{"id":16669,"date":"2026-05-15T12:00:00","date_gmt":"2026-05-15T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voluntariness.org\/?p=16669"},"modified":"2026-05-14T17:47:17","modified_gmt":"2026-05-14T15:47:17","slug":"freiwilligkeit-global-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-global-teil-1\/","title":{"rendered":"Freiwilligkeit global \u2013 Teil 1 eines Gespr\u00e4chs"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-group is-layout-grid wp-container-core-group-is-layout-6be84c55 wp-block-group-is-layout-grid\"><div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-thumbnail\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-150x150.jpg\" alt=\"Silke van Dyk\" class=\"wp-image-8327\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-250x250.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-800x800.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-thumbnail\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/05\/matthias_ruoss_web-150x150.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-16487\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/05\/matthias_ruoss_web-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/05\/matthias_ruoss_web-250x250.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/05\/matthias_ruoss_web-801x800.jpg 801w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/05\/matthias_ruoss_web-1071x1070.jpg 1071w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/05\/matthias_ruoss_web-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2026\/05\/matthias_ruoss_web.jpg 1601w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-thumbnail\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/wesche_web-1-150x150.jpg\" alt=\"Tilo Wesche\" class=\"wp-image-8581\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/wesche_web-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/wesche_web-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/wesche_web-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/wesche_web-1-250x250.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/wesche_web-1-800x800.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-layout-grid wp-container-core-group-is-layout-6be84c55 wp-block-group-is-layout-grid\">\n<p class=\"has-text-align-center\">Silke van Dyk ist Soziologin an der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Matthias Ruoss ist Historiker an der Universit\u00e4t Fribourg<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Tilo Wesche ist Philosoph an der Carl-von-Ossietzky-Universit\u00e4t Oldenburg<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Freiwilligkeit in globaler Perspektive. Im Gespr\u00e4ch mit Tilo Wesche, Silke van Dyk und Matthias Ruoss \u2013 Teil 1<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<div style=\"height:15px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-content-primary-color has-text-color has-link-color wp-elements-628808b26498231b9ea2d33dd56a1ee9\"><strong>Interview moderiert von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/project\/jurgen-martschukat\/\">J\u00fcrgen Martschukat<\/a>, bearbeitet von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/project\/stefanie-buttner\/\">Stefanie B\u00fcttner<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-content-text-color has-content-bg-alt-background-color has-text-color has-background has-link-color has-medium-font-size wp-elements-e89489176fc2cf8f22ca71a9fd358543\" style=\"font-style:normal;font-weight:300;text-transform:none\">Freiwilligkeit in globaler Perspektive