{"id":16835,"date":"2026-09-15T12:00:00","date_gmt":"2026-09-15T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voluntariness.org\/?p=16835"},"modified":"2026-10-12T15:30:15","modified_gmt":"2026-10-12T13:30:15","slug":"assistierter-suizid-und-die-paradoxien-der-freiwilligkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/assistierter-suizid-und-die-paradoxien-der-freiwilligkeit\/","title":{"rendered":"Assistierter Suizid und die Paradoxien der Freiwilligkeit"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/10\/sunset-through-textured-glass-1139x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17479\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<p class=\"has-content-primary-color has-text-color wp-block-paragraph\">Von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/niklas-petersen\/\">Niklas Petersen<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/stefanie-graefe\/\">Stefanie Graefe<\/a><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\"><div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-thumbnail\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/07\/Petersen-Niklas-150x150.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17062\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklas Petersen ist Soziologe an der Carl von Ossietzky Universit\u00e4t Oldenburg.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns are-vertically-aligned-center is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image alignwide size-thumbnail is-style-rounded\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/graefe_web-1-150x150.jpg\" alt=\"Foto von Stefanie Graefe\" class=\"wp-image-8331\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/graefe_web-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/graefe_web-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/graefe_web-1.jpg 600w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/graefe_web-1-250x250.jpg 250w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stefanie Graefe ist Soziologin an der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Assistierter Suizid in Deutschland: mediale und rechtliche Diskurse<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ende 2025 schwappte eine Woge der Bewunderung durch die deutsche Presselandschaft. Alice und Ellen Kessler, die \u2013 vor allem \u00e4lteren Generationen \u2013 aus TV und Showbusiness bekannten Kessler-Zwillinge starben im November 2025 im Alter von 89 Jahren. Dabei war es neben ihrer Prominenz vor allem die Art und Weise, wie sie aus dem Leben schieden, die aus dem Tod der Entertainerinnen eine Nachricht machte: Kessler und Kessler hatten ihr Leben mit Hilfe organisierter Selbstt\u00f6tung beendet, vermittelt \u00fcber die in dieser Hinsicht sehr aktive Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Humanes Sterben, die den Doppelsuizid sofort prominent auf der <a href=\"https:\/\/www.dghs.de\/aktuelles\/neuigkeiten\/artikel\/kessler-zwillinge-haben-ihr-leben-selbstbestimmt-beendet\/\">organisationseigenen Homepage<\/a> vermarktete.&nbsp; Parallel titelte der <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/kultur\/sie-liebten-ihre-unabhaengigkeit-kessler-zwillinge-gestorben,V2ogY7i\">Bayerische Rundfunk<\/a>: &#8220;<em>Sie liebten ihre Unabh\u00e4ngigkeit: Kessler-Zwillinge gestorben<\/em>&#8220;, &nbsp;und die altfeministische <a href=\"https:\/\/www.emma.de\/artikel\/alice-und-ellen-kessler-adieu-nach-89-jahren-342151\">Zeitschrift Emma<\/a> verkn\u00fcpfte die Nachricht von den &#8220;<em>tanzenden Zwillingen<\/em>&#8220;, die &#8220;<em>zusammen freiwillig aus dem Leben gegangen<\/em>&#8221; sind, mit einem Interview aus dem Jahr 2024, in dem Alice Kessler erkl\u00e4rt: &#8220;<em>Wir haben Bekannte, die nicht mehr h\u00f6ren, H\u00fcftprobleme haben, krank sind. Da frage ich mich: warum weiterleben? Ich w\u00fcrde so nicht leben wollen<\/em>.