{"id":17000,"date":"2026-08-19T12:00:00","date_gmt":"2026-08-19T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voluntariness.org\/?p=17000"},"modified":"2026-09-03T10:18:29","modified_gmt":"2026-09-03T08:18:29","slug":"freiwilligkeit-und-repatriierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-und-repatriierung\/","title":{"rendered":"Freiwilligkeit und Repatriierung"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center has-content-bg-alt-background-color has-background is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"590\" height=\"458\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/07\/ohlone-tribe-flag.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-17001\" style=\"width:590px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/07\/ohlone-tribe-flag.png 590w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/07\/ohlone-tribe-flag-250x194.png 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/07\/ohlone-tribe-flag-300x233.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 590px) 100vw, 590px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Flagge des Muwekma Ohlone Tribe &#8211; \u00a9 Muwekma Ohlone Tribe, via <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=109301064\">Wikimedia Commons<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\"><div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"250\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2024\/04\/niedermeier_web-250x250.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-14295\" style=\"width:250px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2024\/04\/niedermeier_web-250x250.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2024\/04\/niedermeier_web-800x800.jpg 800w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2024\/04\/niedermeier_web-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2024\/04\/niedermeier_web-1070x1070.jpg 1070w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2024\/04\/niedermeier_web-300x300.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-content-primary-color has-text-color wp-block-paragraph\">Von Silvan Niedermeier<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Silvan Niedermeier ist Historiker an der Universit\u00e4t Erfurt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-left\" id=\"perspectives-on-voluntariness-and-the-covid-crisis\"><strong>Freiwilligkeit und Repatriierung. Die R\u00fcckf\u00fchrung von Vorfahren der Ohlone durch die Stanford University, 1988-1991<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 21. Juni 1989 gab die Stanford University eine historische Entscheidung bekannt. Wie die Universit\u00e4tsleitung erkl\u00e4rte, werde sie alle Gebeine der Vorfahren des Ohlone Tribe aus Nordkalifornien in ihrer anthropologischen Sammlung zur\u00fcckgeben, wann immer die Nachfahren dies w\u00fcnschten (Stanford University Campus Report, 21. Jun. 1989, 1, 24). Bereits am 5. Juni 1989 hatte Kanzler James N. Rosse die Entscheidung an die Stammes\u00e4ltesten der Ohlone \u00fcbermittelt. In seinem Schreiben hatte Rosse erkl\u00e4rt, dass die Stanford University die religi\u00f6sen Vorstellungen Indigener Gruppen bez\u00fcglich der Gebeine ihrer Vorfahren honoriere und zugleich anerkenne, dass die heutigen Nachfahren der Ohlone das Recht h\u00e4tten, \u00fcber den endg\u00fcltigen Verbleib der Gebeine zu befinden (Brief von James N. Rosse, 5. Jun. 1989, Files of Stanford University Archaeologist (FSUA)).