Jugendfreiwilligendienst als Gewinn?

Freiwillige, die in Projekten aus Kultur und Bildung arbeiten möchten, werden von Teamer:innen während ihres Dienstes geschult und begleitet. © privat, bei einem Seminar der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Thüringen e.V.

Von Ronja Hähnlein

Ronja Hähnlein studiert Geschichte im Master “Geschichte transkulturell” an der Universität Erfurt.

Dieser Beitrag ist der erste und überarbeitete Teil eines Artikels, der Ende 2024 in Heft 99/Winter 2025 der Halleschen Studierendenschaftszeitschrift und im März 2025 digital erschienen ist. Die Redakteurin Ronja Hähnlein teilte dort bereits ihre Einschätzung zum gesellschaftlichen und politischen Stellenwert des Jugendfreiwilligendienstes in Deutschland. Als ehemalige Absolventin eines Freiwilligen Sozialen Jahres und im Nebenberuf Teamerin von Freiwilligen bei Bildungsseminaren in Thüringen kommentiert Ronja damit ein sehr aktuelles Thema aus der ersten Reihe. Ihre Perspektiven, Argumente und persönlichen Erfahrungswerte ordnet sie auch in den Kontext der Debatte um eine Wiedereinführung der Wehrpflicht und damit verbunden in eine Debatte über einen verpflichtenden Sozialdienst für junge Menschen ein. In einem Beitrag für unseren Blog vom Juli 2025 fasste bereits Silke van Dyk von der FSU Jena ihre Sicht als politische Soziologin auf Pro- und Contra-Argumente zum sozialen Pflichtjahr zusammen und die Bundeswehrexpertin Nina Leonhard kommentierte im Oktober 2025 den Streitpunkt Freiwilligkeit bei der Diskussion um die mögliche Wiedereinführung des Wehrdienstes. Der Post von Ronja Hähnlein lädt nun bewusst dazu ein, den Blick aus der alltäglichen Praxis heraus auf die vielschichtige Diskussion zu richten. In einem zweiten Teil ihres Textes, der Anfang März 2026 unter dem Titel „Mit Freiwilligen auf Augenhöhe: Über den persönlichen Wert des Jugendfreiwilligendienstes“ erscheinen wird, wird sie außerdem beschreiben, was es für potenzielle Freiwillige bedeuten kann, einen solchen Dienst zu leisten. Wir bedanken uns bei der Redaktion der Halleschen Studierendenschaftszeitschrift für die Erlaubnis zum Re-Posting der Beiträge!

Jugendfreiwilligendienst als Gewinn? Eine Kosten-Nutzen-Rechnung mit Erfahrungswerten

Zuallererst will ich mich outen: Ich bin großer Fan vom Jugendfreiwilligendienst! Die Idee, dass junge Menschen ein Jahr lang in sozialen, ökologischen oder kulturellen Einrichtungen mitarbeiten und dabei die einen von den anderen lernen und umgekehrt – wie großartig ist das bitte? Ich will auch behaupten, etwas Ahnung zu haben. Neben der Erfahrung eines eigenen FSJs nach dem Abitur in Jugendclub, Bibliothek und Tourist-Information meines Heimatortes begleite ich, als Nebenjob zum Studium, nun im sechsten Jahr Freiwillige aus dem Thüringer Kultur- und Politikbereich auf ihren Bildungsseminaren. Dabei habe ich Einblicke in die Perspektiven von Trägern, Einsatzstellen und zahlreichen Freiwilligen bekommen und das hat mich zu meiner Überzeugung gebracht: Ja, Jugendfreiwilligendienst ist der absolute Knüller! Meinem Eindruck nach teilen diese Ansicht jedoch nicht viele. Gesellschaftliche Debatten um das Thema sind beladen mit vielen Widersprüchen und Ignoranz, bei denen vor allem eine Instanz immer wieder verliert: die Gesellschaft selbst.

Zahlen bitte!