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Berichterstattung zum Tod der prominenten Zwillingsschwestern gibt Hinweise darauf, unter welchen Bedingungen ein Suizid in der Gegenwart nicht nur als verst\u00e4ndlich und akzeptabel, sondern ggf. sogar als bewunderungsw\u00fcrdig gilt: sofern er im hohen Alter, &#8216;selbstbestimmt&#8217; und &#8216;freiwillig&#8217; begangen wird und ihn zudem ein Hauch von Glamour umweht. (Siehe dazu auch ein Kommentar im <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/tod-der-kessler-zwillinge-romantisierung-des-assistierten-suizids-100.html\">DLF<\/a>) Sie zeigt au\u00dferdem, was nicht nur im Fall der Kessler-Zwillinge oder anderer Prominenter gilt: Sterbehilfe und Freiwilligkeit stehen in liberalen Gesellschaften in einem engen Zusammenhang. Als allgemein geteilter Konsens kann gelten, dass Menschen zur gezielten Beendigung des eigenen Lebens nicht von anderen Menschen, Staat oder Gesellschaft gezwungen werden d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zunehmend eindeutig f\u00e4llt zudem auch die Antwort auf die \u2013 gerade in Deutschland aufgrund der NS-Geschichte lange Zeit h\u00f6chst umstrittene \u2013 Frage aus, ob es umgekehrt auch ein <em>Recht<\/em> darauf geben sollte, Sterbehilfew\u00fcnsche professionell organisiert umzusetzen. Zur wachsenden Akzeptanz beigetragen hat hier zweifellos das Bundesverfassungsgericht, das im Jahr 2020 in einem spektakul\u00e4ren <a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/2020\/02\/rs20200226_2bvr234715.html\">Urteil<\/a> das bis dato g\u00fcltige Verbot der &#8220;gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigen F\u00f6rderung der Selbstt\u00f6tung&#8221; (\u00a7 217 StGB) nicht nur f\u00fcr verfassungswidrig, sondern zudem Einschr\u00e4nkungen des Zugangs zur Beihilfe zur Selbstt\u00f6tung auf bestimmte Krankheitszust\u00e4nde oder Lebensphasen f\u00fcr unzul\u00e4ssig erkl\u00e4rte. Dabei geht das Gericht grundlegend von einem Recht auf &#8220;selbstbestimmtes Sterben&#8221; als Teil der grundrechtlich gesch\u00fctzten pers\u00f6nlichen Autonomie aus. Dieses Recht, so das Kernargument, schlie\u00dft neben der Freiheit, sich das Leben zu nehmen, auch die Freiheit ein, sich dabei Hilfe von Dritten zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alleiniger Ma\u00dfstab f\u00fcr die Zul\u00e4ssigkeit der Beihilfe zur Selbstt\u00f6tung ist nach dem Verfassungsgerichtsurteil die &#8220;Freiverantwortlichkeit&#8221; des Suizidwunsches. Gemeint ist damit die individuelle F\u00e4higkeit zu einer gut \u00fcberlegten Entscheidung, die Informiertheit \u00fcber Alternativen und Folgen sowie die Abwesenheit von inneren oder \u00e4u\u00dferen Faktoren, die die Entscheidungsfreiheit unterlaufen. In der Urteilsbegr\u00fcndung spielen daneben weitere, \u00e4hnliche Begriffe eine Rolle: Freiheit, Selbstbestimmung, Autonomie, Menschenw\u00fcrde und schlie\u00dflich auch Freiwilligkeit. Allerdings werden sie nicht scharf voneinander getrennt. Klar scheint jedoch, dass Freiheit den allgemeinen Grundrechtsrahmen definiert und dabei mit Menschenw\u00fcrde gleichgesetzt wird: &#8220;Die selbstbestimmte Verf\u00fcgung \u00fcber das eigene Leben ist [\u2026]&nbsp;unmittelbarer Ausdruck der der Menschenw\u00fcrde innewohnenden Idee autonomer Pers\u00f6nlichkeitsentfaltung; sie ist, wenngleich letzter, Ausdruck von W\u00fcrde.