teilt ihre Beobachtungen, was es für junge Menschen, aber auch Institutionen und Betreuende, bedeuten kann, einen solchen Dienst zu leisten – und was für sie dabei verloren gehen kann, wenn aus Freiwilligkeit Pflicht wird. Wir bedanken uns auch hier bei der Redaktion der Halleschen Studierendenschaftszeitschrift für die Erlaubnis zum Re-Posting der Beiträge!

Mit Freiwilligen auf Augenhöhe. Vom persönlichen und gesellschaftlichen Wert des Jugendfreiwilligendienstes

Veränderungen durch Engagement sind spürbar – und nichts zeigt das so schön wie der Jugendfreiwilligendienst. Ich habe in meinem ersten Beitrag in diesem Blog geschrieben, ich sei Fan, aber ich habe noch gar nicht erklärt, warum. Es liegt vor allem an der individuellen Entwicklung, die in diesem Jahr passiert; und die ist gewaltig.

Da sind erst einmal junge Leute, die bisher einen Großteil ihres Lebens in der Schule verbracht haben. Dort lag ihr Fokus vor allem auf den eigenen Leistungen und Noten, die mit denen ihrer Mitschüler:innen abgeglichen wurden. Nun sitzen diese jungen Menschen plötzlich in einem Team. Hier hat jedes Mitglied andere Aufgaben, alle arbeiten gemäß ihren Fähigkeiten, aber auf ein gemeinsames Ziel hin. Für Freiwillige ist es eine Zeit, in der sie längerfristig ihre Talente und Interessen erkunden, schulen und ausleben können. Sie übernehmen Verantwortung – und zwar nicht für ihr Zeugnis am Ende der Schullaufbahn, sondern eben für Patient:innen oder die Theatervorführung. Viele machen hier die Erfahrung, wie es ist, an einem wirklich fassbaren Ziel zu arbeiten. Sie werden Teamplayer:innen. Sie lernen, wie die Branche funktioniert, in der sie sich bewegen, und was Arbeit bedeutet. Sie treffen neue Menschen, vor allem auch einmal außerhalb ihrer Altersgruppe. Sie geben Input. Ihre Ideen und Fähigkeiten bewirken Veränderungen in der Einrichtung. Sie erleben das Gefühl von Selbstwirksamkeit – ich kann nicht genug betonen, wie wichtig ich das für eine demokratische Gesellschaft halte.

Natürlich zeichne ich damit ein Idealbild. Nicht jede Einsatzstelle ist gleich, nicht jede:r Freiwillige macht diese Erfahrungen. Aber ein Jugendfreiwilligendienst ist in seiner Struktur so anders als alles, was die meisten jungen Menschen kennen, dass es nahezu unmöglich ist, dort keine neuen Erfahrungen zu sammeln. Das sind Dinge, die ich an mir beobachten konnte und vor allem jetzt immer wieder an den Freiwilligen sehe, die ich begleiten darf.

Wo Jugendfreiwilligendienstleistende unter anderem arbeiten …

… auf Bio-Bauernhöfen
… in sozialen Tageseinrichtungen wie
Jugendclubs oder Demenzbetreuungen

Auf Augenhöhe

Die Jugendlichen kommen, wenn sie sich für den Dienst für ein Jahr entscheiden, aus einer bewegten Phase in ihrem Leben. In der Pubertät passiert so vieles, das den Charakter eines Individuums prägt und formt. Der Freiwilligendienst ist eine Möglichkeit, als nun erwachsener Mensch in die Welt hinauszutreten und zu schauen, wie diese reagiert. Mehr als einmal schilderten mir Leute am Ende eines Jahrgangs, wie sehr sie in den letzten Monaten aufgeblüht seien – einfach, weil sie sich in einer neuen sozialen Rolle wiederfinden und ausprobieren konnten. Der Freiwilligendienst ist eine Chance, aus den alten Mustern der Schulzeit auszubrechen; nicht nur durch die Arbeit, sondern auch bei den begleitenden Seminaren. Das dortige Vernetzen mit Gleichaltrigen, die gerade ähnliche Erfahrungen machen, kann sehr nachhaltig sein. Neben Kooperationen zwischen verschiedenen Freiwilligen und ihren Einsatzstellen ergeben sich da nicht selten langjährige Freundschaften oder Liebesbeziehungen.