2023 wurde eine Petition eingereicht: Innerhalb von vier Wochen konnten über 100 000 Unterschriften gesammelt werden, um gegen die für 2024 geplanten Bundeshaushaltskürzungen im Bereich der Freiwilligendienste zu protestieren. Es gelang tatsächlich, die geplanten Kürzungen von 78 Millionen Euro wurden ausgesetzt. Doch der Erfolg währte nur kurz. Der Kabinettsentwurf für den Bundeshaushalt 2025, der im darauffolgenden Juli vorgelegt wurde, sah nun eine finanzielle Einsparung von etwa 40 Millionen Euro vor – das wären Kürzungen um 12 Prozent gewesen. Allein das vorzeitige Ende der „Ampel-Regierung“ hatte dies verhindert. Die aktuelle Bundesregierung indes beschloss kürzlich für 2026 eine finanzielle Aufstockung von FSJ und Bundesfreiwilligendienst. Ein Grund zum Feiern also? Nun ja, einerseits haben die letzten Jahre gezeigt, auf welch wackeligen Beinen die Bundesfinanzierung für die Freiwilligendienste steht, andererseits sind auch die anderen benötigten Geldtöpfe steten Schwankungen unterlegen.

Insgesamt ist die Finanzierung der Freiwilligendienste eher unübersichtlich. Etwas Geld kommt vom Bund, der Föderalismus glänzt in seinen 16 Facetten, von manchen Bundesländern werden EU-Gelder angezapft. Gleiches gilt auch bei rechtlichen Fragen wie etwa der Unterscheidung in Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) und Bundesfreiwilligendienst (BFD). Zusätzlich ist jeder Freiwilligenjahrgang von zwei Finanzhaushalten abhängig, denn in der Regel beginnt der Dienst im September des einen und endet im August des nächsten Jahres. All das macht den Jugendfreiwilligendienst nur bedingt planbar und diese Unsicherheit schwebt stetig über dem Format. Gleichzeitig und trotz dessen zeigt aber allein die eben erwähnte Petition: Der Jugendfreiwilligendienst hat nicht nur mich als Fan.

Doch der Aspekt der Freiwilligkeit scheint nicht allen zu schmecken: Noch als Kanzlerkandidat verkündete Friedrich Merz im Rahmen seines Wahlkampfes, er wolle als Regierungschef ein “verpflichtendes Gesellschaftsjahr” einführen; dieses Mal für Männer und Frauen. Im Rahmen dessen soll der Grundwehrdienst und alternativ eine Art Zivildienst obligatorisch werden. Und nicht nur in Kreisen der CDU findet die Idee der Verpflichtung Anklang. Der SPD-Fraktionsvize des Bundestages Dirk Wiese forderte im Sommer 2023 einen sozialen Pflichtdienst für junge Menschen von mindestens drei Monaten: “Wir brauchen wieder mehr Respekt im Umgang und ein stärkeres Miteinander im Land.” Auch Aminata Touré (Die Grünen), Sozialministerin Schleswig-Holsteins, sprach sich 2024 für eine Pflicht aus, nachdem sie sich zwei Jahre zuvor noch dagegen positioniert hatte.

Wo Jugendfreiwilligendienstleistende unter anderem arbeiten …

… bei verschiedenen sozialen Fahrdiensten
… beim Denkmalschutz
… in Sportvereinen
… im Rettungsdienst, in Krankenhäusern und weiteren medizinischen Einrichtungen

Wie stellen Sie sich das vor, Herr Merz?

Touré selbst meint, sie wisse, dass die Thematik polarisiere, da eine Pflicht einen Eingriff in die individuelle Freiheit darstelle. Damit verweist sie auf das zentrale Argument bei Debatten gegen ein Pflichtjahr. Und ja, das ist grundsätzlich ein Gegenstand, den es zu diskutieren gilt, stellt dabei aber auch nur die Spitze des Eisberges an Problemen dar, die sich rund um eine mögliche Verpflichtung auftun – wenn man nur einen genaueren Blick auf die Praxis wirft.

Während immer wieder darüber geredet wird, welche Bereicherung Freiwillige für die Einsatzstellen darstellen, wird allzu gern der damit einhergehende Aufwand vergessen. Jedes Jahr müssen Einrichtungen aufs Neue Menschen einarbeiten und betreuen, deren Tätigkeit nach dem Prinzip der Arbeitsmarktneutralität keine bezahlte Arbeit ersetzen darf. Wie hoch dürfte dieser Aufwand nun sein, wenn da ein junger Mensch vor einem steht, der schlichtweg keine Lust hat? Wie viel ist ein Sozialdienst wert, der nicht aus freiwilligem Geben und Lernen, sondern verdonnertem Sich-mitschleifen-Lassen besteht?