&#8221; (RN 211) Selbstbestimmung bzw. Autonomie beziehen sich auf die Freiheit der Lebensf\u00fchrung, die hier ausdr\u00fccklich das Sterben einschlie\u00dft. Freiwilligkeit meint am ehesten die Abwesenheit von &#8220;unzul\u00e4ssigen Einflussnahmen, Beeinflussung oder Druck&#8221; (RN 243), die nicht nur f\u00fcr Sterbewillige, sondern auch f\u00fcr Sterbehelfer*innen garantiert sein soll \u2013 niemand soll dazu verpflichtet werden k\u00f6nnen, anderen bei der Selbstt\u00f6tung zu helfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Versteht man Freiwilligkeit nun allerdings, wie u.a. hier im Blog vorgeschlagen, <em>nicht<\/em> im engeren juristischen Sinn, sondern zeitdiagnostisch-analytisch, dann scheint es plausibel, Freiwilligkeit als \u00fcbergreifende Klammer des Bundesverfassungsgerichtsurteils auszuweisen. <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/joys-and-challenges-of-researching-voluntariness-zwei\/\">Freiwilligkeit im Sinne einer bestimmten Form der Freiheit, die sich dadurch auszeichnet, dass sie auf konkrete Formen des Handelns verweist<\/a> und die zugleich immer auch <em>normativen<\/em> Charakter hat, bildet offensichtlich das Telos des Bundesverfassungsgerichtsurteils: Es geht darum, den Rahmen des Handelns f\u00fcr B\u00fcrger*innen zu erweitern und neue, bislang gesetzlich ausgeschlossene Praktiken zu erm\u00f6glichen. Und es geht darum, die Norm der &#8216;Menschenw\u00fcrde&#8217; zu bekr\u00e4ftigen und zu erweitern. Wer sich freiwillig beim Sterben engagiert \u2013 indem sie Sterbehilfeassistenz erbittet oder anbietet \u2013 handelt demzufolge im Sinne des h\u00f6chsten Grundwertes der Verfassung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein grundlegender Einwand liegt nahe: Menschen sind gesellschaftliche Wesen und treffen daher keine absolut &#8216;freien&#8217; bzw. &#8216;freiwilligen&#8217; Entscheidungen. Die Entscheidung, den eigenen Tod gezielt herbeizuf\u00fchren, kann vielf\u00e4ltige Gr\u00fcnde haben \u2013 etwa eine unzureichende Gesundheits- und vor allem Palliativversorgung, aber auch Leiden an prek\u00e4ren Lebensbedingungen, Einsamkeit, Benachteiligung oder auch schlicht den Wunsch, den eigenen Angeh\u00f6rigen &#8216;nicht zur Last zu fallen&#8217;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch: Wie &#8216;frei(willig)&#8217; ist dann eine solche Entscheidung? Interessanterweise wird die Abh\u00e4ngigkeit eines m\u00f6glichen Sterbewunsches von indirektem Druck, d.h. etwa von Faktoren wie Altersarmut, Pflegenotstand, aber auch negativen Altersbildern o.\u00e4. auch vom Bundesverfassungsgericht ausdr\u00fccklich anerkannt: Es sei, so die Richter*innen, sogar von einer &#8220;Normalisierung&#8221; assistierter Selbstt\u00f6tungen auszugehen \u2013 und der Staat trage die Verantwortung, daf\u00fcr zu sorgen, dass dies nicht passiert. Allerdings folgen aus dieser Warnung keine rechtlichen Konsequenzen, daher kann ihr in der konkreten Ausgestaltung des Umgangs mit Suizidassistenz kaum Rechnung getragen werden. Und w\u00e4hrend eine gesetzliche Konkretisierung zu den Rahmenbedingungen der assistierten Selbstt\u00f6tung noch aussteht, wird die Suizidassistenz zunehmend in Anspruch genommen. Weil das Bewusstsein in der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die M\u00f6glichkeit des assistierten Suizids noch wenig ausgepr\u00e4gt ist und viele \u00c4rzt*innen aufgrund rechtlicher Unsicherheiten nach wie vor eher zur\u00fcckhaltend sind, steigen die Zahlen bislang noch vergleichsweise langsam, wobei derzeit nur wenig verl\u00e4ssliche Zahlen vorliegen (<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s00103-025-04087-5\">Turiaux et al. 2026<\/a>, S. 311).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Organisierte Sterbehilfe in der Praxis: das Beispiel Kanada<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was aber bedeutet es f\u00fcr eine Gesellschaft, wenn die organisierte Suizid- bzw. Sterbehilfe \u00fcberhaupt als regul\u00e4re Option am Lebensende institutionalisiert und etabliert ist? