{"id":15908,"date":"2025-12-23T14:09:20","date_gmt":"2025-12-23T13:09:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voluntariness.org\/?p=15908"},"modified":"2026-03-20T10:18:40","modified_gmt":"2026-03-20T09:18:40","slug":"geschichtswissenschaft-und-moral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/geschichtswissenschaft-und-moral\/","title":{"rendered":"Moral History &#8211; Ein Workshop zur Bestandsaufnahme"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<figure class=\"wp-block-image alignwide size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1280\" height=\"720\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/moral-history-programme-landscape-1280x720.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15909\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/moral-history-programme-landscape-1280x720.jpg 1280w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/moral-history-programme-landscape-250x141.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/moral-history-programme-landscape-1902x1070.jpg 1902w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/moral-history-programme-landscape-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/moral-history-programme-landscape.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\"><div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"250\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/katzek_meike-250x250.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15911\" style=\"width:250px\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/katzek_meike-250x250.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/katzek_meike-800x800.jpg 800w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/katzek_meike-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/katzek_meike-1070x1070.jpg 1070w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/katzek_meike-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/12\/katzek_meike.jpg 1403w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-content-primary-color has-text-color\">Von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/meike-katzek\/\">Meike Katzek<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Meike Katzek ist Historikerin an der Universit\u00e4t Erfurt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber das Verh\u00e4ltnis von Geschichtswissenschaft und Moral<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background\"><em>Dieser Text wurde zuerst im <a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/forschung\/aktuelles\/forschungsblog-wortmelder\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Forschungsblog &#8220;WortMelder&#8221;<\/a> der Universit\u00e4t Erfurt am 15. Dezember 2025 in der Rubrik &#8220;Einblicke&#8221; ver\u00f6ffentlicht. Wir bedanken uns herzlich f\u00fcr die Erlaubnis zum Re-Posting! <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Seit einigen Jahren r\u00fcckt das Thema &#8220;Moral&#8221; immer weiter in den Blickpunkt geschichtswissenschaftlicher Forschung. Verst\u00e4rkt wird dies nicht zuletzt durch aktuelle gesellschaftliche Debatten, etwa zum nachhaltigen Konsum in Zeiten der Klimakrise oder zum angemessenen Umgang mit dem Erbe des Kolonialismus. Zugleich sehen sich kritische Historiker*innen vermehrt Angriffen ausgesetzt, die ihre Forschung als &#8220;ideologisch&#8221; verurteilen. Wie sollen sie auf diese Attacken reagieren? Wie k\u00f6nnen sie sich in der politisch umk\u00e4mpften Gegenwart auch in ihrer Forschung moralisch positionieren? Diese Fragen diskutierten wir bei unserem zweit\u00e4gigen <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/workshop-moral-history\/\">Workshop &#8220;Moral History&#8221;<\/a>. Zu welchen Ergebnissen ist die Gruppe gekommen? &#8220;WortMelder&#8221; hat bei Meike Katzek, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar und Mitorganisatorin des Workshops, nachgefragt\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Benjamin M\u00f6ckel zu &#8220;<strong>\u00d6konomien der Moral. Konsum als moralische Praxis in der Moderne<\/strong>&#8220;<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Geschichtswissenschaft und Moral ist eine relativ unbequeme, wie unser Gast Benjamin M\u00f6ckel von der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen zu Beginn seines Vortrags bemerkte. Der Vorwurf der &#8220;Moralisierung&#8221; wiegt immer noch schwer, da eine historisierende Distanz Teil des akademischen Selbstverst\u00e4ndnisses von Historiker*innen ist. Deshalb gilt das R\u00fcckprojizieren von gegenw\u00e4rtigen Moralvorstellungen auf historische Akteure weithin als unangemessen &#8220;pr\u00e4sentistisch&#8221;. Gleichzeitig geh\u00f6rt es