{"id":15660,"date":"2025-10-24T12:00:00","date_gmt":"2025-10-24T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voluntariness.org\/?p=15660"},"modified":"2026-03-20T10:17:36","modified_gmt":"2026-03-20T09:17:36","slug":"wehrdienst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wehrdienst\/","title":{"rendered":"Wehrdienst: Pflicht und Recht von Staatsb\u00fcrgerlichkeit"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\"><div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/wehrdienst_marsch_web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15695\" style=\"aspect-ratio:3\/2;object-fit:cover;width:807px;height:auto\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00a9 2020, Filip Andrejevic (<a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/@fandrejevic\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">@fandrejevic<\/a>), via <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/fotos\/manner-in-gruner-und-brauner-tarnuniform-1LTunOck3es\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Unsplash<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\"><div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"250\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/nina-leonhard_profilbild_web-250x250.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15702\" style=\"width:250px\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/nina-leonhard_profilbild_web-250x250.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/nina-leonhard_profilbild_web-800x800.jpg 800w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/nina-leonhard_profilbild_web-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/nina-leonhard_profilbild_web-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/nina-leonhard_profilbild_web.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-content-primary-color has-text-color\">Von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/nina-leonhard\/\">Nina Leonhard<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Nina Leonhard ist Soziologin und u.a. Projektbereichsleiterin im Forschungsbereich f\u00fcr Milit\u00e4rsoziologie am Zentrum f\u00fcr Milit\u00e4rgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspectives-on-voluntariness-and-the-covid-crisis\"><strong>Wehrdienst: Pflicht und Recht von Staatsb\u00fcrgerlichkeit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Wehrpflicht ist zur\u00fcck \u2013 zumindest ein bisschen: Ende August 2025 legte Verteidigungsminister Boris Pistorius einen Gesetzesentwurf f\u00fcr einen <a href=\"https:\/\/www.bmvg.de\/de\/neuer-wehrdienst\">&#8220;Neuen Wehrdienst&#8221;<\/a> vor. Der Entwurf sieht vom 1. Juli 2027 an eine f\u00fcr junge M\u00e4nner verpflichtende Musterung ab dem Geburtsjahrgang 2008 vor. Damit verbunden ist eine \u2013 bereits zum Januar 2026 vorgesehene \u2013 Abfrage unter allen 18j\u00e4hrigen jedweden Geschlechts zu ihrem Interesse an einem Dienst bei der Bundeswehr. F\u00fcr junge M\u00e4nner ist das Ausf\u00fcllen eines entsprechenden Fragebogens obligatorisch, f\u00fcr alle anderen freiwillig. Zum Wehrdienst realiter eingezogen werden sollen demnach indes nur diejenigen, die hierf\u00fcr ihre Bereitschaft bekundet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diese Beschr\u00e4nkung des neuen Wehrdienstes auf Freiwilligkeit ist jedoch ein Koalitionsstreit entbrannt. Von Unionsseite wird darauf gedrungen, eine dar\u00fcber hinaus gehende Verpflichtung junger Menschen f\u00fcr den Fall vorzusehen, dass der mit dem neuen Wehrdienst angestrebte personelle Aufwuchs der Bundeswehr auf Basis freiwilliger Meldungen ausbleiben sollte. Als Beispiel f\u00fcr eine solche selektive Wehrpflicht werden D\u00e4nemark oder Schweden angef\u00fchrt, wo im