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf L\u00e4nder, in denen dies bereits der Fall ist. Aufschlussreich ist insbesondere Kanada, da sich Sterbehilfe hier ausgehend von einem strikten Verbot innerhalb einer Dekade zu einer weit verbreiteten und breit akzeptierten Praxis entwickelt hat (<a href=\"https:\/\/www.mqup.ca\/Books\/U\/Unravelling-MAiD-in-Canada2\">Coelho u. Lemmens 2025<\/a>, S. 18).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Kanada hat der Supreme Court 2015 \u2013 mit einem Begr\u00fcndungsmuster, das dem sp\u00e4teren Urteil des deutschen Verfassungsgerichts \u00e4hnelt \u2013 das Verbot von Sterbehilfe als verfassungswidrig erkl\u00e4rt, da es das pers\u00f6nliche Grundrecht auf Leben, Freiheit und Sicherheit verletze. Infolge des Urteils wurde <a href=\"https:\/\/www.canada.ca\/en\/health-canada\/services\/health-services-benefits\/medical-assistance-dying.html\"><em>Medical Assistance in Dying<\/em><\/a>, das sowohl assistierten Suizid als auch die T\u00f6tung auf Verlangen umfasst und inzwischen meist nur noch unter dem Akronym MAiD verhandelt wird, legalisiert. Zun\u00e4chst war der Zugang begrenzt auf Personen mit schweren gesundheitlichen Leiden, deren nat\u00fcrlicher Tod absehbar ist. Inzwischen wurde der Anspruch auf alle Personen ausgeweitet, die unter einer unheilbaren Erkrankung leiden und freiwillig (<em>voluntary<\/em>) einen Antrag auf MAiD stellen. Nicht zuletzt durch diese Erweiterung hat sich die \u00e4rztliche T\u00f6tung auf Verlangen in Kanada rasch zu einer weit verbreiteten und breit akzeptierten medizinischen Praxis am Lebensende entwickelt: So entfallen etwa in der kanadischen Provinz Qu\u00e9bec inzwischen 8 % aller Todesf\u00e4lle auf Sterbehilfe <ins>(<a href=\"https:\/\/www.cbc.ca\/news\/canada\/montreal\/maid-quebec-influence-ten-years-9.7236759\">CBC 2026<\/a>)<\/ins>, was die weltweit h\u00f6chste Rate ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der <a href=\"https:\/\/www.canada.ca\/en\/health-canada\/services\/health-services-benefits\/medical-assistance-dying.html\">Website des kanadischen Gesundheitsministeriums<\/a> wird die Bev\u00f6lkerung n\u00fcchtern und transparent \u00fcber Zugangswege, Berechtigung und den Ablauf von MAiD informiert, und das kanadische Parlament hat errechnen lassen, welche <a href=\"https:\/\/distribution-a617274656661637473.pbo-dpb.ca\/241708b353e7782a9e5e713c2e281fc5ed932d3d07e9f5dd212e73604762bbc5\">Nettokostenersparnis mit der Einf\u00fchrung und Erweiterung des MAiD-Programms<\/a> verbunden ist. In der medialen Debatte wird die \u00e4rztliche T\u00f6tung auf Verlangen teils nicht nur als normale, sondern \u2013 \u00e4hnlich wie im deutschen Fall der Kessler-Zwillinge \u2013 geradezu w\u00fcnschenswerte Option am Lebensende dargestellt. Schlagzeilen wie <a href=\"https:\/\/www.cbc.ca\/newsinteractives\/features\/a-good-death-maid\">&#8220;<em>Der gute Tod<\/em>&#8220;<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.cbc.ca\/news\/canada\/saskatoon\/couple-journey-maid-program-together-1.6965395\"><em>&#8220;Liebe und Musik: Warum sich ein Paar aus Saskatoon daf\u00fcr entschied, in gegenseitiger Umarmung zu sterben&#8221;<\/em><\/a> lassen MAiD als unproblematische und eindeutig bessere Alternative zu Leid, Kontrollverlust und Einsamkeit im Alter erscheinen. Im Fr\u00fchjahr 2025 berichtete der kanadische Rundfunk CBC \u00fcber ein <a href=\"https:\/\/www.cbc.ca\/news\/canada\/new-brunswick\/maid-medical-assistance-in-dying-new-brunswick-1.7491714\">Paar, das sich entschloss, sich gemeinsam freiwillig t\u00f6ten zu lassen<\/a>: &#8220;<em>Der Tod, der auf den 70-j\u00e4hrigen [\u2026] zukam, war der Tod, f\u00fcr den er sich schon Wochen zuvor entschieden hatte, und seine Frau, mit der er 41 Jahre lang verheiratet war, hatte beschlossen, ihn zu begleiten<\/em>.