Tagung “Körper. Kultur. Kollektiv.”

Die zweitägige Tagung “Körper. Kultur. Kollektiv. Freiwilligkeit und Zwang in staatssozialistischen Ländern der 1970er bis 1990er Jahre” am 03.-04. Dezember 2026 an der Universität Erfurt wird sich mit den historischen Bedingungen von Freiwilligkeit im Staatssozialismus beschäftigen und dem Verhältnis von Individuum und autoritärem Staat von den 1970er bis in die 1990er Jahre befassen.

Zunehmend rücken die 1990er Jahre in den Fokus der historischen Forschung. In Europa war dieses Jahrzehnt von einem Wandel hin zu neoliberalen Formen des Regierens geprägt. Der Markt wurde zum Organisationsprinzip nicht nur für die Umgestaltung genuin wirtschaftlicher Institutionen erhoben, sondern verlangte auch neue Formen individueller Selbstregierung.

Für diejenigen, die bis dato in den sich nun auflösenden staatssozialistischen Systemen gelebt hatten, bedeutete der Übergang in die neoliberalen Gesellschaften der 1990er Jahre auf den ersten Blick einen Umbruch auf mehreren Ebenen: die Veränderung staatlicher Institutionen sowie Formen individueller Selbststeuerung innerhalb veränderter gesellschaftlicher Anforderungen.

Mit dieser Tagung soll jedoch der Frage nachgegangen werden, ob sich nicht auch im Staatssozialismus selbst Anrufungen an individuelles Handeln finden lassen, an die neoliberale Regierungstechniken andocken konnten. Insbesondere für die postsozialistischen Gesellschaften stellt sich daher die Frage, wie die Geschichte des Neoliberalismus der 1990er Jahre zur Geschichte des Staatssozialismus in Beziehung gesetzt werden kann. Die Tagung geht also der Frage nach, welche Technologien des Selbst, welche Formen neoliberaler Gouvernementalität und welche Praktiken freiwilligen individuellen Handelns sich bereits in den staatssozialistischen Gesellschaften herausbildeten.

Die Tagung wird gemeinsam organisiert von Carsta Langner, Leiterin des Teilprojekts “Freiwilligkeit und Solidarität” in unserer Forschungsgruppe an der Universität Erfurt, Elena M. E. Kiesel, ehemalige Projektbearbeiterin in unserem abgeschlossenen Teilprojekt “Freiwilligkeit und Diktatur” und derzeit Mitarbeiterin im Projekt “Differenz – Transformation – Zusammenhalt”, ebenfalls an der Universität Erfurt, und Lukas Bartl, Mitglied des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien in Erfurt mit seinem Promotionsprojekt zu Gesundheitserziehung in der DDR. Wir laden alle Interessierten herzlich ein, an der Tagung teilzunehmen. Sie wird auf dem Campus der Universität Erfurt stattfinden, Forschungsbau “Weltbeziehungen” (C19), Raum C19.00.04 (Erdgeschoss). Sowohl Vorträge als auch Diskussionen werden auf Englisch stattfinden.

Im Mittelpunkt der Tagung steht Freiwilligkeit im Staatssozialismus und damit das Verhältnis zwischen Individuum und Staat. Um Freiwilligkeit im historischen Kontext greifbar zu machen, fragen wir: Auf welche Weise wurde das Mitmachen in den staatssozialistischen Ländern bereits in der Kindheit eingeübt? Welche Appelle an Internationalismus lassen sich nachzeichnen und wie wurden diese internalisiert? Wie wurde zu Eigeninitiative in Betrieben und gesellschaftlichen Großorganisationen motiviert? Wie eigneten sich die historischen Akteur:innen Gestaltungs- und Partizipationsmöglichkeiten eigensinnig an? Welche Formen individueller Selbstsorge lassen sich bereits in den 1970er und 1980er Jahren erkennen? Welche mentalen Langzeitfolgen lassen sich dabei ausmachen? Und in welcher Beziehung stehen hier Freiwilligkeit und Geschlecht?