Fall nicht ausreichender freiwilliger Meldungen zus\u00e4tzliche Wehrdienstleistende per Losverfahren bestimmt werden k\u00f6nnen (vgl. hierzu den \u00dcberblick bei <a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/debatten-um-die-wehrpflicht\/51318178\">Werkner 2025<\/a>). In den Hintergrund ger\u00fcckt ist dadurch die im Gesetzesvorhaben eingeschriebene Fokussierung des neuen Wehrdienstes auf (junge) M\u00e4nner. In Anbetracht der Diskussion um eine allgemeine Dienstpflicht respektive ein <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/organisierter-gemeinsinn-in-krisenzeiten\/\">soziales Pflichtjahr<\/a> (siehe hierzu eine <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/organisierter-gemeinsinn-in-krisenzeiten\/\">Beitrag auf dieser Seite von Silke van Dyk<\/a> und au\u00dferdem <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/book\/10.1007\/978-3-322-80576-8\">Werkner 2004<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nomos-shop.de\/de\/p\/die-bundeswehr-im-neuen-modus-der-landes-und-buendnisverteidigung-wehrpflicht-revisited-gr-978-3-7560-1089-9\">2023<\/a>) schien eine solche geschlechterspezifische Kodierung staatsb\u00fcrgerlicher (Ver)Pflicht(ung)en bereits \u00fcberwunden. Sie erf\u00e4hrt nun eine unverhoffte Reaktualisierung. In Teilen ist dies den bestehenden Machtverh\u00e4ltnissen im Deutschen Bundestag geschuldet, da f\u00fcr eine \u00c4nderung des f\u00fcr Wehrdienst relevanten Grundgesetzartikels 12a, der f\u00fcr einen verpflichtenden Dienst an der Waffe nur M\u00e4nner vorsieht, gegenw\u00e4rtig eine parlamentarische Zweidrittelmehrheit mit den Stimmen von Linkspartei und\/oder Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD) notwendig w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus milit\u00e4rsoziologischer Sicht ist die Frage, wie Streitkr\u00e4fte ihr Personal rekrutieren, Ausdruck und Element der <a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/zivil-militaerische-beziehungen\/25320656\">zivil-milit\u00e4rischen Beziehungen<\/a>, also der Art und Weise, wie das Milit\u00e4r als Repr\u00e4sentant und Instrument staatlicher Gewaltsamkeit zivilgesellschaftlich eingebettet ist. Hier geht es um die Frage, wie der bzw. die Einzelne in den staatlichen Herrschaftsapparat involviert ist, aber auch wie dieser kontrolliert werden kann. F\u00fcr demokratische politische Systeme, die durch freie Wahlen und Gewaltenteilung gekennzeichnet sind, werden gemeinhin zwei Modelle zivil-milit\u00e4rischer Beziehungen unterschieden, die unterschiedliche Vorstellungen von Staatsb\u00fcrgerlichkeit repr\u00e4sentieren: In der liberalen Denktradition besteht die zentrale Aufgabe des Staates darin, die Rechte und Freiheiten seiner B\u00fcrger*innen zu bewahren. Um sich und seine B\u00fcrger*innen vor \u00e4u\u00dferen Bedrohungen zu sch\u00fctzen, stellt dieser Streitkr\u00e4fte auf. Eine generelle individuelle Verpflichtung der B\u00fcrger*innen zum Milit\u00e4rdienst stellt sich aus liberaler Sicht nicht, sondern erscheint nur im Ausnahmefall gerechtfertigt. Der milit\u00e4rische Prototyp des liberalen Modells ist folglich die Freiwilligenarmee, deren Angeh\u00f6rige als Zeit- und Berufssoldat*innen pars pro toto f\u00fcr die (\u00e4u\u00dfere) Sicherheit des politischen Gemeinwesen Sorge tragen. Nach republikanischer Denktradition ist hingegen die Partizipation der B\u00fcrger*innen an allen \u00f6ffentlichen, das hei\u00dft die B\u00fcrgerschaft betreffenden Belangen zentral, wozu namentlich Vorkehrungen f\u00fcr deren Verteidigung geh\u00f6ren. Der milit\u00e4rische Prototyp des republikanischen Modells ist demnach die Wehrpflichtarmee respektive Miliz (wie beispielsweise in der Schweiz), in der jeder Staatsb\u00fcrger und jede Staatsb\u00fcrgerin \u2013 neben einer kleineren Anzahl an Berufssoldat*innen \u2013 f\u00fcr eine gewisse Zeit dient.