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Entscheidung stimmte erstmals eine Universit\u00e4t in den USA einer umfassenden R\u00fcckgabe von Indigenen Ancestral Remains aus eigenen Sammlungsbest\u00e4nden zu. Auf der Grundlage von Briefwechseln und Memoranden beleuchtet dieser Beitrag das Zustandekommen des R\u00fcckgabebeschlusses der Stanford University. Zudem r\u00fcckt er die Widerst\u00e4nde und Proteste von Arch\u00e4olog*innen gegen die Entscheidung in den Fokus. Wie der Beitrag zeigt, handelte es sich bei der R\u00fcckf\u00fchrung der Vorfahren der Ohlone durch die Stanford University bei genauerer Betrachtung um ein umk\u00e4mpftes Geschehen, in dem Beteiligte die Legitimit\u00e4t der Indigenen R\u00fcckf\u00fchrungsanspr\u00fcche und der R\u00fcckgabeentscheidung der Stanford University bis zum Zeitpunkt der Wiederbestattung anfochten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Repatriierungsdebatte in den USA der 1970er und 1980er Jahre<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stanfords R\u00fcckgabeentscheidung stand im Kontext einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung um die Forderung Indigener Gruppen nach einer R\u00fcckf\u00fchrung der Gebeine ihrer Vorfahren, die in US-amerikanischen Museen und Forschungseinrichtungen lagerten. Im Zuge der 1970er Jahre initiierten Aktivist*innen der Red-Power-Bewegung wiederholt Protestaktionen, in denen sie die Ausgrabung, Aufbewahrung und Ausstellung Indigener Gebeine und Grabbeigaben anprangerten und deren R\u00fcckgabe einforderten. Ab Beginn der 1980er Jahre r\u00fcckten Indigene Gruppen verst\u00e4rkt universit\u00e4re Forschungseinrichtungen in den Fokus ihrer Proteste. Eine treibende Kraft war die 1980 in Indianapolis gegr\u00fcndete Organisation <em>American Indians against Desecration<\/em> (AID).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">AID formulierte den Anspruch, dass Indigene Tribes exklusiv \u00fcber den Umgang mit den sterblichen \u00dcberresten ihrer Vorfahren entscheiden d\u00fcrften, unabh\u00e4ngig von deren Alter und Bedeutung f\u00fcr die arch\u00e4ologische und anthropologische Forschung. Vertreter*innen der Anthropologie und Arch\u00e4ologie reagierten zum Teil mit entschiedenem Widerstand gegen die Forderungen von AID, die aus ihrer Sicht die Freiheit der Forschung und den Fortschritt der Wissenschaft bedrohten. Gleichzeitig f\u00fchrte der anhaltende Indigene Aktivismus dazu, dass Indigene Verf\u00fcgungsrechte \u00fcber Ancestral Remains in verschiedenen Bundesstaaten der USA verst\u00e4rkt politische Ankerkennung erfuhren. In Kalifornien etwa beschloss das Repr\u00e4sentantenhaus im Jahr 1982 die <em>Senate Bill 297<\/em>, die Indigene Begr\u00e4bnisst\u00e4tten vor Vandalismus und Zerst\u00f6rung durch Bauma\u00dfnahmen sch\u00fctzen sollte. Das Gesetz enthielt die Auflage, dass Indigene Gruppen zeitnah \u00fcber neu gefundene menschliche \u00dcberreste und Grabbeigaben informiert werden sollten und den Eigent\u00fcmer*innen der Grundst\u00fccke Empfehlungen \u00fcber den w\u00fcrdevollen Umgang mit diesen Funden geben konnten. Falls die Eigent\u00fcmer*innen dem vorgeschlagenen Vorgehen nicht nachkommen wollten, waren sie verpflichtet, die Gebeine und Beigaben auf w\u00fcrdevolle Weise wieder zu bestatten. Damit wurde Indigenen Gruppen eine ma\u00dfgebliche Rolle im Umgang mit neu aufgefundenen Ancestral Remains zuerkannt. Indigene Gebeine, die sich bereits in musealen oder universit\u00e4ren Sammlungen befanden, blieben vom Gesetz unber\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der zweiten H\u00e4lfte der 1980er Jahre verst\u00e4rkten AID und andere