bildet einen der aktuellen Schwerpunkte der Arbeit in der Forschungsgruppe. Einige der zentralen Befunde aufgreifend \u2013 n\u00e4mlich, dass Freiwilligkeit mit ihrem situativen Charakter differenziert und auch mit Abstand zu westlichen Kategorien betrachtet werden muss und dass freiwilliges Handeln ebenso eine ethische Komponente besitzt \u2013 entstand dazu ein Themenheft in der Zeitschrift <em><a href=\"https:\/\/comparativ.net\/v2\/issue\/view\/189\">Comparativ<\/a><\/em>. Es wurde herausgegeben von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/regula-ludi\/\">Regula Ludi<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/juergen-martschukat\/\">J\u00fcrgen Martschukat<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/matthias-ruoss\/\">Matthias Ruoss<\/a> und ist im Februar 2026 erschienen. Neben verschiedenen historischen Aufs\u00e4tzen ist ein interdisziplin\u00e4res Gespr\u00e4ch \u00fcber Freiwilligkeit als zentraler Handlungsmodus liberaler Gesellschaften, ihr Verh\u00e4ltnis zur Notwendigkeit sowie die besondere Aktualit\u00e4t unserer Perspektiven in der Gegenwart Teil dieses Heftes. Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte J\u00fcrgen Martschukat mit dem Philosophen <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/tilo-wesche\/\">Tilo Wesche<\/a>, der Soziologin <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/silke-van-dyk\/\">Silke van Dyk<\/a> und dem Historiker Matthias Ruoss. Das komplette Gespr\u00e4ch erscheint in drei Teilen und deutscher Fassung zwischen Mai und Juli 2026 hier erneut, und wir bedanken uns bei der Redaktion von <em>Comparativ<\/em> f\u00fcr die M\u00f6glichkeit zum Re-Posting! In Teil eins erfahren Sie mehr \u00fcber die Forscher*innen, ihre aktuelle Arbeit und ihre eigene Perspektive auf Freiwilligkeit als Konzept und Praxis.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00fcrgen Martschukat<\/strong>: Vielen Dank, dass ihr da seid und sch\u00f6n, dass ihr euch Zeit nehmt f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch. In einer ersten Fragerunde w\u00fcrde ich gerne \u00fcber die Relevanz von Freiwilligkeit f\u00fcr eure Forschung sprechen, auch aus eurer jeweiligen disziplin\u00e4ren Perspektive heraus. Wir haben hier mit Philosophie, Soziologie und Geschichte drei verschiedene Disziplinen vertreten, und davon ausgehend w\u00fcrden wir im weiteren Verlauf des Interviews gerne euch und eure Forschung vorstellen und die verschiedenen Disziplinen miteinander ins Gespr\u00e4ch bringen. Ich beginne mit Tilo: Dein letztes Buch \u00fcber <em>Die Rechte der Natur<\/em> befasst sich \u2013 wenn ich das so zusammenfassen darf \u2013 mit dem Verh\u00e4ltnis von Mensch und Natur. Wo siehst Du als praktischer Philosoph in diesem Kontext die Stellung von Freiwilligkeit?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tilo Wesche<\/strong>: Ich habe mich mit den weltweit zahlreichen F\u00e4llen der Rechte der Natur, den so genannten \u00f6kologischen Eigenrechten, besch\u00e4ftigt. Zweierlei l\u00e4sst sich festhalten: Erstens, dass \u00f6kologische Fragen immer auch politische Fragen sind. Zum einen, weil nat\u00fcrlich zivilgesellschaftliche Bewegungen diese Ergebnisse angesto\u00dfen haben. Und zum anderen, weil \u00f6kologisch nachhaltige Ver\u00e4nderungen immer sozial-politische Ver\u00e4nderungen sind. F\u00fcr Nachhaltigkeitsziele werden Produktions- und Konsumptionsverh\u00e4ltnisse, Eigentumsrechte und Eigentumsdeutungen ver\u00e4ndert. \u00d6kologie und Politik verschr\u00e4nken sich also miteinander. Zweitens