zum geistes- und sozialwissenschaftlichen Konsens, dass das Ideal der Objektivit\u00e4t \u2013 die Trennung des Forschersubjekts vom Forschungsobjekt \u2013 eben immer auch unerreichbares Ideal bleibt. Insbesondere die Wissenschaftsgeschichte hat gezeigt, dass auch die Bedeutung von Objektivit\u00e4t historisch kontingent ist und die Frage, wie Wissen produziert wird, nicht von Moraldebatten zu trennen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufgabe von Historikerinnen<em> <\/em>gem\u00e4\u00df dem Ansatz der &#8216;moral history&#8217; liegt aber zun\u00e4chst in der hermeneutischen Erschlie\u00dfung der moralischen Wertevorstellungen und Weltanschauung der historischen Akteurinnen. Dieser Ansatz wurde im deutschen Forschungsfeld der Zeitgeschichte mit einem Aufsatz von Habbo Knoch und Benjamin M\u00f6ckel 2017 methodisch umrissen. Hier geht es nicht nur um das Erfassen der expliziten Proklamationen moralischer Vorstellungen, sondern auch um die Erforschung der impliziten Moralvorstellungen, die Normen, Diskursen und Semantiken zugrunde liegen. Der Forschungsansatz fragt nach den Praktiken und Effekten von Moral: Was tun historische Akteur*innen mit Moral? Wie wird diese nach au\u00dfen transportiert? Welche Effekte haben moralische Handlungen? Wie funktioniert eine \u00dcbersetzung von Moralvorstellungen zwischen Gesellschaftsbereichen wie der Politik, Religion, Wissenschaft etc.? Hier wird also ein umfangreiches Forschungsprogramm skizziert, das noch gro\u00dfe Potenziale birgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Benjamin M\u00f6ckel zeigte in seinem Vortrag anhand der modernen Konsumgeschichte in den USA und Gro\u00dfbritannien anschaulich, dass die Moralisierung von Konsum \u2013 wie wir sie heute z.B. beim Thema Nachhaltigkeit in Zeiten der Klimakrise wahrnehmen \u2013 kein neues Ph\u00e4nomen ist. Schon in der Abolitionismus-Bewegung im 18. Jahrhundert r\u00fcckten Konsumentscheidungen und der Verzicht auf G\u00fcter, die durch Sklavenarbeit hergestellt wurden, als ein wichtiger Teil der Bewegung in den Fokus. Anhand der Boykottkampagne stellte M\u00f6ckel eine &#8220;Rhetorik von Schuld und Komplizenschaft&#8221; fest, die eine direkte Verbindung zwischen den Bedingungen der Produktherstellung und den Konsument*innen herstellte. Diese Dynamiken zeichnete M\u00f6ckel dann ebenso in Konsum- und Boykottkampagnen im 20. Jahrhundert nach, z.B. in der Anti-Apartheid-Bewegung oder im Umwelt-Aktivismus, in denen aber ebenso eine &#8220;Sprache der Solidarit\u00e4t&#8221; mit den L\u00e4ndern des Globalen S\u00fcdens festzustellen war. Zu betonen ist dabei allerdings, dass Konsumkampagnen nicht nur durch progressive politische Lager betrieben werden \u2013 denken wir z.B. an die antisemitischen Boykotte der 1930er-Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutlich wurde die enge Verkn\u00fcpfung von Moral, \u00d6konomie und Freiwilligkeit. Wer sich frei entscheiden kann, dessen Handlungen k\u00f6nnen auch moralisch ausgedeutet werden. Allerdings haben auch Modelle wie &#8220;Konsumentenmacht&#8221; und \u201eKonsumentenverantwortung\u201c in ihrer Tendenz zur Individualisierung von Verantwortung nur begrenzte M\u00f6glichkeiten und k\u00f6nnen von dominanten Wirtschaftsakteuren ablenken. Beispielsweise geht das Konzept des &#8220;\u00d6kologischen Fu\u00dfabdrucks&#8221; auf eine Kampagne des britischen \u00d6lkonzerns <em>British Petroleum<\/em> zur\u00fcck. Prozesse der Moralisierungen sollten deshalb immer im Kontext breiterer gesellschaftspolitischer Debatten und Transformationsprozesse situiert werden. Im zweiten Teil des Workshops diskutierten wir \u2013 der Wissenschaftshistoriker Alexander St\u00f6ger und moderiert von J\u00fcrgen Martschukat gemeinsam mit den G\u00e4sten \u2013 in der eher gegenwartsbezogenen Diskussionsrunde sowohl \u00fcber die Geschichte der moralischen \u00d6konomien der Wissenschaft und der Geschichtswissenschaft im Besonderen als auch \u00fcber die Frage, wie sich gegenw\u00e4rtige politische Kontexte auf Moraldebatten auswirken.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gruppendiskussion mit Alexander St\u00f6ger &#8211; &#8220;<strong>The Historian as Reflexive Moral Subject. New Challenge or New Normal?&#8221;<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Ausgangsfrage \u2013 was es bedeutet, ein &#8220;reflexives Moralsubjekt&#8221; in der Wissenschaft zu sein \u2013 war ebenfalls vom Ansatz der &#8216;moral history&#8217; informiert. Die schon erw\u00e4hnten Knoch und M\u00f6ckel schreiben, dass reflexive Moral ein essenzieller Teil der moralischen \u00d6konomien der Wissenschaft darstellt, z.B. in Form von Skepsis oder Kritik. Au\u00dferdem fungiert Wissenschaft als Mediator moralrelevanten Wissens und kann gesellschaftliche reflexive Aushandlungsprozesse informieren. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, dass wir uns im akademischen Wissenschaftssystem auch \u00fcber das Thema von Moral und Ethik verst\u00e4ndigen, auch abgesehen davon, dass dies sowieso schon geschieht, wie z.B. in Form von DFG-Standards oder wenn es um Fragen der Verantwortung, Transparenz oder Diversit\u00e4t in Forschung und Lehre geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig erleben wir gegenw\u00e4rtig, dass spezifische Forschungsans\u00e4tze \u00f6ffentlich als &#8220;zu moralisierend&#8221; bewertet werden. Teilweise erinnert es an den US-amerikanischen &#8216;war on wokeness&#8217;, wenn einzelne, aber laute Stimmen in den kritischen Forschungsbereichen der Gender Studies oder postkolonialer Theorie einen ideologischen Aktivismus sehen, der vermeintlich die Debattenkultur zerst\u00f6ren, f\u00fcr Polarisierung sorgen oder sogar die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit bedrohen w\u00fcrde. Das Argument ist: Feministischer oder anti-rassistischer Aktivismus w\u00fcrde die wissenschaftliche Forschung zu stark moralisch aufladen und ihre Objektivit\u00e4t gef\u00e4hrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Sorge ist tats\u00e4chlich ebenfalls nicht neu. In den 1990er-Jahren gab es in den USA eine akademische Debatte \u00fcber genau solche Fragen und Vorw\u00fcrfe \u2013 die sogenannten &#8220;Science Wars&#8221;. Hier wurde \u00fcber die Rolle von Moral und Politik in der Wissenschaft gestritten. Die Kritiker \u2013 v.a. Naturwissenschaftler*innen, die sich gegen eine kritische Wissenschaftsforschung richteten \u2013 prangerten an, dass die kulturwissenschaftliche Kritik die traditionellen Werte der Wissenschaft wie Ernsthaftigkeit, Disziplin, Unvoreingenommenheit und Objektivit\u00e4t unterlaufen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich muss man hier vorsichtig sein und darf die damaligen und gegenw\u00e4rtigen Debatten nicht einfach gleichstellen. Es gibt eine Reihe von Unterschieden \u2013 zuallererst die Konstellationen der angreifenden und angegriffenen Akteur*innen sowie nicht zuletzt die politischen Kontexte. Gleichzeitig zeigt der Vergleich die anhaltende Spannung zwischen der Verteidigung wissenschaftlicher und historischer Deutungsmacht auf der einen und moralischen Anforderungen wie kritischer Selbstreflektion oder auch demokratischen Werten des Pluralismus auf der anderen Seite. Au\u00dferdem \u2013 und das war ein wichtiger Aspekt der Diskussion, der auch aus der vorhergehenden Textlekt\u00fcre von Herman Paul und Joan Scott klar wurde \u2013 bergen Moraldebatten (&#8220;virtue-talk&#8221;) immer das Risiko von sozialer Exklusion und Delegitimierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem machte Alexander St\u00f6ger deutlich, dass die historische Perspektive auf Moraldebatten in der Wissenschaft dabei helfen kann, die zeitweise affektiv stark aufgeladenen Debatten in Perspektive zu setzen: Historikerinnen sind durch ihre Ausbildung bereits hoch moralisierte Subjekte. Schon seit dem 18. Jahrhundert sind moralisch aufgeladene Tugenden, wie Neutralit\u00e4t, Gewissenhaftigkeit und Flei\u00df mit der Disziplin der Geschichtswissenschaft und der Arbeit der Historikerin verkn\u00fcpft. Das kritische Hinterfragen der eigenen Arbeit kann deshalb schnell in pers\u00f6nliche Kritik umschlagen. Die Geschichte zeigt, dass solche Moraldebatten immer wieder gef\u00fchrt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig muss genau hingeschaut werden, durch welche historischen Entwicklungen unsere Debatten eigentlich informiert sind. Denn es wurde nat\u00fcrlich nicht \u00fcber Jahrhunderte hinweg immer dieselbe Moraldebatte gef\u00fchrt. Das sehen wir schon daran, dass sich erst im 19. Jahrhundert unser heutiges Verst\u00e4ndnis von Objektivit\u00e4t formiert, die das Erkenntnissubjekt und dessen Affekte und Tugenden ausklammert aus der Wissensproduktion. Hier stellt sich die Frage, ob heutige Streitigkeiten \u00fcber eine &#8220;zu starke Moralisierung&#8221; von Wissen und Wissenschaft nicht auch durch eine bestimmte Geschichte positivistischer Wissenschaftsphilosophie informiert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Demgegen\u00fcber entwickelten sich im Kontext der sozialen Bewegungen Fragen der Objektivit\u00e4t seit den 1970er-Jahren zu hochpolitischen Gegenst\u00e4nden. Diese Debatten f\u00fchren wir teilweise noch heute. Die Bestrebungen, einer diskriminierenden Tradition in der medizinischen Forschung entgegenzuwirken, ist ein gutes Beispiel f\u00fcr die existenzielle Dringlichkeit