&#8221; Der gemeinsame, \u00e4rztlich veranlasste Tod erscheint dabei als gl\u00fccklicher Endpunkt ihres gemeinen Lebens, als geradezu filmreifes romantisches Happy End: &#8220;<em>Nur wenige Minuten bevor ein Beruhigungsmittel sie in den Schlaf versetzen und ein zweites Medikament ein Koma ausl\u00f6sen w\u00fcrde, bat [der Ehemann] darum, &#8216;I Love You&#8217; von Climax Blues Band zu h\u00f6ren, das Lied, das an ihrer Hochzeit gespielt worden war.<\/em>&#8221; Und die Tochter des Paares berichtete<em>: &#8220;Mama lehnte sich einfach zur\u00fcck und lauschte der Musik. Und Papa \u2013 er lie\u00df nicht ab, sie anzusehen. Er war einfach so verliebt.<\/em>&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend sich der freiwillige, geplante, \u00e4rztlich organisierte \u2013 und wom\u00f6glich gemeinsam erlebte \u2013 Tod also als ein normatives Ideal des &#8216;guten Lebensendes&#8217; zu etablieren scheint, l\u00e4sst sich im kanadischen Kontext gleichzeitig beobachten, wie die Normalisierung von Sterbehilfe die M\u00f6glichkeit selbstbestimmten Lebens und Sterbens unter bestimmten Bedingungen paradoxerweise unterl\u00e4uft: Zunehmend werden F\u00e4lle in der \u00d6ffentlichkeit diskutiert, in denen Personen in sozialen Notlagen oder aufgrund unzureichender medizinischer Versorgung MAiD beantragen oder \u00c4rzt*innen sogar die Inanspruchnahme von Sterbehilfe selbst aktiv vorschlagen (<a href=\"\/Users\/buettnerst\/Desktop\/Koor_Freiwilligkeit\/WEBSITE\/Inhalte\/Blog\/2026\/2026_06_graefe\/10.1017\/S1478951523001025\">Coelho et al. 2023<\/a>). So berichtete eine querschnittsgel\u00e4hmte ehemalige Angeh\u00f6rige der kanadischen Streitkr\u00e4fte in einer parlamentarischen Anh\u00f6rung zu MAiD, dass sie, nachdem sie seit f\u00fcnf Jahren vergeblich um eine Rollstuhlrampe f\u00fcr ihr Zuhause gek\u00e4mpft hatte, einen Brief der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde erhalten habe, in dem ihr die <a href=\"https:\/\/www.cbc.ca\/news\/politics\/christine-gauthier-assisted-death-macaulay-1.6671721\">Inanspruchnahme eines \u00e4rztlich assistierten Suizids nahegelegt<\/a> wurde: &#8220;<em>Wenn Sie so verzweifelt sind, k\u00f6nnen wir Ihnen MAID anbieten<\/em>.&#8221; In die Schlagzeilen gerieten auch F\u00e4lle, in denen Menschen <a href=\"https:\/\/www.ctvnews.ca\/toronto\/article\/toronto-woman-in-final-stages-of-maid-application-after-nearly-a-decade-long-search-for-housing\">MAiD aufgrund fehlenden bezahlbaren Wohnraums<\/a>, <a href=\"https:\/\/globalnews.ca\/news\/9176485\/poverty-canadians-disabilities-medically-assisted-death\/\">Armut<\/a> oder als <a href=\"https:\/\/toronto.citynews.ca\/2022\/10\/13\/medical-assistance-death-maid-canada\/\">Alternative zur Obdachlosigkeit<\/a> beantragt haben. W\u00e4hrend Facharzttermine und ad\u00e4quate medizinische, pflegerische und soziale Versorgung nur unzureichend verf\u00fcgbar oder mit immensen Wartezeiten verbunden sind, erm\u00f6glicht das kanadische Gesundheitssystem problemlos einen niedrigschwelligen und breiten Zugang zu MAiD. <a href=\"https:\/\/nationalpost.com\/news\/families-of-canadians-who-received-maid-talk-of-rushed-assessment-not-being-told-of-decision\">Betroffene beschreiben<\/a> &#8220;<em>die Buchung unseres MAID-Termins<\/em>&#8221; so einfach &#8220;<em>wie eine Tischreservierung f\u00fcr ein Abendessen<\/em>&#8220;. Zuletzt erregte der <a href=\"https:\/\/globalnews.ca\/news\/11644100\/ontario-family-changes-son-maid-bc\/\">Fall