f\u00e4llt auf, dass die Beispiele der \u00f6kologischen Eigenrechte den Doppelsinn verdeutlichen, den Freiwilligkeit besitzt. Einmal den problematischen Sinn, der h\u00e4ufig mit dem Begriff des Neoliberalismus in Verbindung gebracht wird \u2013 so auch in unserer Forschungsgruppe. Freiwilligkeit wird dabei als ein Gegenbegriff zu staatlicher Regulierung oder rechtlichem Zwang aufgefasst und bedeutet Wahlfreiheit. Damit ist die Annahme verkn\u00fcpft, dass klimafreundliches, \u00f6kologisches, nachhaltiges Handeln freiwillig erfolgen muss und eben nicht vom Staat verordnet werden darf. Genauso erkennt man aber auch einen positiven Sinn von Freiwilligkeit. Denn es waren soziale Bewegungen, zivilgesellschaftliche Initiativen, die dazu f\u00fchrten, dass die Rechte der Natur institutionalisiert worden sind. Dieses sozial-\u00f6kologische Engagement beruht auf Freiwilligkeit. Es ist wichtig, dass hier Freiwilligkeit auch einen positiven Sinn hat, im Sinne einer Selbstaktivierung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00fcrgen Martschukat<\/strong>: Hier waren einige Stichworte dabei, die uns zu Silke und ihrem Arbeitsfeld f\u00fchren. Du, Silke, hast ja vor nicht allzu langer Zeit gemeinsam mit Tine Haubner ein Buch geschrieben, in dem ihr den Begriff des <em>Community-Kapitalismus<\/em> gepr\u00e4gt habt. Darin diskutiert ihr den Umbau des Sozialstaates w\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte. Inwieweit oder in welcher Form hilft der soziologische Blick auf Freiwilligkeit hier, diesen Umbau zu problematisieren?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Silke van Dyk<\/strong>: Ich komme aus der politischen Soziologie und interessiere mich in meiner Forschung, ganz grob umrissen, f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von Kapitalismus und Demokratie \u2013 und vor diesem Hintergrund f\u00fcr Freiwilligkeit als Ressource im Umbau von \u00d6konomie und Sozialstaat. Das kn\u00fcpft direkt an etwas an, das Tilo gerade gesagt hat, n\u00e4mlich an das Spannungsverh\u00e4ltnis von freiwilligem Handeln auf der einen und rechtlich-kodifiziertem Handeln auf der anderen Seite. Wir beobachten derzeit eine Aktivierung der Zivilgesellschaft, eine Verzivilgesellschaftlichung der sozialen Frage, indem freiwilliges Engagement soziale Rechte substituiert, also gewisserma\u00dfen als Ausfallressource eines selektiver werdenden Wohlfahrtsstaates fungiert. Die Bedeutung freiwilligen Engagements nimmt auch in sozial sensiblen gesellschaftlichen Bereichen wie der Pflege, der Familienhilfe, der Fl\u00fcchtlingshilfe und der Kinderbetreuung zu, also \u00fcberall dort, wo entweder sozial-staatliche Leistungen und soziale Rechte abgebaut werden oder wo sie mit den wachsenden gesellschaftlichen Bedarfen im Lichte des demografischen Wandels und des Wandels von Geschlechter- und Familienverh\u00e4ltnissen nicht Schritt halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein wichtiger Punkt in dieser Dynamik, hier kann ich auch an Tilo ankn\u00fcpfen, dass es bei der Aktivierung der Zivilgesellschaft nicht darum geht, ihre Protest- und Kritikfunktion als Korrektiv zu sozialstaatlichem Handeln stark zu machen, sondern zivilgesellschaftliches Engagement und ehrenamtliche Ressourcen zur L\u00f6sung von Problemen in Dienst zu nehmen, die nicht mehr \u00fcber \u00f6ffentliche Angebote und Dienste adressiert werden. Dieser Unterschied ist aus meiner Sicht von gro\u00dfer Bedeutung, wenn wir \u00fcber Freiwilligkeit im Gegenwartskapitalismus sprechen: zivilgesellschaftliches