Indigene Organisationen die Forderungen nach einer nationalen L\u00f6sung der Repatriierungsfrage. Unterst\u00fctzung erfuhren sie dabei in zunehmendem Ma\u00dfe von Abgeordneten im US-Kongress. Zum Zeitpunkt der R\u00fcckgabeentscheidung der Stanford University im Juni 1989 diskutierten Vertreter*innen des Senats und des Repr\u00e4sentantenhauses unterschiedliche Gesetzentw\u00fcrfe, die darauf abzielten Indigene Ancestral Remains aus Museen und Forschungssammlungen an deren Nachfahren zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Weg zur Entscheidung der Stanford University<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ausgangspunkt der R\u00fcckgabeentscheidung der Stanford University war ein Besuch von Rosemary Cambra und weiteren Angeh\u00f6rigen der Ohlone im Leland Stanford Jr. Museum auf dem Campus der Stanford University im Oktober 1988. Cambra, die sp\u00e4tere Vorsitzende des Muwekma Ohlone Tribe, war damals Pr\u00e4sidentin des Ohlone Families Consulting Service (heute: <a href=\"https:\/\/www.muwekmaohlone.org\/\">Muwekma Archaeological Services<\/a>), eine Firma, die sich auf die Beratung zum Umgang mit Indigenen kulturellen Ressourcen der Ohlone spezialisiert. Bei einer F\u00fchrung durch die kuratorische Abteilung des Leland Stanford Jr. Museum wurden Cambra und ihre Begleiterinnen mit den dort aufbewahrten Gebeinen und ihren Aufbewahrungsbedingungen konfrontiert (Brief von Rosemary Cambra, 20. Okt. 1988, FSUA). Kurz darauf sandte Cambra einen Brief an James Lowell Gibbs, Jr., den damaligen Fachbereichsvorsitzenden des Anthropologiedepartment. Cambra brachte darin ihre Besorgnis \u00fcber die Aufbewahrung der Gebeine zum Ausdruck und forderte die Universit\u00e4t zu einem Dialog \u00fcber den Umgang mit den Best\u00e4nden auf. Zudem erhob sie die Forderung nach einem Zeitplan f\u00fcr die Wiederbestattung der Gebeine (Ebd.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interne Dokumente zeigen, dass Verantwortliche des Anthropologiedepartments und der Universit\u00e4t mit Entgegenkommen und Vorsicht auf Cambras Forderungen reagierten. In seinem Antwortschreiben an Cambra erkl\u00e4rte James Gibbs, dass er den aufgeworfenen Vorschl\u00e4gen und Forderungen \u201chohe Priorit\u00e4t\u201d einr\u00e4umen werde. (Brief von James Lowell Gibbs, Jr., 7. Nov. 1988, FSUA). In einem Anfang Dezember 1988 versandten Memorandum an Verantwortliche in verschiedenen Bereichen der Universit\u00e4t erkl\u00e4rte der Dekan der Geistes- und Naturwissenschaften, Walter P. Falcon, dass Stanford in diesem Fall mit besonderer Umsicht agieren m\u00fcsse, um sich nicht dem Vorwurf des Rassismus und m\u00f6glichen Klagen auszuliefern. Falcon verwies darauf, dass fehlende Sensibilit\u00e4t im weiteren Vorgehen die Beziehung der Universit\u00e4t mit der lokalen Indigenen Community belasten k\u00f6nne. Zugleich betonte er, dass es notwendig sei zu eruieren, welches Forschungspotential die r\u00fcckgeforderten Best\u00e4nde h\u00e4tten (Memorandum von Walter P. Falcon, 6. Dez. 1988, FSUA). Falcons Schreiben macht deutlich, dass das Gesuch der Ohlone die Universit\u00e4tsleitung vor komplexe Abw\u00e4gungsfragen stellte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Dezember 1988 kam es zu einem ersten Treffen zwischen den Ohlone und Verantwortlichen der Universit\u00e4t. Darin vereinbarten die Parteien, dass die Indigenen Gebeine in der Sammlung unverz\u00fcglich \u201crekuratiert\u201d, d.h. in w\u00fcrdevolle Aufbewahrungsbeh\u00e4ltnisse \u00fcberf\u00fchrt werden sollten. Zudem wurde beschlossen, dass w\u00e4hrend der Rekuratierung keine Beforschung der Gebeine stattfinden sollte, ohne zuvor die Erlaubnis der Ohlone einzuholen (Brief von James Lowell Gibbs, Jr., 30. Jan. 1989, FSUA).