{"id":16872,"date":"2026-06-15T12:00:00","date_gmt":"2026-06-15T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voluntariness.org\/?p=16872"},"modified":"2026-06-09T16:21:20","modified_gmt":"2026-06-09T14:21:20","slug":"freiwilligkeit-global-teil-2-eines-gespraechs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-global-teil-2-eines-gespraechs\/","title":{"rendered":"Freiwilligkeit global \u2013 Teil 2 eines Gespr\u00e4chs"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-group is-layout-grid wp-container-core-group-is-layout-50eac3a5 wp-block-group-is-layout-grid\"><div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-thumbnail\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-150x150.jpg\" alt=\"Silke van Dyk\" class=\"wp-image-8327\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-250x250.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-800x800.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-thumbnail wp-container-content-2155ee95\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/05\/matthias_ruoss_web-150x150.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-16487\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-thumbnail\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/wesche_web-1-150x150.jpg\" alt=\"Tilo Wesche\" class=\"wp-image-8581\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/wesche_web-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/wesche_web-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/wesche_web-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/wesche_web-1-250x250.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/wesche_web-1-800x800.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-layout-grid wp-container-core-group-is-layout-50eac3a5 wp-block-group-is-layout-grid\">\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/silke-van-dyk\/\">Silke Van Dyk<\/a> &#8211; Soziologin an der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/matthias-ruoss\/\">Matthias Ruoss<\/a> &#8211; Historiker an der Universit\u00e4t Fribourg<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/tilo-wesche\/\">Tilo Wesche<\/a> &#8211; Philosoph an der Carl-von-Ossietzky-Universit\u00e4t Oldenburg<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Freiwilligkeit in globaler Perspektive. Im Gespr\u00e4ch mit Tilo Wesche, Silke van Dyk und Matthias Ruoss \u2013 Teil 2<\/h2>\n\n\n\n<div style=\"height:15px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-content-primary-color has-text-color has-link-color wp-elements-0fb3d1563a2a4170eb60188a84a2ac9f wp-block-paragraph\"><strong>Interview moderiert von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/juergen-martschukat\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/jurgen-martschukat\/\">J\u00fcrgen Martschukat<\/a>, bearbeitet von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/stefanie-buettner\/\">Stefanie B\u00fcttner<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-content-text-color has-content-bg-alt-background-color has-text-color has-background has-link-color has-medium-font-size wp-elements-f17b731b8ff5d2ac33abbbf22c9f09db wp-block-paragraph\" style=\"font-style:normal;font-weight:300;text-transform:none\">Freiwilligkeit in globaler Perspektive bildet einen der aktuellen Schwerpunkte der Arbeit in der Forschungsgruppe. Einige der zentralen Befunde aufgreifend \u2013 n\u00e4mlich, dass Freiwilligkeit mit ihrem situativen Charakter differenziert und auch mit Abstand zu westlichen Kategorien betrachtet werden muss und dass freiwilliges Handeln ebenso eine ethische Komponente besitzt \u2013 entstand dazu ein Themenheft in der Zeitschrift <em><a href=\"https:\/\/comparativ.net\/v2\/issue\/view\/189\">Comparativ<\/a><\/em>. Es