Engagement wird zunehmend zu einer instrumentellen Ressource und nicht zu einer Ressource der Demokratisierung der Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, sich anzuschauen, auch begriffsgeschichtlich, dass und wie Freiwilligkeit als Konzept extrem positiv aufgeladen ist. Beobachten wir den gesellschaftlichen Diskurs ist sogar festzustellen, dass freiwilliges soziales Engagement zum Synonym f\u00fcr Freiwilligkeit schlechthin wird, womit aus dem Blick tritt, dass Menschen freiwillig ziemlich krasse Sachen machen k\u00f6nnen. Diese Aufwertung kommt zudem einer Sakralisierung von Engagierten gleich, die auch w\u00f6rtlich oft als Engel oder Helden gefeiert werden. Ihr freiwilliges Engagement wird so positiv aufgeladen, dass die Kehrseiten freiwilliger Hilfe in den Hintergrund treten. Wenn wir aber \u00fcber sensible Felder von sozialer Teilhabe, Existenzsicherung und Daseinsvorsorge reden und Menschen in den Blick nehmen, die auf Hilfe und Unterst\u00fctzung angewiesen sind, z.B. Pflegebed\u00fcrftige, Kinder, Gefl\u00fcchtete oder vulnerable Familien, sehen wir, dass die so hoch gelobte Freiwilligkeit so un-problematisch nicht ist:&nbsp; Es ist ja gerade der Wesenskern der Freiwilligkeit, dass Menschen die M\u00f6glichkeit haben, eine Handlung zu unterlassen, was im Umkehrschluss f\u00fcr diejenigen, die existenziell auf Hilfe angewiesen sind, die Situation \u00e4u\u00dferst prek\u00e4r macht. Auf soziale Rechte und professionelle Hauptamtliche k\u00f6nnen sich Pflegebed\u00fcrftige verlassen. Ob die Freiwillige kommt und es ihr heute in den Kram passt, ist eine ganz andere Geschichte\u2026 Die Umkehrung der Perspektive w\u00e4re folglich, zu fragen: Unter welchen Bedingungen wird Freiwilligkeit so prek\u00e4r, dass sie tats\u00e4chlich Grundfeste von Solidarit\u00e4t und Teilhabe gef\u00e4hrdet?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00fcrgen Martschukat<\/strong>: Ja, denn als Helfende auch nicht kommen zu k\u00f6nnen, ist ja im Prinzip der Freiwilligkeit angelegt. Mit einigen dieser Stichworte kann man auch hier prima Matthias ins Spiel bringen. Matthias, du hast dich als Historiker mit Freiwilligkeit befasst, vor allem mit Freiwilligkeit und Geschlecht. Die Sakralisierung freiwilligen Handelns und vor allem die Kehrseite dessen ist eines der ganz zentralen Themen, vermute ich. Was ist dein Erkenntnisinteresse als Historiker, wenn du dich mit Freiwilligkeit und Geschlecht befasst?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Matthias Ruoss<\/strong>: Ja, das sind in der Tat wichtige Stichworte f\u00fcr meine Forschung. Ich verstehe Freiwilligkeit als eine Praxis, die auch als solche bezeichnet wird. Diesen Zusammenhang gilt es hervorzuheben, denn daraus l\u00e4sst sich die historisch relevante Frage ableiten, wie sich das Handeln und der Begriff wechselseitig geformt und entwickelt haben. Dabei kann man von zwei aktuellen Beobachtungen ausgehen, die Silke bereits angedeutet hat: Erstens, Freiwilligkeit ist in westlichen Gesellschaften praktisch durchwegs eine Fremdzuschreibung. Die Rede von &#8220;Ich bin als Freiwilliger in diesem oder jenem Bereich aktiv&#8221; hat keinen diskursiven Ort. Zweitens, Freiwilligkeit ist heute rundum positiv besetzt. Was mich als Historiker nun interessiert, ist die Frage, warum oder wann Freiwilligkeit derart aufgeladen wurde und wie sich dieser semantische Gehalt in der Praxis manifestierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Generell gehe ich als Historiker davon aus, dass die gesellschaftliche Anrufung, Inwertsetzung