Andererseits würden zahllose Dienstleistende in Einrichtungen landen, in denen der Job des Mentorings nicht ordentlich ausgefüllt werden kann. Wie gesagt, die Anleitung und Förderung durch die Einsatzstelle ist auch mit Arbeit verbunden. Das will gelernt sein und muss wiederum auch angeleitet und kontrolliert werden. Die Mitarbeitenden von Freiwilligendienstträgern begleiten die Dienstleistenden unabhängig von ihren Einsatzstellen und agieren oft als Mediator:innen bei Problemen, die zwischen Freiwilligen und Einrichtung auftreten. Sie haben ein liebevolles Auge darauf, ob das Jahr ohne Ausbeutung, Druck oder systematische Langeweile verläuft. Diese Aufgabe ist äußerst wichtig – und braucht damit ausreichend Finanzierung und passendes Personal – während gleichzeitig eine große Zahl neuer Einsatzstellen besonders viel Aufmerksamkeit und damit verbundene Arbeit verlangen würde.

Denken wir das Ganze mit einer Wiedereinführung der Wehrpflicht zusammen, wie es momentan oft im Zusammenhang mit einem Pflichtjahr getan wird, treten weitere Probleme zutage. In der Bundeswehr fehlt es momentan ebenfalls an entsprechenden Strukturen, um eine Wiedereinführung stemmen zu können. So braucht es etwa neue Musterungseinrichtungen oder Ministeriumsstellen, in denen Verweigerungsschreiben geprüft werden. All diese Strukturen wurden mit dem Aussetzen der Wehrpflicht abgebaut und müssen nun wieder neu errichtet werden; bei voller Kapazität sollen 300.000 Musterungen pro Jahrgang gestemmt werden. Da diese Zahl allein die wehrpflichtigen Männer abdeckt, bedarf es noch zusätzlicher Kapazitäten für Interessierte anderer Geschlechter. Deren Zahl wiederum dürfte bei der Einführung eines allgemeinen Pflichtjahres noch einmal steigen. Und all diese jungen Menschen müssen dann ja auch, einmal angekommen in der Bundeswehr, ausgestattet, ausgebildet, versorgt und bezahlt werden.

Wo Jugendfreiwilligendienstleistende unter anderem arbeiten …

… in staatlichen und freien Theatern
… in Gedenkstätten und Erinnerungsorten

Das liebe Geld

Grundsätzlich würde ich an dieser Stelle einmal die Frage in den Raum werfen, wer das alles bezahlen soll. Bereits eine Wiedereinführung der Wehrpflicht wird teuer, ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr wäre eine weitere massive Investition – und das, während Freiwilligendienste jedes Jahr aufs Neue zittern müssen, ob ihr Budget im nächsten Jahr erhalten bleibt. Zudem muss eine potenzielle Pflicht allzu gerne als Lösung für den krassen Personalmangel im sozialen Sektor herhalten. Da werden schöne Bilder gemalt von einer Oma im Pflegeheim, die endlich jemanden hat, mit dem sie Halma spielen kann. Dass Freiwilligendienstleistende offiziell als arbeitsmarktneutral gelten, wird da gerne vergessen. Alternativ verweisen Verfechter:innen der Pflicht bei ihrer Argumentation gerne auf die Tatsache, dass 70 Prozent aller Freiwilligen, die einen sozialen Jugenddienst ableisten, auch später eine Ausbildung in der Branche beginnen. Aber durch eine Pflicht werden doch nicht automatisch mehr Menschen überzeugt und an den prekären Arbeitsbedingungen ändert das auch nichts. Es drängt sich die Frage auf: Wieso nicht direkt das Geld statt in einen Pflichtdienst in deutlich bessere Arbeitsbedingungen etwa im Sozial- und Pflege-dienst investieren, sodass endlich wieder mehr Menschen im sozialen Sektor arbeiten können und wollen?

Tatsächlich ist es einfach so: Dienstleistende sind vergleichsweise günstig. Der Höchstbetrag für das Taschengeld im FSJ und BFD liegt 2025 bei 644 Euro für eine Vollzeitstelle. So viel Geld bekommen allerdings die Wenigsten. In Thüringen sind es im Kulturbereich momentan 350 Euro im Monat. Es scheint also vermeintlich wirtschaftlicher zu sein, jeden Jahrgang junger Menschen für zwölf Monate und kaum Geld in soziale Einrichtungen zu stecken, statt Mittel in die Hand zu nehmen und langfristige Lösungen zu schaffen. Das wäre zwar eine deutlich nachhaltigere Investition, aber im ersten Moment auch eine nochmal deutlich teurere – da wirkt die Alternative anscheinend attraktiver.