wurde herausgegeben von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/regula-ludi\/\">Regula Ludi<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/juergen-martschukat\/\">J\u00fcrgen Martschukat<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/matthias-ruoss\/\">Matthias Ruoss<\/a> und ist im Februar 2026 erschienen. Neben verschiedenen historischen Aufs\u00e4tzen ist ein interdisziplin\u00e4res Gespr\u00e4ch \u00fcber Freiwilligkeit als zentraler Handlungsmodus liberaler Gesellschaften, ihr Verh\u00e4ltnis zur Notwendigkeit sowie die besondere Aktualit\u00e4t unserer Perspektiven in der Gegenwart Teil dieses Heftes. Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte J\u00fcrgen Martschukat mit dem Philosophen <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/tilo-wesche\/\">Tilo Wesche<\/a>, der Soziologin <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/silke-van-dyk\/\">Silke van Dyk<\/a> und dem Historiker Matthias Ruoss. Das komplette Gespr\u00e4ch erscheint in drei Teilen und deutscher Fassung zwischen Mai und Juli 2026 hier erneut, und wir bedanken uns bei der Redaktion von <em>Comparativ<\/em> f\u00fcr die M\u00f6glichkeit zum Re-Posting! <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-content-text-color has-content-bg-alt-background-color has-text-color has-background has-link-color has-medium-font-size wp-elements-0669164dc68c3c7115c63b576f217557 wp-block-paragraph\" style=\"font-style:normal;font-weight:300;text-transform:none\">Im <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-global-teil-1\/\">ersten Teil<\/a> des Gespr\u00e4chs ist bereits deutlich geworden, dass Freiwilligkeit als Handlungsressource problematisiert werden muss. Im weiteren Verlauf geht es um die Frage, wer sich unter welchen Bedingungen eigentlich zu freiwilligem Handeln aktiviert sieht (oder auch nicht) und was freiwilliges Handeln in einer globalen Welt mit vielfach verflochtenen Strukturen und Handlungsbedingungen bedeuten kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Silke van Dyk<\/strong>: Ich m\u00f6chte einen Punkt aufgreifen, den Matthias im ersten Teil unseres Gespr\u00e4chs angesprochen hat: die Frage, ob Freiwilligkeit eine Selbstzuschreibung der Handelnden oder aber eine Etikettierung des Handelns anderer ist. F\u00fcr die Entwicklung eines kritischen Blicks auf Freiwilligkeit ist es ein wichtiger Punkt, wie Freiwilligkeit unter Bedingungen gesteuert und \u201aregiert\u2018 wird, in denen es um freiwilliges Engagement als soziale Ressource geht.&nbsp; Diese Perspektive gewinnt an Bedeutung, da in Zeiten von Sozialabbau und wachsenden Sorgel\u00fccken der Ruf nach freiwilligen Beitr\u00e4gen zum Gemeinwesen lauter wird. In unserer soziologischen Forschung k\u00f6nnen wir sehen, dass in diesem instrumentellen Sinne h\u00e4ufig eher vulnerable Gruppen angesprochen werden, die vor allem durch Aufwandsentsch\u00e4digungen gewonnen werden sollen. Tats\u00e4chlich werden wir gegenw\u00e4rtig Zeug:innen einer gewissen Spaltung der Zivilgesellschaft, in eine sorgende und eine gestaltende Zivilgesellschaft: auf der einen Seite die eher Prek\u00e4ren, die als aufwandsentsch\u00e4digte Sorgeressource aktiviert werden, auf der anderen Seite das sorgefernere, politikn\u00e4here Engagement, das weiterhin ein Refugium der Ressourcenst\u00e4rkeren und Gebildeteren ist. Das f\u00fchrt uns zu der Frage, unter welchen Bedingungen es eigentlich auch ein Privileg ist, freiwillig handeln zu k\u00f6nnen. Welche Ressourcen brauche ich, um mich zum Beispiel mit viel Energie und Zeit einem politischen Engagement zu widmen? Das interessiert uns besonders in der aktuellen, zweiten F\u00f6rderphase unserer