oder Umsetzung von Freiwilligkeit eine Geschichte hat, die sich untersuchen l\u00e4sst. Diese Geschichte begann nicht erst in den 1970er Jahren, sondern sie setzte mit der geschlechtsspezifischen Herausbildung kapitalistischer \u00d6konomien und ihrer sozial reproduktiven Grundlagen im fr\u00fchen 19. Jahrhundert ein. Es bieten sich verschiedene historische Perspektiven an, die Geschichte der Freiwilligkeit zu analysieren: Man kann sich die Geschichte der organisierten Gemeinn\u00fctzigkeit und Philanthropie anschauen, man kann die vergeschlechtlichte gesellschaftliche Aufgabenteilung betrachten oder man kann den Aufbau des Sozialstaates und die <em>mixed economies of welfare<\/em> untersuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Spannender finde ich allerdings einen anderen Zugang, der sich als immanente Kritik der Freiwilligkeit bezeichnen l\u00e4sst. Dabei geht es weniger darum zu fragen, wie die kulturelle Hegemonie der Freiwilligkeit funktioniert, sondern wo sie Widerspr\u00fcche produziert und an ihre Grenzen st\u00f6\u00dft. Man kann diese Spannungen und R\u00e4nder auf verschiedene Art und Weise identifizieren und ausloten. Zum einen kann man danach fragen, wer freiwillig t\u00e4tig ist, nicht aber als solcher gilt. Ich denke hier beispielsweise an Engagierte in der Fluchthilfe oder der Abtreibungshilfe, sowohl im historischen Kontext als auch in der Gegenwart. Beides sind Bereiche der kriminalisierten Freiwilligkeit, die sich von den R\u00e4ndern her untersuchen lassen. Zum anderen lassen sich diese R\u00e4nder der kulturellen Hegemonie untersuchen, indem man fragt, wie der Begriff Freiwilligkeit von anderen beansprucht und gegen die gesellschaftliche Ordnung in Stellung gebracht wurde: Freiwilligkeit nicht als Dienst an der Gesellschaft, sondern als Kritik an ihr. Daf\u00fcr gibt es verschiedene Beispiele. Anarchistische Kreise um 1900 etwa haben den Freiwilligkeitsbegriff ganz anders besetzt als die Mehrheitsgesellschaft. Sie haben ihn als autonomes, herrschaftsfreies Medium verstanden, mit dem sie die soziale Ordnung solidarisch und ohne staatliche Hilfe zu transformieren versuchten. Es sind gerade solche Deutungsk\u00e4mpfe um Freiwilligkeit, die mich interessieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00fcrgen Martschukat<\/strong>: Danke. Was ich \u00fcber die Disziplinen hinweg zu beobachten meine ist, dass euch viel daran gelegen ist, eine Kritik an Freiwilligkeit zu formulieren. Vielleicht k\u00f6nnen wir versuchen, das noch mal etwas genauer auszuloten. Warum ist euch eine Kritik von Freiwilligkeit so wichtig? Zum Beispiel vor dem Hintergrund der Sakralisierung, die Silke angesprochen hat, oder auch der eben von Matthias erw\u00e4hnten Freiwilligkeit an den R\u00e4ndern oder in der Auseinandersetzung mit Hegemonie oder mit dem neoliberalen Kontext, den Tilo erw\u00e4hnt hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tilo Wesche<\/strong>: Ich meine, dass Freiwilligkeit mit der Einf\u00fchrung von subjektiven Rechten zum Thema in der politischen Philosophie wurde. Das betrifft nicht nur die Entwicklung des Zivilrechts im 17. Jahrhundert, sondern auch das Aufkommen politischer Rechte, Demokratie zum Beispiel, oder die b\u00fcrgerlichen Revolutionen im 18. und 19. Jahrhundert. Freiwilligkeit hat hier eine emanzipatorische Bedeutung, weil wir Rechte ohne Freiwilligkeit gar nicht denken k\u00f6nnen. Wer ein Recht hat, dem steht es eben auch zu, dieses Recht auszu\u00fcben oder nicht auszu\u00fcben. Sonst w\u00e4re es kein Recht. Es gibt eine analytische Einheit