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Blick auf die Frage der demokratischen politischen Kontrolle der Streitkr\u00e4fte und der Einhegung des durch sie verk\u00f6rpernden Gewaltpotenzials wird von Bef\u00fcrworter*innen des republikanischen Modells postuliert, dass Wehrpflichtarmeen weniger anf\u00e4llig f\u00fcr milit\u00e4rischen Machtmissbrauch seien, da die Staatsb\u00fcrger*innen gemeinschaftlich die Verantwortung f\u00fcr die zur Verteidigung des Staates notwendigen Gewaltmittel tr\u00fcgen. Das liberale Modell habe zwar die Bewahrung individueller Rechte und Freiheiten gegen\u00fcber staatlichen Eingriffen im Blick, schweige sich aber \u00fcber die politische Ausrichtung der Streitkr\u00e4fte und die Art ihres Einsatzes aus. Der dem vormaligen Bundespr\u00e4sidenten Theodor Heuss zugeschriebene Ausspruch, die Wehrpflicht sei &#8220;das legitime Kind der Demokratie&#8221;, der hierzulande in fr\u00fcheren <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/book\/10.1007\/978-3-322-80576-8\">Debatten<\/a> um das <a href=\"https:\/\/opus4.kobv.de\/opus4-zmsbw\/frontdoor\/index\/index\/docId\/361\">F\u00fcr und Wider der Wehrpflicht<\/a> zuverl\u00e4ssig aufgegriffen wurde, geht auf ebendieses republikanische Ideal des B\u00fcrgersoldaten zur\u00fcck. Und auch das Soldatenleitbild der Bundeswehr \u2013 der &#8220;Staatsb\u00fcrger in Uniform&#8221; \u2013 l\u00e4sst sich dieser Denkrichtung zuordnen. Demgegen\u00fcber warnen die Bef\u00fcrworter*innen des liberalen Modells vor einer Politisierung des Milit\u00e4rs, die die republikanische Gleichsetzung von Staatsb\u00fcrgertum und Soldatsein mit sich bringe. Gem\u00e4\u00df dem Prinzip funktionaler Differenzierung pl\u00e4dieren sie stattdessen f\u00fcr die politische Neutralit\u00e4t einer sich professionell verstehenden und agierenden (Berufs-)Armee.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Einfluss der Wehrpflicht auf die Herausbildung moderner Staatlichkeit<\/h3>\n\n\n\n<p>Historisch gesehen geht die Wehrpflicht auf die Franz\u00f6sische Revolution zur\u00fcck. Nach der Niederlage gegen die napoleonischen Truppen wurde sie zun\u00e4chst in Preu\u00dfen und sp\u00e4ter im gesamten Deutschen Reich eingef\u00fchrt. Das mit der Wehrpflicht verbundene Ideal des B\u00fcrgersoldaten l\u00e4sst sich indes bis zur Antike zur\u00fcckverfolgen. In der antiken Polis waren allerdings nur diejenigen (M\u00e4nner) zum Waffentragen berechtigt, die die vollen B\u00fcrgerrechte besa\u00dfen, was Frauen und unfreie Personen von vornherein ausschloss. Im Kontext der Franz\u00f6sischen Revolution wurde aus diesem staatsb\u00fcrgerlichen Recht f\u00fcr wenige eine Pflicht f\u00fcr alle (M\u00e4nner) und diese Pflicht zur Landesverteidigung an politische Partizipationsrechte gekoppelt, welche auf diese Weise ebenfalls eine Ausweitung erfuhren. Der Dienst in den Streitkr\u00e4ften zog dar\u00fcber hinaus eine Institutionalisierung von Versorgungsanspr\u00fcchen nach sich, um die insbesondere mit kriegerischen Auseinandersetzungen verbundenen Kosten sozialpolitisch abzufedern. Vielerorts geht die Entstehung staatlicher Sozialversicherungssysteme daher auf die Versorgung von Veteranen und ihrer Familien respektive Hinterbliebenen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Die Wehrpflicht war nicht nur ein wichtiger Einflussfaktor f\u00fcr die Herausbildung moderner Staatlichkeit im Allgemeinen, sondern f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.google.de\/books\/edition\/Die_kasernierte_Nation\/7lXDAGfvZ6EC?hl=de&amp;gbpv=0\">Nationalstaatlichkeit<\/a> <a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/der-nationalstaat-und-das-militaer\/25320672\">im