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anfang Februar 1989 verabschiedete das Anthropologiedepartment der Stanford University einstimmig eine Resolution, in der es erkl\u00e4rte, dass man das Recht Indigener Gruppen anerkenne, \u00fcber den Verbleib der Gebeine ihrer Vorfahren zu bestimmen. Damit machten die Verantwortlichen des Departments den Weg f\u00fcr eine potenzielle R\u00fcckf\u00fchrung Indigener Gebeine aus der anthropologischen Sammlung der Stanford University frei. Gleichzeitig brachten sie in der Resolution die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Ohlone, angesichts des potenziellen Nutzens der Beforschung der Gebeine f\u00fcr sie selbst, bestehenden und zuk\u00fcnftigen Forschungen an den Gebeinen zustimmen w\u00fcrden (Brief von James Lowell Gibbs, Jr., 7. Feb. 1989, FSUA).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Hoffnung kam auch in den Verlautbarungen der Universit\u00e4t zur R\u00fcckgabe der Gebeine an die Ohlone zum Ausdruck, die im Juni 1989 ver\u00f6ffentlicht wurden. Wie die Universit\u00e4tsleitung erkl\u00e4rte, werde man zeitnah das Forschungspotential der zur\u00fcckgeforderten Sammlungsbest\u00e4nde evaluieren. Im Anschluss wolle man die Ohlone gegebenenfalls um Erlaubnis f\u00fcr die weitere Beforschung einer oder mehrerer Sammlungen bitten. Zugleich betonten die Verantwortlichen, dass die Ohlone unabh\u00e4ngig vom Ergebnis der Evaluation eigenm\u00e4chtig \u00fcber den Zeitplan der Wiederbestattung entscheiden k\u00f6nnten (Stanford University Campus Report, 21. Jun. 1989, 1, 24). Damit r\u00e4umte die Universit\u00e4tsleitung den Interessen der Ohlone dezidiert Vorrang gegen\u00fcber den m\u00f6glichen Interessen der Wissenschaft an der weiteren Erforschung der Gebeine ein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201cThe worst kind of academic cowardice\u201d: Die Proteste von Vertreter*innen der Arch\u00e4ologie und Anthropologie<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vertreter*innen der Ohlone und anderer Indigener Gruppen und Organisationen reagierten erfreut und erleichtert \u00fcber die im Juni 1989 verk\u00fcndete Entscheidung der Stanford University. Dagegen \u00e4u\u00dferten einzelne Wissenschaftler bereits kurz nach Bekanntwerden Kritik daran. Besonders deutlich wurde der Anthropologe Robert Jurmain von der San Jose State University, der zu diesem Zeitpunkt an einer Sammlung von Gebeinen der Ohlone forschte, die er von der Stanford University als Leihgabe erhalten hatte. Jurmain verurteilte die Entscheidung in einem Zeitungsinterview als \u201cunconscionable, scientifically indefensible and the worst kind of academic cowardice\u201d (San Jose Mercury News, 23. Jun. 1989, 1B). Auch Vertreter anderer Forschungseinrichtungen \u00e4u\u00dferten massive Bedenken. Donald Ortner, der Leiter des Smithsonian National Museum of Natural History, bezeichnete die R\u00fcckgabe als eine \u201csehr schlechte Entscheidung aus wissenschaftlicher Perspektive.