Wenngleich in den auf der Tagung präsentierten Vorträgen der (ost-)deutsche Fall dominiert, sollen auch vergleichende Perspektiven einbezogen werden. Fragen nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden staatssozialistischer Subjektkulturen in Vergangenheit und Gegenwart über nationalstaatliche Grenzen hinweg sollen anschließend gemeinsam diskutiert werden. Indem wir nach der Beziehung zwischen autoritärem Staatsapparat und Individuum fragen, rücken wir zugleich das Spannungsverhältnis zwischen Freiwilligkeit und Zwang im Staatssozialismus sowie den postsozialistischen Gesellschaften in den Blick. Anhand ausgewählter Beispiele untersuchen wir, welche Appelle, Kampagnen und Anrufungen zum freiwilligen Mitmachen im Staatssozialismus existierten, wie diese internalisiert wurden und welche Langzeitfolgen sich beobachten lassen.

TAGUNGSPROGRAMM

Da die Anzahl der möglichen Teilnehmenden begrenzt ist, bitten wir um eine Anmeldung vorab per Email an Lukas Bartl (lukas.bartl[a]uni-erfurt.de). Vielen Dank!

DONNERSTAG | 03. DEZEMBER 2026

13.45 | Ankunft, Anmeldung, Kaffee

14.15 | BEGRÜSSUNG & EINFÜHRUNG · Carsta Langner (Erfurt) mit Jürgen Martschukat (Erfurt, Sprecher der DFG-Forschugnsgruppe “Freiwilligkeit”)

14.30 – 15.30 | PANEL I: Growing Up – Being a Child under State Socialism | Chair: Lukas Bartl (Erfurt)

Friederike Kind Kovács (Dresden) · Between Uncertainty and Agency: Children in/of the Transformation

Jessica Dalljo (Halle) · “Apparently, they didn’t want to donate any less” – Voluntarism in Donation Campaigns of the GDR Children’s Magazine Bummi

· Kaffeepause ·

16.00 – 17.00 | PANEL II: Internationalism – The Self of Socialist Solidarity under State Socialism | Chair: Elena M. E. Kiesel (Erfurt)

George Bodie (London) · The Internationalist Dictatorship: Solidarity, State and Citizen in the German Democratic Republic

Carsta Langner (Erfurt) · Debating the Shoah in the Late GDR and the Admission of Soviet Jews into East German Society in the 1990s

· Kaffeepause ·

17.30 – 18.30 | PANEL III: Self-Initiative – The Entrepreneurial Self under State Socialism | Chair: Lukas Bartl (Erfurt)

Mojmír Stránský (Vienna) · Volunteering in State Socialist Czechoslovakia: The Volunteer Fire Brigade and the Limits of Socialist Mobilization

Johannes Schütz (Potsdam) · Volunteer Work as Part of “Mach-Mit” Initiatives in the GDR —The Example of Socialist Housing Estates

19.00 | Abendessen

FREITAG | 04. DEZEMBER 2026

08.45 | Kaffee

09.00 – 10.00 | PANEL IV: Care of the Self – The Preventive Subject under State Socialism | Chair: Carsta Langner (Erfurt)

Lukas Bartl (Erfurt) · The Workers’ and Workouts’ State. Sport, Self-Care and Performance in Health Guides of the late GDR (1980-1993)

Gábor Csikós (Budapest) · “We Enjoy Sitting Together in Silence”: Caring about the Mental Health of the Socialist Pensioner

· Kaffeepause ·

10.30 – 11.30 | PANEL V: Care of Everything? – Femininity under State Socialism | Chair: Heiner Stahl (Erfurt)

Anna McEwan (Glasgow) · From Family Planning to Self-Determination? Reproductive Rights and the Shifting Ideologies of the Democratic Women’s League of Germany (1970–1990)

Elena M. E. Kiesel (Erfurt) · Housewife, Mother, Activist? The “Participatory Dictatorship” from a gender history perspective

11.30 – 12.30 | Abschlussdiskussion

12.30 | Mittagessen (optional)

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