Forschungsgruppe. Wir diskutieren die, von uns so benannte, Hinterb\u00fchne der Freiwilligkeit, die selbstverst\u00e4ndlich auch stark geschlechtsspezifisch strukturiert ist. Wovon muss ich auch entlastet sein, um mich jenseits von Lohnarbeit und jenseits von allt\u00e4glichen Sorget\u00e4tigkeiten politisch oder sozial engagieren zu k\u00f6nnen? Dies sind zwei sehr unterschiedliche Perspektiven, die Freiwilligkeit im Sinne der Steuerung und im Sinne eines tats\u00e4chlich gelebten Handlungsmodus unterscheiden, aber immer auch die Frage danach aufwerfen, um welchen Preis und auf wessen Kosten Bedingungen der Freiwilligkeit geschaffen werden. Im Forschungsmaterial wird dies oft sichtbar, wenn es um Haus- und Sorgearbeit geht. Viele der Befragten, insbesondere die weiblich gelesenen, betonen, dass ihr Tun auf einer Skala der Freiwilligkeit \u00fcberhaupt nicht konsequent eingeordnet werden kann, da die T\u00e4tigkeiten schlicht notwendig seien und damit gar keine Entscheidung f\u00fcr oder gegen sie getroffen werden k\u00f6nne. Wir wissen aber nun, und das ist historisch wie gegenw\u00e4rtig ausgesprochen gut empirisch belegt, dass M\u00e4nner sehr h\u00e4ufig und sehr niedrigschwellig rausoptieren konnten; dass sie eine Wahl hatten, weil sie die notwendigen Fragen der sozialen Reproduktion delegieren konnten. Die Frage nach der Notwendigkeit einer T\u00e4tigkeit impliziert also Macht und Hierarchien und ist f\u00fcr die Debatte in geschlechtsspezifischer Hinsicht zentral. Wer kann rausoptieren? Wer kann entscheiden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>J\u00fcrgen Martschukat<\/strong>: Freiwilligkeit und Kosten, das ist vielleicht ein Zusammenhang, \u00fcber den wir gewisserma\u00dfen die Schraube noch eine Drehung weiterdrehen k\u00f6nnen, um globale Perspektiven auf Freiwilligkeit &#8211; den Schwerpunkt unseres Themenheftes &#8211; mit reinzunehmen. Inwiefern spielt das Globale oder vielleicht sogar das Planetarische &#8211; falls jemand sich dieses Konzept zu eigen macht &#8211; in eurer Besch\u00e4ftigung mit Freiwilligkeit eine Rolle? Ich denke zum Beispiel an globale Umwelteffekte, an die Globalit\u00e4t von Sorgeketten oder an eine globale Dimension in Forschungen zu Verschuldung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Tilo Wesche<\/strong>: Ja, in der Klimapolitik sieht man nat\u00fcrlich die globale Bedeutung von Freiwilligkeit ganz deutlich. Klimaschutz kann nicht von nationalstaatlichen Akteuren im Einzelnen betrieben werden. Klima ist etwas, das unseren gesamten Planeten betrifft. Es braucht eine kooperative Klimapolitik, die von Staaten nur im Verbund zu erreichen ist. Schon dieser Befund ist ein starkes Gegenargument gegen die Emphase von Freiwilligkeit in Bezug auf Klimapolitik, die wir heutzutage vielerorts finden. Nach utilitaristischer Argumentation kann das bedeuten, dass sich Klimapolitik lohnen muss. Hier geht es um die freiwilligen Marktentscheidungen von Unternehmen, und dies sind Entscheidungen, die dann auch einen positiven Klimaschutzeffekt haben sollen. Diese sollen aber freiwillig sein. Wir denken weiterhin an die freiwillige Einhaltung von Nachhaltigkeitsstandards im Konsum oder an einen moralischen Begriff von Freiwilligkeit, wenn es um freiwilligen Verzicht im Konsum gehen soll. Auch hier wird Freiwilligkeit, so wie Silke sagte, als eine Art Steuerungsmedium genutzt, das von der Steuerungskraft des Staates entkoppelt wird. Klimapolitik wird durch Freiwilligkeit in diesen ganz verschiedenen Segmenten des Marktes, aber auch des privaten Raums des Konsums, organisiert. Au\u00dferdem f\u00e4llt bei Klimapolitik ins Auge, dass eine politische Gestaltungsmacht notwendig ist, um eine effektive, klimapolitische