solcher Fragen. Die Erkenntnisse, dass lange die Spezifika von Frauengesundheit ignoriert wurden oder Rassismus gesundheitliche Ungleichheit pr\u00e4gt(e), sind gerade Erfolge von diesen als \u201ezu moralisierend\u201c angeprangerten Forschungsans\u00e4tzen. Folglich sind Perspektiven der Gender-Forschung oder postkoloniale Ans\u00e4tze keine politisierten Partikularinteressen, sondern tragen dazu bei, zu einer \u2013 wenn man so will \u2013 st\u00e4rkeren Form von Objektivit\u00e4t zu kommen. In anderen Worten: Bestimmte objektive Erkenntnisse k\u00f6nnen nur durch die Einbeziehung postkolonialer und geschlechteranalytischer Positionen erreicht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit sollen Sorgen um eine sich ver\u00e4ndernde akademische Kultur nicht beiseite gewischt werden. In der Diskussion kam hier interessanterweise die enge Verkn\u00fcpfung von Moral, \u00d6konomie und neoliberaler Subjektivit\u00e4t auf. Denn gerade das Wissenschaftssystem als Arbeitsmarkt ist stark von Leistungsdruck, \u00f6konomischer Prekarit\u00e4t und gleichzeitiger Austerit\u00e4tspolitik durchzogen. Inwiefern wirken sich diese realen strukturellen Bedingungen auf die Debattenkultur in Seminarsituationen aus? Sind Tugenden wie Sorgfalt und Glaubw\u00fcrdigkeit wirklich lehrbar, wenn im universit\u00e4ren Alltag oft Zeit und Kapazit\u00e4ten fehlen? Inwiefern besteht das Risiko, dass Moralsubjektivit\u00e4t zu einer W\u00e4hrung auf dem akademischen Arbeitsmarkt wird (&#8220;Wer ist tugendhafter?&#8221;), sodass das transformatorische Potenzial kritischer Perspektiven rein symbolisch bleibt?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage nach den institutionellen Rahmenbedingungen ist hier entscheidend. Dies wirft ebenfalls die Frage auf, wer oder was eigentlich die Entit\u00e4t ist, denen Historiker*innen und auch andere Forscher*innen sich gegen\u00fcber moralisch verantworten m\u00fcssen. Die Studierenden? Die Universit\u00e4t? Die eigene akademische Community? Oder doch die Politik oder die Zivilbev\u00f6lkerung?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Workshop zeigte, wie vielschichtig das Thema der &#8216;moral history&#8217; bzw. das Verh\u00e4ltnis von Moral und Geschichtswissenschaft ist. In der Bilanz blieben teilweise mehr offene Fragen als konkrete Antworten \u2013 aber auch das sind Tugenden der Wissenschaft: Ergebnisoffenheit und Neugier. Doch deutlich wurde, dass die historische Perspektive der &#8216;moral history&#8217; dabei helfen kann, eine Vielzahl von Beispielen und Kontexten bereitzustellen, die den aktuellen Debatten um Moral und ihrer gesellschaftlichen Selbstverst\u00e4ndigung Reflexionstiefe verleihen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background\"><span class=\"has-inline-color has-content-primary-color\">Zitiervorschlag:<\/span> Katzek, Meike: &#8220;Moral History &#8211; Ein Workshop zur Bestandsaufnahme&#8221;, <em>Freiwilligkeit: Geschichte | Gesellschaft | Theorie<\/em>, Dezember 2025, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/geschichtswissenschaft-und-moral\/\">https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/geschichtswissenschaft-und-moral\/<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Meike Katzek<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren r\u00fcckt das Thema \u201eMoral\u201c immer weiter in den Blickpunkt Geschichtswissenschaftlicher Forschung. Zugleich sehen sich kritische Historiker*innen vermehrt Angriffen ausgesetzt, die ihre Forschung als \u201eideologisch\u201d verurteilen. Fragen dazu diskutierten Wissenschaftler*innen bei unserem zweit\u00e4gigen Workshop \u201eMoral History\u201c, Mitorganisatorin Meike Katzek fasst die Hauptpunkte zusammen.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":15928,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,3],"tags":[469,153,448,449,470,245,91],"class_list":["post-15908","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog-de","category-unkategorisiert","tag-ethik","tag-freiwilligkeit","tag-geschichte","tag-moral-de","tag-reflexiv","tag-subjekt","tag-voluntariness-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15908","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15908"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15908\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16356,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15908\/revisions\/16356"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15928"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15908"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15908"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15908"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}