Das Taschengeld in dieser Form ist darüber hinaus ein Argument gegen eine Verpflichtung. Ein Jahr mit so wenig Geld zu leben, muss man sich leisten können. Bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres besteht zwar Anspruch auf Kindergeld und auch Wohngeld kann beantragt werden, aber die Lebenshaltungskosten deckt das kaum. Ohne finanzielle Unterstützung durch die Eltern ist ein Jugendfreiwilligendienst kaum stemmbar. Nun Menschen jeder ökonomischen Schicht in ein solches Lebensverhältnis zu zwingen, wäre nichts weiter als klassistisch. Natürlich könnte man das Taschengeld erhöhen; was wiederum eine deutliche Mehrausgabe für einen Staat wäre, der ja jetzt schon kaum bereit ist, die bestehenden Taschengelder an die aktuellen Lebenserhaltungskosten anzupassen. Mein persönliches Fazit: Wollen junge Menschen sich freiwillig engagieren, ist das nicht wichtig genug, um es ausreichend zu finanzieren – doch eine Verpflichtung wäre seitens der Verantwortlichen/der Politik so sehr zu befürworten, dass man bereit wäre, dafür sehr große Summen in die Hand zu nehmen.

Ausbaufähig

Wer möchte, dass sich mehr junge Leute gezielt ein Jahr lang gemeinnützig engagieren, sollte sie nicht zwingen, sondern das Engagement attraktiver gestalten. Wenn ich sage, ich bin Fan des Jugendfreiwilligendienstes, dann heißt das nicht, dass ich komplett zufrieden mit dessen Konzeption bin; im Gegenteil. An konkreten Stellen ist Jugendfreiwilligendienst erheblich ausbaufähig:

  • Oft wird Freiwilligendienst als eine Art Umweg im Lebenslauf angesehen, der kaum Mehrwert für den weiteren Arbeits- oder Karriereweg besitzt; ein “Ich wusste halt nicht, was ich nach dem Abi machen sollte”, was – nebenbei bemerkt – meines Erachtens eine vollkommen legitime Situation ist. Erworbene Kompetenzen und persönliches Wachstum werden später kaum gesehen oder erfragt.
  • Des Weiteren stellt sich die Frage, wer überhaupt Zugang zu einem Freiwilligendienst hat. Im Kulturbereich mit seinen Einsatzstellen in Theatern und Museen fällt es besonders ins Auge: Hier sind kaum Freiwillige aus ärmeren Schichten vertreten. Auch zu Einsatzstellen wie Sportvereinen oder Naturschutzgebieten haben armutsbetroffene Kinder und Jugendliche zuvor oft keine direkte Verbindung. Es ist nicht nur das geringe Taschengeld, das ihnen diese Form der Teilhabe verwehrt.
  • Die Freiheit der Träger kann ebenso problematisch sein. Wie erwähnt ist ihr Job die Begleitung der Freiwilligen durch ihr Jahr. Dazu kommt die Gestaltung von sogenannten Bildungstagen. Gesetzlich sind im zwölfmonatigen Freiwilligendienst mindestens 25 Bildungstage vorgeschrieben. Ein Großteil davon wird in Form von Seminarfahrten absolviert, wo Freiwilligendienstleistende in Gruppen gemeinsam mit Mitarbeitenden ihres Trägers für eine knappe Woche gemeinsam verreisen. Neben dem Austausch mit anderen Freiwilligen nehmen sie hier an Bildungsangeboten teil, die eigenverantwortlich vom Träger gestaltet werden und deren Schwerpunkte sich an der Ausrichtung des Dienstes orientieren. Das schafft Flexibilität in Struktur und Inhalt, aber die Qualität dieser Bildungsangebote wird nicht nennenswert geprüft. Gleiches gilt für die Begleitung der Freiwilligen in ihrem Arbeitsalltag.

Der Träger spielt also eine wichtige Rolle bei der Qualität des Freiwilligendienstes, seine Mitarbeitenden sollen die Ansprechpersonen bei Problemen sein, die im Laufe des Jahres auftreten – aber was tun, wenn tatsächlich der Träger das Problem ist? Diese Erfahrung müssen Freiwillige jedes Jahr aufs Neue machen. Nicht alle fühlen sich bei ihrem Träger und mit dessen Arbeit wohl. Also, welche Möglichkeiten hat der:die Freiwilligendienstleistende bei starker Unzufriedenheit? Er:sie kann sich an offizielle Vertreter:innen aus der Sozialpolitik wenden! Da ist noch viel Potenzial, das Ganze etwas niedrigschwelliger zu gestalten für die jungen Leute.