Steuerung in Kraft zu setzen. Interessant ist daran, dass die daf\u00fcr erforderliche, internationale Kooperation nicht auf staatlicher Ebene, sondern insbesondere auf der Ebene von NGOs stattfindet. Hier wird Freiwilligkeit also zwar in einem positiven Sinne genutzt: als Ressource, aber als ein Notbehelf. Eine Aufgabe von Staaten wird den privaten, zivilgesellschaftlichen Akteuren \u00fcberantwortet. Der Staat entlastet sich so von sehr kostspieligen, klimapolitischen Aufgaben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>J\u00fcrgen Martschukat<\/strong>: Hier sehen wir also tats\u00e4chlich ganz \u00e4hnliche Entwicklungen wie in dem Bereich, auf den Silke fokussiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Silke van Dyk<\/strong>: Freiwilligkeit in globaler Perspektive zu denken, fordert uns dazu auf, das Konzept der Freiwilligkeit zu hinterfragen. Wor\u00fcber sprechen wir, wenn von Freiwilligkeit die Rede ist? Ist es ein Konzept, das genuin auf liberale Demokratien begrenzt ist, oder ist es ein verallgemeinerbares Konzept? Hier zeigen sich auch in der interdisziplin\u00e4ren Diskussion unterschiedliche Herangehensweisen, z.B. zwischen Soziolog:innen und Historiker:innen. Arbeite ich mit Freiwilligkeit als Quellenbegriff und sehe ich mir Kontexte und Praktiken an, in denen entweder in der Selbst- oder Fremdzuschreibung tats\u00e4chlich mit dem Begriff der Freiwilligkeit operiert wird? Oder befasse ich mich damit, wie Freiwilligkeit als Handlungsmodus zu charakterisieren ist, um zu fragen, ob und wo er auch in Zusammenh\u00e4ngen auftaucht, die nicht begrifflich als freiwillig gefasst werden? Der Begriff Freiwilligkeit, wie wir ihn aus europ\u00e4ischer Perspektive kennen, ist sehr eng mit Zivilgesellschaft verkn\u00fcpft und wird h\u00e4ufig sogar mit zivilgesellschaftlichem Handeln gleichgesetzt. Dies ist eine Aufladung, die nicht vorschnell universalisiert werden darf. Die daraus folgende, spannende Frage ist, wie ein Quellenbegriff Freiwilligkeit in anderen Kontexten vielleicht mit ganz anderem Leben gef\u00fcllt wird. W\u00fcrden wir nach unseren Kriterien freiwilliges Handeln auch dort finden, wo es gar nicht dieses Etikett tr\u00e4gt? In der Forschungsgruppe haben wir au\u00dferdem intensiv diskutiert, ob Freiwilligkeit ein Konzept ist, das zwingend an Demokratien gebunden ist. Das k\u00f6nnen wir mit Nein beantworten. Tats\u00e4chlich ist Freiwilligkeit auf ganz unterschiedlichen Ebenen auch in Diktaturen zu finden, jedoch mit anderen Implikationen als in demokratischen Kontexten. Aus soziologischer Sicht geht es au\u00dferdem nicht nur darum, freiwilliges Handeln in konkreten sozialen Kontexten zu identifizieren. Es geht sehr viel weitergehender auch darum, Freiwilligkeit als einen inh\u00e4renten Bestandteil und Modus des Regierens in den Blick zu nehmen, als einen \u00fcbergreifenden Modus der Steuerung und Menschenf\u00fchrung, was tats\u00e4chlich nochmal eine ganz eigene Perspektive ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen Punkt m\u00f6chte ich noch in Anschluss an Tilo aufgreifen, der sehr wichtig ist, um Freiwilligkeit im Hier und Jetzt und in globaler Perspektive besser zu verstehen. Es ist gerade im globalen Gef\u00fcge extrem wichtig, sich den Zusammenhang von Freiwilligkeit und Externalisierung genauer anzusehen, wobei die Dynamik der Externalisierung eine r\u00e4umliche, eine personelle sowie eine zeitliche Komponente hat. Ich habe zuvor den Begriff der Hinterb\u00fchne [der Freiwilligkeit] eingef\u00fchrt, der die Externalisierung von Aufgaben und Verantwortung an andere Personen impliziert: Sie ist eine zentrale Voraussetzung und notwendige Entlastung f\u00fcr freiwilliges Handeln, zum Beispiel in Form eines