des 26-J\u00e4hrigen Kiano Vafaeian<\/a> Schlagzeilen, der auf einem Auge blind war, an Diabetes litt und mit Depressionen zu k\u00e4mpfen hatte, und der Ende Dezember 2025 in Vancouver durch T\u00f6tung auf Verlangen starb, nachdem ihm MAiD in Ontario von seinen behandelnden \u00c4rzt*innen aufgrund seiner psychischen Erkrankung und Zweifeln an der Freiwilligkeit seiner Entscheidung lange verwehrt worden war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Liberalisierung von Sterbehilfe in Kanada hat also nicht nur die aktive Unterst\u00fctzung beim Sterben in medizinischen Ausnahmesituationen erm\u00f6glicht. Vielmehr erscheint es infolge der Normalisierung von MAiD in Kanada gesellschaftlich akzeptiert, geradezu vern\u00fcnftig und wom\u00f6glich sogar erw\u00fcnscht, sich im Zweifel rechtzeitig freiwillig t\u00f6ten zu lassen, um Autonomieverlust, Einsamkeit und Leid am Lebensende zu vermeiden. Dabei zeigt sich, dass eine Kluft existiert zwischen jenen, die den selbst gew\u00e4hlten Tod tats\u00e4chlich als h\u00f6chsten Ausdruck ihrer Individualit\u00e4t begreifen k\u00f6nnen und wollen, und jenen, f\u00fcr die dieser die letzte verzweifelte L\u00f6sung einer sozial unertr\u00e4glichen Lebenssituation darstellt. Einmal als regul\u00e4res &#8216;Angebot&#8217; des &#8216;selbstbestimmten Sterbens&#8217; etabliert, scheint es alten, verarmten oder lebensm\u00fcden Person kaum mehr m\u00f6glich, sich nicht daf\u00fcr oder dagegen zu entscheiden (<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5771\/9783748937340-43\">vgl. Graefe 2023, S. 54<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sterbehilfe im Sp\u00e4tliberalismus<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was aber passiert, wenn der freiwillige, assistierte Suizid erst als regul\u00e4re Option am Lebensende etabliert ist? Das Ideal eines selbstbestimmten Sterbens k\u00f6nnte, wie das Beispiel Kanada zeigt, tats\u00e4chlich so allt\u00e4glich werden, dass bereits die Vorstellung, so lange wie m\u00f6glich leben zu wollen, rechtfertigungsbed\u00fcrftig wird, dass sich also der Ma\u00dfstab vom &#8220;darf ich?&#8221; zum &#8220;sollte ich nicht?&#8221; verschiebt. Die Frage k\u00f6nnte dann lauten, ob man anderen \u00fcberhaupt noch irgendwie &#8220;zur Last fallen&#8221; darf, ob Phasen von Abh\u00e4ngigkeit, Gebrechlichkeit oder kognitivem Abbau \u00fcberhaupt noch als unvermeidlicher Teil menschlicher Vulnerabilit\u00e4t oder, im Gegenteil, als vermeidbares &#8220;Defizit&#8221; erscheinen. Anders gefragt: Wie freiwillig ist eine Entscheidung f\u00fcr den Suizid in einer Gesellschaft, in der Politiker*innen, wie es etwa in Deutschland der Fall ist, regelm\u00e4\u00dfig den demographischen Wandel und die &#8216;\u00dcberalterung&#8217; skandalisieren und in der zugleich kaum ausreichende Ressourcen in die Versorgung und Unterst\u00fctzung von Pflegebed\u00fcrftigen und ihren Angeh\u00f6rigen zur Verf\u00fcgung stehen? Die in der Vorstellung vom selbstbestimmten, freiwilligen Sterben eingelagerte, gleichsam radikalliberale Subjektfigur geht davon aus, dass Menschen unabh\u00e4ngig von ihrer \u00f6konomischen, sozialen und rechtlichen Lage und selbst in Situationen existenzieller Bedr\u00e4ngnis als souver\u00e4ne Akteur*innen agieren. Aber was, wenn sie es nicht sind? Wie kann Selbstbestimmung, W\u00fcrde und Lebensqualit\u00e4t \u2013 auch und gerade am Lebensende \u2013 dann aussehen? Und: F\u00fchrt die Legalisierung von Sterbehilfe tats\u00e4chlich dazu, dass die Autonomie am Lebensende erweitert wird, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/voluntariness-at-end-of-life\/\">wie auch hier im Blog behauptet<\/a>?