\u201d Ortner prognostizierte, dass \u201cein schrecklicher Preis\u201d gezahlt werden m\u00fcssen, da Entscheidungen wie diese die medizinische Forschung an Indigenen menschlichen \u00dcberresten einschr\u00e4nken w\u00fcrden (zitiert nach <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/archive\/politics\/1989\/06\/23\/university-to-return-ancestral-bones-to-tribe\/4cca14f4-e7f4-41b9-9eb8-58dfc42d2a8e\/\">Jay Mathews, \u201cUniversity of Return Ancestral Bones to Tribe,\u201d <em>Washington Post<\/em>, 22. Jun. 1989<\/a>). Ortners Kommentar stand auch im Kontext der Beratungen \u00fcber eine nationale Repatriierungsgesetzgebung, die sich im Sommer 1989 weiter zuspitzten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenige Tage nach der Bekanntgabe der R\u00fcckgabeentscheidung durch die Universit\u00e4t Stanford erkl\u00e4rte der emeritierte Anthropologe Bert Gerow \u00f6ffentlich, dass ein ma\u00dfgeblicher Teil der r\u00fcckgeforderten Gebeine unter seiner Aufsicht ausgegraben und er aus diesem Grund deren rechtm\u00e4\u00dfiger Besitzer sei. Nicht die Universit\u00e4t, sondern allein er k\u00f6nnte daher \u00fcber den Verbleib der Gebeine bestimmen, so Gerow (Stanford University Campus Report, 6. Jul. 1989, 1, 5). Er erhielt unter anderem Unterst\u00fctzung durch das in Kalifornien ans\u00e4ssige American Commitee for Preservation of Archaeological Collections (ACPAC). Dessen Vorsitzender, der Arch\u00e4ologe Clement Meighan, kommentierte sarkastisch, dass die Stanford University die R\u00fcckgabe der Gebeine zu einem \u201cfreiwilligen humanit\u00e4ren Akt\u201d erkl\u00e4rt habe. Stanford, so Meighan weiter, sei die erste Universit\u00e4t, die \u201cfr\u00f6hlich\u201d ihre arch\u00e4ologische Sammlung \u201centsorge\u201d (ACPAC Newsletter, Juli 1989, FSUA). Meighan verglich die Entscheidung mit anderen Eingriffen in die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und Lehre: \u201c[T]he destruction of archaeological materials, including human remains, is an anti-intellectual move that is exactly equivalent to canceling classes on evolution, abandoning animal research or burning library books\u201d (<em>Stanford News<\/em>, 23. Jun. 1989, FSUA).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einer Pr\u00fcfung der rechtlichen Lage erkl\u00e4rte James Rosse im Oktober 1989, dass die von Gerow beanspruchten Gebeine der Universit\u00e4t geh\u00f6rten, da die Grabungen mit universit\u00e4ren Ressourcen und Personal durchgef\u00fchrt worden seien (<em>The Stanford Daily<\/em>, 4. Okt. 1989, 1). Im November 1989 sandte die Universit\u00e4t Stanford den Bericht \u00fcber das Forschungspotential der r\u00fcckgeforderten Gebeine nach mehrmonatiger Verz\u00f6gerung an die Vertreter*innen der Ohlone (Brief von James N. Rosse, 9. Nov. 1989, FSUA). Wenige Wochen sp\u00e4ter erkl\u00e4rten die Ohlone gegen\u00fcber der Universit\u00e4t, dass alle Gebeine der Vorfahren der Ohlone im Besitz der Stanford University mitsamt beigef\u00fcgten Grabbeigaben wiederbestattet werden sollten. (Brief von Larry Myers, 20. Dez. 1989, FSUA).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Zuge weiterer Beratungen einigten sich die Universit\u00e4t und die Ohlone darauf, dass ein erster Teil der Gebeine und Grabbeigaben am 30. April 1990 zur\u00fcckgef\u00fchrt werden sollte. F\u00fcr die R\u00fcckf\u00fchrung der an die San Jose State University ausgeliehen Gebeine, die von Robert Jurmain erforscht wurden, gew\u00e4hrten die Ohlone einen einj\u00e4hrigen Aufschub (Protokoll von Larry Myers, 8. M\u00e4r. 1990, FSUA). Am 30. April 1990 \u00fcbergab die Stanford University etwa 300 Gebeine und assoziierte Grabbeigaben an die Ohlone. Am selben Tag ver\u00f6ffentlichte das Stanford Chapter der American Association of University Professors eine Protestnote. Der \u00d6konom und Sprecher der Gruppe Kenneth J. Arrow zweifelte unter anderem an, dass die zur\u00fcckgegebenen Gebeine