Viele prägt auch die Erfahrung einer grundsätzlich anderen Pädagogik als die, die sie aus der Schule kennen. Ich will hier nicht die Arbeit aller Lehrkräfte pauschal kritisieren – im Gegenteil, ich ziehe meinen Hut vor jedem Menschen, der sich in diesem Bildungssystem vor eine Klasse stellt und den zermürbenden Strukturen zum Trotz versucht, empathisch und pädagogisch zu agieren. Doch eines der häufigsten Feedbacks, das wir als Teamer:innen auf den Seminaren bekommen, ist die Überraschung und Dankbarkeit ob der Tatsache, dass wir den Freiwilligen auf Augenhöhe begegnen. Meine bewegendsten Momente bei dieser Arbeit waren alle in irgendeiner Weise daran geknüpft. Da sitzt eine 18-Jährige abends mit dir zusammen und lässt quasi am Rande fallen, dass deine Kollegin heute die erste unter den Personen war, die die Teilnehmerin in ihrem Leben bisher pädagogisch begleitenden, die sie je gefragt hatte, was sie eigentlich brauche. Alle vorher hatten sie schlicht als Störenfried abgetan, der entweder die Klappe zu halten habe oder den Raum verlassen solle.

Es macht etwas mit diesen jungen Menschen, wenn man sie als entscheidungsbefähigt anspricht und auf sie eingeht. Wenn man ihnen erklärt, warum man bestimmte Regeln aufstellt und welche Dinge man von ihnen einfordert, damit die gemeinsame Zeit auch gut wird. Gerade was diesen Aspekt angeht, kann ich in erster Linie nur für den Träger sprechen, bei dem ich arbeite und auch mein eigenes FSJ gemacht habe, aber ich merke: Wir haben da eine Wirkung. Eine sehr positive. Wie einer meiner Kollegen es ausdrückte: „Das hören wir ja öfter: ‚Ihr begegnet uns hier auf Augenhöhe, das ist neu für uns und das finden wir gut.‘ Das sind diese Kleinigkeiten, diese gesellschaftlichen Stellschrauben, durch die man jungen Menschen begegnen kann und was sie stärker und selbstbewusster macht.“

Ein bescheidener Vorschlag

„Also vielleicht doch eine Pflicht? Du sagst doch selbst, was für eine Bereicherung das Jahr für die jungen Menschen sei!“ Ja, aber ich will noch einmal betonen: Der Wert des Ganzen liegt in der Freiwilligkeit.

Überhaupt, warum wird immer nur darüber geredet, was für ein Erfahrungsgewinn es für die Dienstleistenden ist? Was ist mit den Kolleg:innen in den Einrichtungen? Was mit den Menschen, die von der Arbeit der Einsatzstellen profitieren wie Gedenkstättenbesucher:innen oder Kindergartenkinder? Der Diskussion um diese Form des sozialen Engagements – sei es nun freiwillig oder verpflichtend – wohnt stets ein starker Adultismus inne. Ganz so, als hätten junge Menschen nichts zu geben außer ihrer Zeit. Da fehlt jede Wertschätzung für die Energie und die Ideen, mit denen junge Leute diese Gesellschaft positiv prägen können und wie es auch immer wieder geschieht. Zumal viele Einsatzstellen, auch wenn das nicht so sein sollte, längst auf die Dienstleistenden angewiesen sind, um über die Runden zu kommen. Soziale Träger, kulturelle Einrichtungen oder z.B. Naturschutzvereine oder biologische Landwirtschaftsbetriebe sind chronisch unterfinanziert. Ohne das Engagement dieser jungen Leute würde da vieles zusammenbrechen.

Wo Jugendfreiwilligendienstleistende unter anderem arbeiten …

… in staatlichen und freien Theatern
… in Gedenkstätten und Erinnerungsorten

Entgegen dem Klischee kennt die Gen Z auch weit mehr als nur Smartphone und TikTok. Abgesehen davon, dass viele von ihnen tatsächlich eine Medienkompetenz besitzen, von denen Einsatzstellen in unserer heutigen Zeit stark profitieren können, wird jungen Menschen ganz allgemein viel zu wenig vertraut. Gerade eine Umgebung wie eine selbstgewählte Einsatzstelle kann da großartige Dinge herauskitzeln. Ein sozialer Dienst ist keine Einbahnstraße, die verschiedenen Akteure befruchten sich hier gegenseitig. Doch schwingt der Adultismus weiter in der Forderung mit, junge Leute sollten prinzipiell eine bestimmte Zeitspanne ihres Lebens „zum Dienste an der Gesellschaft“ hergeben. Es sind stets die Jungen, von denen so etwas verlangt wird; auch weil es die Leute, die es fordern, nicht mehr betrifft.