zeitaufw\u00e4ndigen politischen Engagements. Es gibt nat\u00fcrlich auch zeitliche Externalisierung, die am Beispiel der Klimapolitik besonders deutlich wird. Es werden also nicht nur im Sinne der Hinterb\u00fchne die <em>Voraussetzungen<\/em> freiwilligen Handelns durch die Delegation von Aufgaben geschaffen, sondern auch die <em>Folgen<\/em> nicht nachhaltiger Freiwilligkeit auf zuk\u00fcnftige Generationen ausgelagert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>J\u00fcrgen Martschukat<\/strong>: Matthias, m\u00f6chtest Du noch etwas erg\u00e4nzen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Matthias Ruoss<\/strong>: Ich m\u00f6chte mich dem anschlie\u00dfen und die Trennung zwischen Freiwilligkeit als Quellenbegriff und Freiwilligkeit als Analysekonzept unterstreichen, besonders mit Blick auf globalhistorische oder sich aktuell global vollziehende Entwicklungen. Dies ist heuristisch notwendig, wobei man in dieser Hinsicht eine Art Doppelbewegung feststellen kann. Einerseits meine ich beobachten zu k\u00f6nnen, dass der viel diskutierte, moral\u00f6konomisch aufgeladene politische Steuerungsmodus, in dem Freiwilligkeit als Ressource eine Bedeutung hat, globalisiert wird. In ihm l\u00e4sst sich also so etwas wie ein imperialistischer Vektor finden. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist das so genannte Freiwilligkeitsjahr. Morgen [5.12.] findet der seit 1985 von der UNO organisierte International Volunteer Day statt, an dem Freiwilligkeit auf internationaler B\u00fchne inszeniert und popularisiert wird. Andererseits greift es zu kurz, Globalisierung als eine Einbahnstra\u00dfe zu betrachten, denn im selben Moment ver\u00e4ndern sich die westlichen Gesellschaften massiv. Betrachtet man die von Silke erw\u00e4hnte materielle Hinterb\u00fchne der Freiwilligkeit, so f\u00e4llt auf, dass wir uns diese kaum mehr leisten k\u00f6nnen und stattdessen sozial reproduktive Funktionen delegiert werden. Ich denke hier zum Beispiel an die Unterschichtung der Gesellschaften mit illegalisierten Arbeitskr\u00e4ften, in der Schweiz hei\u00dfen sie &#8220;Sans Papiers&#8221;. Das ist ein neues Element in der gesellschaftlichen Aufgabenteilung, das man nicht losgel\u00f6st von globalen Entwicklungen betrachten sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>J\u00fcrgen Martschukat<\/strong>: Silke wird dazu sicher etwas erwidern wollen, aber zun\u00e4chst Tilo.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Tilo Wesche<\/strong>: Ja, auch ich m\u00f6chte noch einmal betonen, wie wichtig es ist, hier wirklich die Bedeutungen von Freiwilligkeit zu unterscheiden. Um einen konkreten Fall zu beschreiben, k\u00f6nnen wir nach Neuseeland schauen. Auf der einen Seite \u00fcbt Neuseeland eine sehr neoliberale Klimapolitik aus, bei der eben durch freiwillige Marktentscheidungen, durch freiwilligen Konsumverzicht etc. Klimaschutz entstehen soll. Es ist ein Paradebeispiel der beschriebenen Externalisierung von klimapolitischen Aufgaben. Auf der anderen Seite gibt es dort eine Bewegung der Maoris, die darauf hinwirkte, \u00fcber diese neoliberale Klimapolitik hinaus der Natur eigene Rechte zu verleihen; und diese Rechte wurden letztlich von dem neuseel\u00e4ndischen Parlament auch beschlossen. Hier handelt es sich nun um eine Freiwilligkeit im Sinne einer Selbstaktivierung, denn niemand ist staatlich gezwungen worden, diese Rechte der Natur zu initiieren. Bei dieser Selbstaktivierung ist entscheidend, dass sie nichts mit Wahlfreiheit zu tun hat, da diese angesichts der \u00f6kologischen Krisen wie dem Klimawandel, dem Artensterben, der Globalverm\u00fcllung oder der Ressourcenersch\u00f6pfung nicht mehr besteht: Wir haben keine Wahl, die Welt wird