zwischen Recht und Freiwilligkeit; und das kann man zurecht auch eine emanzipatorische Bedeutung der Freiwilligkeit nennen. Wo hier ein Problem liegt, sieht man sehr sch\u00f6n, wenn diese Tradition der subjektiven Rechte, die eher aus dem Naturrecht entstanden ist, nun vom Kontraktualismus, insbesondere von Thomas Hobbes reinterpretiert wird. Hier erh\u00e4lt Freiwilligkeit die problematische Bedeutung der Wahlfreiheit. Wir haben im Naturzustand die Wahl, einer Gesellschaft beizutreten oder nicht. Diese Vorstellung ist jedoch eine Verf\u00e4lschung und Abstraktion, weil sozusagen der Hintergrund ausgeblendet wird, der uns gewisserma\u00dfen n\u00f6tigt, uns beispielsweise zu vergesellschaften oder bestimmte Aufgaben zu bearbeiten. Die Bedeutung der Freiwilligkeit als Wahlfreiheit erweckt den Schein, als sei es uns anheimgestellt, ob wir gesellschaftlich notwendige Aufgaben privat oder \u00f6ffentlich erledigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Silke van Dyk<\/strong>: Aus soziologischer Perspektive braucht es eine Kritik der Freiwilligkeit, die danach fragt, welche Funktion freiwilliges Handeln unter bestimmten Kontextbedingungen hat, und sich nicht mit der Freiwilligkeit als normativem Ideal zufrieden gibt. Das f\u00fchrt mich wieder zum Spannungsverh\u00e4ltnis von Kapitalismus und Demokratie und der darin eingelassenen Frage nach Freiwilligkeit als \u00f6konomischer und politischer Ressource. In dem Forschungsfeld, das mich interessiert, fragen wir im weitesten Sinne &#8220;Wie funktioniert Produktion und vor allem soziale Reproduktion unter kapitalistischen Bedingungen?&#8221; Dort l\u00e4sst sich beobachten, dass die Charakterisierung von T\u00e4tigkeiten als freiwillig dazu f\u00fchrt, diese Aktivit\u00e4ten als Engagement, als Liebe, als Gabe, als Gemeinschaft zu entproblematisieren. An diesem Punkt muss eine Kritik von Freiwilligkeit ansetzen, nicht um das Prinzip der Freiwilligkeit grunds\u00e4tzlich zu problematisieren, sondern um zu gucken, inwiefern die Etikettierung von Aktivit\u00e4ten und T\u00e4tigkeiten als freiwillige dazu dient, ihre \u00f6konomischen Implikationen auszublenden \u2013 so dass von Arbeitsrechten und Entlohnung nicht mehr die Rede ist. Genau das ist die Kehrseite der Sakralisierung von Freiwilligen: Wer von Engeln und Helden spricht, will von Ausbeutung und Prekarit\u00e4t, von Unsicherheit und fehlender Professionalit\u00e4t schweigen. In diesem Sinne brauchen wir auch eine Ideologiekritik der Freiwilligkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig f\u00fcr diese Diskussion sind zudem die geschlechtsspezifischen Implikationen. Ich finde es extrem interessant, dass wir sowohl in der feministischen Forschung als auch in feministischen sozialen Bewegungen eine elaborierte Kritik von Sorge- und Care-Arbeit als vermeintlichem Liebesdienst kennen. Ein wichtiger Slogan der zweiten Frauenbewegung lautete &#8220;Ihr nennt es Liebe. Wir sagen es ist Arbeit&#8221;. Damit wurde es \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich, genau diese unbezahlten, oft der vermeintlichen weiblichen Natur zugerechneten Sorget\u00e4tigkeiten als Arbeit zu begreifen und die darin wurzelnde Ausbeutung sichtbar zu machen. Es \u00fcberrascht mich bis heute, dass diese sehr elaborierte Kritik unbezahlter Arbeit, die Liebe und F\u00fcrsorge zum Gegenstand der \u00f6konomischen Analyse werden l\u00e4sst, in den zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen und Analysen zur Freiwilligenarbeit und zivilgesellschaftlichem Engagement nicht rezipiert