Gegenvorschlag: Soziales Übergangsjahr zwischen Beruf und Rente! Wenn ihr glaubt, junge, unerfahrene Menschen seien eine Hilfe, was meint ihr, wie großartig es erst wird, wenn diese Aufgabe Ältere mit Erfahrung übernehmen. Zumal es viel mehr von ihnen gibt! Die Boomer:innen-Generation hat die geburtenstärksten Jahrgänge und sie sind gerade auf dem Weg zum Renteneintritt. Wäre das außerdem nicht ein guter Ansatz, um Einsamkeit im Alter entgegenzuwirken? Ein großes Problem, wie wir wissen. Wir binden systematisch ältere Menschen noch einmal aktiv in die Gesellschaft ein und wer weiß – vielleicht gefällt es ja dem ehemaligen Bauleiter in der Stadtbibliothek so sehr, dass er auch als Rentner weiterhin mittwochs die Kinderleserunde anbietet.

Eine Frage der Schuld(en)

Doch auf ein viel genanntes Argument von Befürworter:innen des Pflichtjahres bin ich noch gar nicht eingefangen: Die jungen Leute sollen der Gesellschaft etwas zurückgeben! Im Wesentlichen würde das bedeuten, alle Menschen sind nach Schulaustritt erst einmal Schuldner und haben diese Schulden ihrem Gläubiger gegenüber – der Gesellschaft – abzutragen. Ich persönlich kann mich nicht erinnern, einen solchen Vertrag unterschrieben zu haben. Auch ist das der gleiche Vater des Gedankens, aus dem heraus Verachtung für marginalisierte Gruppen wie etwa Erwerbslose, Schwerbehinderte oder Asylbewerber:innen ohne Arbeitserlaubnis gedeiht. Die leben „auf Kosten anderer“ und „tragen selbst nichts bei“. Sie gelten als Belastung. Solche Denk- und Handlungsstrukturen sind sehr weit weg von der Solidargemeinschaft, die ich mir wünsche.

Zudem frage ich mich, welche Schulden wir Jungen denn nun genau bei den Älteren haben sollen. Wir sind doch diejenigen, die die Lasten vergangener und aktueller Politik umfassend zu tragen haben. Geringe Aufstiegschancen für Armutsbetroffene, steigende Mieten, eine kaputt gesparte Infrastruktur, die zunehmende Aushöhlung des Sozialstaates, erstarkender Rechtsextremismus, Klimakatastrophe – all das trifft uns junge Menschen und unsere Zukunft mit voller Breitseite. Es sind die Älteren, die uns etwas schulden – nämlich uns ernst zu nehmen. Wir sind nicht das Wundermittel, um die riesigen Lücken zu stopfen, die eine jahrzehntelange Vernachlässigung der Sozialpolitik hinterlassen hat. Wir sind nicht ein Sündenbock, um die Schuld an fehlendem sozialem Zusammenhalt zu schultern. Die aktuelle Politik weigert sich, Geld in die Hand zu nehmen, um Kultur, Nachhaltigkeit und soziale Netze – die wichtigsten Grundpfeiler für eine funktionierende Demokratie und Gemeinschaft – umfangreich zu fördern und zu schützen. Stattdessen wird fortwährend an unserer Zukunft gehobelt. Die Finanzierung für die FSJ-Stelle in dem kleinen Kunstverein auf dem Dorf steht immer wieder infrage, aber gleichzeitig soll es möglich sein, einen jungen Menschen zur Arbeit dort zu verpflichten? Wie viel Wert hat freiwilliges Engagement noch mal genau?


Zitiervorschlag: Hähnlein, Ronja: “Mit Freiwilligen auf Augenhöhe. Vom persönlichen und gesellschaftlichen Wert des Jugendfreiwilligendienstes”, Freiwilligkeit: Geschichte | Gesellschaft | Theorie, März 2026, https://www.voluntariness.org/de/mit-freiwilligen-auf-augenhoehe/

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