Vorfahren der Ohlone seien. Zudem erkl\u00e4rte er, dass die Entscheidung der Stanford University die M\u00f6glichkeit ihrer Fakult\u00e4ten beschnitten habe, Forschung zu betreiben, ohne darin von religi\u00f6sen Rechten oder Menschenrechten eingeengt zu werden (Stanford University Campus Report, 2. Mai 1990). Am Tag darauf ver\u00f6ffentlichte Walter Falcon eine Replik auf die Vorw\u00fcrfe, in der er unter anderem erl\u00e4uterte, dass die zur\u00fcckgegebenen Gebeine nur aus den historischen Siedlungsgebieten der Ohlone stammten. Zudem verteidigte Falcon die Entscheidung als Ergebnis eines langwierigen Abw\u00e4gungsprozesses (Ebd.). Am 29. April 1991 gab die Universit\u00e4t die restlichen Gebeine der Vorfahren der Ohlone im Besitz der Stanford University zur Wiederbestattung zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Auseinandersetzung \u00fcber die R\u00fcckf\u00fchrung der Vorfahren der Ohlone durch die Stanford University kreiste um die Frage, wem die Entscheidungshoheit \u00fcber den Verbleib der Gebeine zustand. Dabei standen sich Interessen und Besitzanspr\u00fcche der Universit\u00e4t, der Ohlone und der Wissenschaft gegen\u00fcber. Mit der im Februar 1989 beschlossenen Resolution erkannten die Vertreter*innen des Anthropologiedepartment das Recht der Ohlone an, \u00fcber den Verbleib der Gebeine ihrer Vorfahren zu bestimmen. In ihrer Entscheidung vom Juni 1989 machte sich die Leitung der Stanford University diese Auffassung zu eigen. Damit verzichteten die Verantwortlichen auf ihre Verf\u00fcgungshoheit \u00fcber die universit\u00e4ren anthropologischen Best\u00e4nde, die von den herrschenden rechtlichen Bestimmungen abgesichert wurde. Die Entscheidung der Stanford University ging damit mit einer \u201cfreiwilligen\u201d, weil ohne rechtlichen Zwang und aus ethisch-moralischen Erw\u00e4gungen erfolgenden, Aufgabe von Besitz- und Verf\u00fcgungsanspr\u00fcchen einher. Zugleich war dies der Punkt, an dem sich die Kritik von Vertreter*innen der Wissenschaft an der Entscheidung entz\u00fcndete. Mit der \u201cfreiwilligen\u201d Aufgabe der Gebeine, so der Einwand, stelle sich die Universit\u00e4t zwei ihrer wesentlichen Aufgaben entgegen: die F\u00f6rderung des wissenschaftlichen Fortschritts und die Bewahrung der Freiheit der wissenschaftlichen Forschung. Aus Sicht der Indigenen Beteiligten dagegen, war die R\u00fcckgabe eine \u00fcberf\u00e4llige Pflicht, kein freiwilliger Akt. Zum Ausdruck brachte dies Rosemary Cambra, die die Entscheidung zur R\u00fcckgabe mit dem Satz kommentierte, \u201cI feel Stanford is doing what is long overdue\u201d (zitiert nach <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/archive\/politics\/1989\/06\/23\/university-to-return-ancestral-bones-to-tribe\/4cca14f4-e7f4-41b9-9eb8-58dfc42d2a8e\/\">Jay Mathews, \u201cUniversity To Return Ancestral Bones to Tribe,\u201d <em>Washington Post<\/em>, 22. Jun. 1989<\/a>). Die Analyse bringt somit unterschiedliche Dimensionen und Deutungen von Freiwilligkeit im Kontext der Repatriierungsdebatte an der Stanford University zum Vorschein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschehnisse machen zugleich auf grundlegende Konfliktlinien aufmerksam, die die Repatriierungsdebatte der 1980er Jahre in den USA sowie in anderen Teilen der Welt pr\u00e4gten. Sie geben zudem zu erkennen, dass Indigene Rechte in der Repatriierungsfrage Ende der 1980er Jahre verst\u00e4rkt Anerkennung erfuhren. Im Herbst 1989 verabschiedete der US-Kongress nach jahrelangen Beratungen den <em>National Museum of the American Indian