Wo Jugendfreiwilligendienstleistende unter anderem arbeiten …

… auf Bio-Bauernhöfen
… in sozialen Tageseinrichtungen wie
Jugendclubs oder Demenzbetreuungen

Hallo? Hört uns jemand?

Überhaupt ist das mit der Interessenvertretung von Freiwilligendienstleistenden so eine Sache. Kinder und junge Menschen haben gemeinhin kaum politisches und gesellschaftliches Mitsprache- und Gestaltungsrecht. Der Freiwilligendienst selbst fällt bei verantwortlichen Politiker:innen im Sozialbereich neben all den „größeren“ Themen wie Schule oft unter den Tisch.

Einige Träger wie etwa der Dachverband Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. und seine Ableger in den einzelnen Bundesländern haben sich selbst zur Einrichtung einer Freiwilligenvertretung verpflichtet. Es ist ein Ehrenamt, das Freiwillige zusätzlich zu ihrer Arbeit in der Einsatzstelle annehmen können, um sich für die Belange von Jugendfreiwilligendienstleistenden einzusetzen. Ein Beispiel dafür ist die Aktion #freiefahrtfuerfreiwillige, mit der eine kostenlose Nutzung des ÖPNVs für Freiwillige gefordert wird. Die aktuell 63 Euro für das Deutschlandticket sind schlicht ein zu hoher Kostenpunkt im geringen Taschengeld, zumal viele Freiwillige auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, um zu ihrer Arbeit zu gelangen. Die Freiwilligenvertretung ist der Versuch nachhaltiger Lobbyarbeit, die auch immer mal Früchte trägt, aber wie gesagt: Gehört wird die Gruppe der Freiwilligen selten und die zusätzliche Arbeit mit der Begleitung einer Freiwilligenvertretung machen sich auch nicht alle Träger.

Außerdem ist die immanente Fluktuation des Freiwilligendienstes ein Hindernis für ein kontinuierliches Wirken auf die Politik. Wenn in jedem Jahr neue Menschen kommen, für die auch noch der Einstieg in den Freiwilligendienst und die neue Lebensphase mitunter recht stressig und fordernd ist, wird eine konstante Arbeit zur nachhaltigen Verbesserung deutlich erschwert. Träger engagieren sich ebenfalls dahingehend, aber dies reicht nicht aus. Die Stimmen von „Betroffenen“, also von Freiwilligen, sind ein unabdingbarer Aspekt der Arbeit. Und: „Es ist nur für ein Jahr.“ – Ich vermute, dass das auch viele von einem stärkeren Engagement abhält. Wer sich während seines:ihres Freiwilligendienstes für Veränderungen stark macht, arbeitet dabei in erster Linie für kommende Jahrgänge, nicht für sich selbst.

Also alles recht hoffnungslos? Nicht ganz! Im April 2023 riefen Sprecher:innen verschiedener Freiwilligenvertretungen die Kampagne “Freiwilligendienste stärken” ins Leben. Mithilfe einer Petition wollten sie für Verbesserungen werben; genau im Petitionszeitraum wurde jener eingangs erwähnte Bundeshaushaltsentwurf vorgelegt, der für 2024 die Kürzungen in Höhe von 78 Millionen Euro vorsah. Ad hoc verlegten die Aktivist:innen den Schwerpunkt der Petition auf die finanzielle Sicherung des Freiwilligendienstes. Das Quorum lag bei 50.000 Unterschriften, am Ende konnten sie über 100.000 sammeln. Es war jene Petition, die die Kürzungen im Bundeshaushalt zunächst verhinderte.

Der zweite Teil zu diesem Beitrag wird Anfang März 2026 auf unserer Seite erscheinen, unter dem Titel „Mit Freiwilligen auf Augenhöhe: Über den persönlichen Wert des Jugendfreiwilligendienstes“. Wer ihn nicht verpassen möchte: Gerne auf Instagram oder Bluesky folgen! Stay tuned!


Zitiervorschlag: Hähnlein, Ronja: “Jugendfreiwilligendienst als Gewinn? Eine Kosten-Nutzen-Rechnung mit Erfahrungswerten”, Freiwilligkeit: Geschichte | Gesellschaft | Theorie, Februar 2026, https://www.voluntariness.org/de/jugendfreiwilligendienst-als-gewinn/

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