wird. Obwohl die Fragen ganz \u00e4hnliche sind, wird diese Kritik weiblicher Reproduktionsarbeit nicht f\u00fcr die Analyse von Engagement nutzbar gemacht. Mit der Sakralisierung und Indienstnahme von freiwilligem Engagement findet zudem eine demokratiepolitische Verengung statt, die nicht zu untersch\u00e4tzen ist: Je mehr Freiwilligkeit zur \u00f6konomischen und sozialen Ressource wird, desto mehr wird sie auch gesteuert und angereizt und desto st\u00e4rker verliert es seinen in der Zivilgesellschaft wurzelnden, eigensinnigen, widerst\u00e4ndigen, kritischen Charakter, auf den jede liberale Demokratie angewiesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Matthias Ruoss<\/strong>: Diesen Aspekt finde ich sehr spannend. Allerdings m\u00f6chte ich darauf hinweisen, dass die Frauenbewegung Freiwilligkeit nicht nur kritisierte, etwa mit Blick auf weibliche Reproduktionsarbeit. Gerade im 19. Jahrhundert forderten und reflektierten frauenbewegte (b\u00fcrgerliche) Kreise auch das Gegenteil, n\u00e4mlich den Schritt aus dem Haus heraus auf das Feld der Freiwilligkeit und damit in die \u00d6ffentlichkeit. Freiwilligkeit bot Frauen immer auch Chancen und M\u00f6glichkeiten zur Verwirklichung \u2013 und zwar ohne die ihnen zugeschriebene Rolle als Hausfrau, Mutter und Ehefrau radikal in Frage stellen zu m\u00fcssen. Es scheint mir wichtig, dass wir beide Aspekte wahrnehmen, die Disziplinierung und das Befreiungspotential, das der Freiwilligkeit anhaftet. Wir als Historiker:innen entscheiden, ob wir eine Geschichte der Zuordnung schreiben oder eine Geschichte der Emanzipation \u2013 oder beides. Ich m\u00f6chte das nicht nur im Sinne einer heuristischen Verantwortung verstanden wissen, sondern auch als Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine historisch-kritische Analyse der Freiwilligkeit. Ein zentrales Anliegen der historischen Forschung ist es, Gegebenheiten und Verh\u00e4ltnisse zu historisieren, um ihre Ver\u00e4nderbarkeit aufzuzeigen. Das trifft auch auf die Freiwilligkeit zu. Die gesellschaftliche Organisation der Freiwilligkeit hat eine facettenreiche Geschichte \u2013 und eine offene Zukunft. Ein anderes Anliegen besteht darin, auf die inneren Widerspr\u00fcche der Macht und der vermachteten Verh\u00e4ltnisse aufmerksam zu machen. Dazu geh\u00f6rt allen voran die Tatsache, dass die gesellschaftliche Indienstnahme der Freiwilligkeit stets umk\u00e4mpft war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background\">Der zweite Teil des Interviews wird Juni 2026 auf unserer Seite erscheinen. Wer ihn nicht verpassen m\u00f6chte: Gerne auf <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/voluntariness.freiwilligkeit\/\">Instagram<\/a> oder <a href=\"https:\/\/bsky.app\/profile\/freiwilligkeit.bsky.social\">Bluesky<\/a> folgen! Stay tuned!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background\"><span class=\"has-inline-color has-content-primary-color\">Zitiervorschlag:<\/span> B\u00fcttner, Stefanie und J\u00fcrgen Martschukat: &#8220;Freiwilligkeit in globaler Perspektive. Im Gespr\u00e4ch mit Tilo Wesche, Silke van Dyk und Matthias Ruoss \u2013 Teil 1&#8221;, <em>Freiwilligkeit: Geschichte | Gesellschaft | Theorie<\/em>, Mai 2026, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-global-teil-1\/\">https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-global-teil-1\/<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philosophie, Geschichtswissenschaft und Soziologie diskutieren \u00fcber Freiwilligkeit. 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