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beunruhigend erscheint uns jedenfalls weniger der Umstand, dass es auf diese Fragen keine eindeutigen Antworten gibt, als vielmehr, dass sie, ist die organisierte Selbstt\u00f6tung erst einmal gesellschaftlich institutionalisiert, wom\u00f6glich gar nicht mehr gestellt werden. Dann n\u00e4mlich k\u00f6nnten sich die B\u00fcrger*innen zwar auf ihr Recht auf organisierte Suizidbeihilfe berufen, nicht aber auf ihr Recht, gesellschaftlich nicht unter Druck gesetzt zu werden, Suizidbeihilfe in Anspruch zu nehmen. Ihre Freiheit w\u00e4re damit einerseits phantasmatisch entgrenzt \u2013 sie wird als absolut imaginiert, obwohl Menschen durch und durch soziale und gesellschaftliche Wesen sind \u2013 und andererseits radikal auf die Auswahl zwischen einer sehr \u00fcberschaubaren Anzahl von Optionen begrenzt, was wiederum eine problematische Tendenz sp\u00e4tmoderner liberaler Gesellschaften verst\u00e4rkt, bei der &#8220;Individuen mehr denn je als selbstbestimmte Subjekte adressiert [werden], w\u00e4hrend sie gleichzeitig keine souver\u00e4ne Kontrolle \u00fcber die sozialen Bedingungen haben, auf deren Grundlage sie ihre [\u2026] Autonomie entfalten sollen&#8221; (<a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/gekraenkte-freiheit-t-9783518430712\">Amlinger u. Nachtwey 2023<\/a>, S. 174, vgl. ebd.) &nbsp;&#8211; was zweifellos umso schwerer ins Gewicht f\u00e4llt, je fragiler soziale Infrastrukturen und damit Lebensverh\u00e4ltnisse in sp\u00e4tkapitalistischen Gesellschaften sind und werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background wp-block-paragraph\"><span class=\"has-inline-color has-content-primary-color\">Zitiervorschlag:<\/span> Petersen, Niklas und Stefanie Graefe: &#8220;Assistierter Suizid und die Paradoxien der Freiwilligkeit&#8221;, <em>Freiwilligkeit: Geschichte | Gesellschaft | Theorie<\/em>, September 2026, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/sterbehilfe-und-die-paradoxien-der-freiwilligkeit\/\">https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/assistierter-suizid-und-die-paradoxien-der-freiwilligkeit\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Niklas Petersen und Stefanie Graefe<\/p>\n<p>Unter welchen Bedingungen gilt das Beenden des eigenen Lebens in liberalen Gesellschaften als legitime Option? Welche Vorstellungen von Freiwilligkeit und Selbstbestimmung liegen Forderungen nach einer Liberalisierung von Sterbehilfe zugrunde? Welche Folgen hat es, wenn der assistierte Suizid zu einem regul\u00e4ren Angebot oder gesellschaftlich weitgehend normalisiert wird? Im aktuellen Post widmen sich die Autor*innen diesen Fragen und diskutieren den Umgang mit assistiertem Suizid und T\u00f6tung auf Verlangen in Deutschland und Kanada.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":17490,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152],"tags":[524,153,236,516,515,91],"class_list":["post-16835","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog-de","tag-deutschland","tag-freiwilligkeit","tag-kanada","tag-spaetliberalismus","tag-sterbehilfe","tag-voluntariness-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16835","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16835"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16835\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17482,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16835\/revisions\/17482"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17490"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16835"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16835"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16835"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}