Act<\/em>. Er verpflichtete die Smithsonian Institution dazu, Indigene Tribes und Organisationen \u00fcber die mit ihnen kulturell affiliierten Gebeine in den eigenen Best\u00e4nden zu informieren und diese auf Anfrage zur\u00fcckzugeben. Ein Jahr sp\u00e4ter beschloss der Kongress den <em>Native American Graves Protection and Repatriation Act<\/em> (NAGPRA). Er schreibt allen vom Bund gef\u00f6rderten Institutionen in den USA vor, Indigene Tribes und Organisationen \u00fcber mit ihnen kulturell affiliierte Gebeine, Grabbeigaben, heilige Objekte und Objekte des kulturellen Erbes zu informieren und diese auf Anfrage zur\u00fcckzugeben. <a href=\"https:\/\/irma.nps.gov\/DataStore\/DownloadFile\/677812\">Seither wurden zehntausende Ancestral Remains an Indigene Gruppen zur\u00fcckgef\u00fchrt. Bei Zehntausenden steht eine Repatriierung bis heute aus<\/a>. Grund daf\u00fcr ist die unzureichende Dokumentationslage und die <a href=\"https:\/\/www.propublica.org\/series\/the-repatriation-project\">restriktivere Auslegung der Gesetzesbestimmungen<\/a> durch einige Museen und Forschungsinstitutionen. <a>2023 verabschiedete das US-Innenministerium<\/a> <a href=\"https:\/\/www.doi.gov\/pressreleases\/interior-department-announces-final-rule-implementation-native-american-graves\">neue Regelungen<\/a>, die R\u00fcckf\u00fchrungen von Indigenen Gebeinen auf Grundlage der NAGPRA-Gesetzgebung erleichtern sollen. Die Frage, wer \u00fcber die Indigenen Ancestral Remains in US-amerikanischen Museen und Forschungsinstitutionen verf\u00fcgen kann, ist damit bis heute virulent.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background wp-block-paragraph\"><strong>Zitiervorschlag:<\/strong> Niedermeier, Silvan: \u201cFreiwilligkeit und Repatriierung. Die R\u00fcckf\u00fchrung von Vorfahren der Ohlone durch die Stanford University, 1988-1991\u201d, <em>Freiwilligkeit: Geschichte | Gesellschaft | Theorie<\/em>, August 2026, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-und-repatriierung\/\">https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-und-repatriierung\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Silvan Niedemeier<\/p>\n<p>1989 fiel an der Stanford University in Kalifornien die Entscheidung, alle Gebeine der Vorfahren des Ohlone Tribes in ihrer anthropologischen Sammlung zur\u00fcckzugeben. Dem ging eine umk\u00e4mpfte Diskussion zwischen den Nachfahren der Ohlone und Vertreter*innen der Wissenschaft voraus \u2013 ein wegweisender Fall, der die Frage nach legitimen Anspr\u00fcchen und Entscheidungshoheit in der Debatte um Repatriierung von Ancestral Remains ins Blickfeld r\u00fcckt.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":17293,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152],"tags":[153,534,521,522,151],"class_list":["post-17000","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog-de","tag-freiwilligkeit","tag-native-americans-2","tag-protest","tag-repatriierung","tag-usa-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17000","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17000"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17000\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17375,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17000\/revisions\/17375"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17293"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17000"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17000"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17000"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}