sich ohnehin \u00e4ndern. Die relevante Frage ist, ob wir uns lediglich anpassen oder ob wir freiwillig mitgestalten. So kann man an in diesem Fall sehr sch\u00f6n sehen, dass Freiwilligkeit zum einen den problematischen Sinn von Wahlfreiheit hat und der Externalisierung dient, zum anderen die emanzipatorische Bedeutung von Freiwilligkeit im Sinne von Selbstaktivierung hat, die zu klimapolitischen Ver\u00e4nderungen f\u00fchren kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Silke van Dyk<\/strong>: Ja, dieser spannende Punkt f\u00fchrt uns noch mehr in die Richtung, unterschiedliche Modi freiwilligen Handelns zu unterscheiden, besonders wenn wir Freiwilligkeit als genuin liberalen, demokratischen Handlungsmechanismus verstehen und mit dem freiwilligen Mitmachen unter autorit\u00e4ren oder diktatorischen Bedingungen kontrastieren. Wenn es um freiwilliges Mitmachen unter diktatorischen Bedingungen geht, geht es um einen sehr klar definierten Handlungsrahmen, bei dem man aber davon ausgeht, dass die Betroffenen Entscheidungsm\u00f6glichkeiten haben, ob sie mitmachen oder nicht \u2013 eine Wahlfreiheit zwischen vorgegebenen Handlungsalternativen. Wenn ich Tilos Ausf\u00fchrungen richtig verstanden habe, ist dies allerdings etwas ganz anderes als eine freiwillige Selbstaktivierung, durch die Handelnde selbstt\u00e4tig und ggf. auch widerst\u00e4ndig, mit eigenen Zielen aktiv werden. Hier wird gerade nicht zwischen vorgegebenen Handlungsalternativen entschieden, was mir ein ganz gewichtiger Unterschied zu sein scheint und den Blick auf das kritische Potenzial von Freiwilligkeit lenkt. Trotzdem w\u00e4re es nat\u00fcrlich zu eng gefasst, dem freiwilligen Handeln im Diktaturkontext allein die kritische, widerst\u00e4ndige Selbstaktivierung in der liberalen Demokratie gegen\u00fcberzustellen. Wir haben ja vorher schon gesehen, dass Freiwilligkeit auch ausgebeutet werden oder ein Privileg sein kann und dass Freiwilligkeit als Regierungsmodus die Bedingungen der Selbstaktivierung strukturiert oder auch einschr\u00e4nkt. Es ist damit umzugehen, dass angesichts der Sorgekrisen in liberalen Demokratien mit dem Aufruf zur Freiwilligkeit oftmals besonders vulnerable Personen als soziale Ressource adressiert und aktiviert werden, w\u00e4hrend zugleich eine politische Selbstaktivierung voraussetzungsvoll ist, auch was Zeit- und Bildungsressourcen angeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background wp-block-paragraph\">Der dritte Teil des Interviews wird Juli 2026 auf unserer Seite erscheinen. Wer ihn nicht verpassen m\u00f6chte: Gerne auf <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/voluntariness.freiwilligkeit\/\">Instagram<\/a> oder <a href=\"https:\/\/bsky.app\/profile\/freiwilligkeit.bsky.social\">Bluesky<\/a> folgen! Stay tuned!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background wp-block-paragraph\"><span class=\"has-inline-color has-content-primary-color\">Zitiervorschlag:<\/span> B\u00fcttner, Stefanie und J\u00fcrgen Martschukat: &#8220;Freiwilligkeit in globaler Perspektive. Im Gespr\u00e4ch mit Tilo Wesche, Silke van Dyk und Matthias Ruoss \u2013 Teil 2&#8221;, <em>Freiwilligkeit: Geschichte | Gesellschaft | Theorie<\/em>, Juni 2026, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-global-teil-2\/\">https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-global-teil-2\/<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Globalit\u00e4t von Umweltpolitik, kapitalistische Arbeits- und Konsumverh\u00e4ltnisse sowie die Handlungsspielr\u00e4ume innerhalb dieser Verh\u00e4ltnisse erfordern eine Kombination von Weitwinkelperspektiven und Nahaufnahmen auf Freiwilligkeit. 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