Besonderen<\/a>. Das Heranziehen breiter sozialer Schichten zum obligatorischen Dienst in der Armee brachte umfassende soziale Homogenisierungseffekte mit sich. In Deutschland wurde das Milit\u00e4r ab Mitte des 19. Jahrhunderts insofern zu einer &#8220;Schule der Nation&#8221;, als der Dienst in den Streitkr\u00e4ften Landes- wie Standesgrenzen \u00fcberschreitende Sozialisationserfahrungen mit sich brachte, die neben der \u00e4u\u00dferen auch die innere Nationsbildung bef\u00f6rderte. Als Ort m\u00e4nnlicher Vergemeinschaftung, der Frauen explizit ausschloss, trug der verpflichtende Wehrdienst au\u00dferdem ma\u00dfgeblich dazu bei, Geschlechtergrenzen und -identit\u00e4ten aufrechtzuerhalten und zu best\u00e4rken. Auch deshalb ist das Soldatsein und damit verbundene Vorstellungen von einer Pflicht zur Landesverteidigung \u2013 allen Gendermainstreamingma\u00dfnahmen zum Trotz \u2013 bis heute m\u00e4nnlich kodiert, wie dies auch die aktuelle Debatte um den neuen Wehrdienst illustriert.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1235\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/soldat_kaserne_potsdam_postkarte_1899_web-1235x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15652\" style=\"width:661px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/soldat_kaserne_potsdam_postkarte_1899_web-1235x800.jpg 1235w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/soldat_kaserne_potsdam_postkarte_1899_web-250x162.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/soldat_kaserne_potsdam_postkarte_1899_web-1652x1070.jpg 1652w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/soldat_kaserne_potsdam_postkarte_1899_web-300x194.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 1235px) 100vw, 1235px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Postkarte, 1899, Soldat und Kaserne des Garde-J\u00e4ger-Bataillons in Potsdam <br>\u00a9 CC BY \/ <a href=\"https:\/\/berlin.museum-digital.de\/object\/230963\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Landesgeschichtliche Vereinigung f\u00fcr die Mark Brandenburg e.V.<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Last but not least ist der verpflichtende Dienst im Milit\u00e4r in Zusammenhang mit den staatlichen <a href=\"https:\/\/digi20.digitale-sammlungen.de\/de\/fs1\/object\/display\/bsb00043412_00001.html\">Disziplinierungsanstrengungen<\/a> bezogen auf einen gro\u00dfen Bev\u00f6lkerungsanteil zu sehen, der namentlich in Deutschland des 19. und der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts darauf abzielte, gehorsame Untertanen respektive loyale Staatsb\u00fcrger (notfalls mit Gewalt) zu formen, die bereit waren, f\u00fcr Deutschland, Gott und den Kaiser und sp\u00e4ter f\u00fcr den F\u00fchrer zu t\u00f6ten und selbst get\u00f6tet (oder verwundet) zu werden. Die Disziplinierung des soldatischen K\u00f6rpers ging dabei zunehmend mit einer Disziplinierung des Geistes einher, um das herzustellen, was fr\u00fcher Kampfmoral genannt wurde und heutzutage unter dem umfassenderen Begriff der <a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/einsatzmotivation-und-kampfmoral\/25320666\">Einsatzmotivation<\/a> firmiert. Als Kampf- respektive Opferbereitschaft verstanden, stellt dies gewisserma\u00dfen den Kern von Freiwilligkeit im soldatischen Kontext dar.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wehrpflicht nach 1945, ihre Aussetzung und heutige Herausforderungen<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach 1945 war man angesichts der desastr\u00f6sen Erfahrungen mit Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg in beiden deutschen Staaten bestrebt, die &#8216;richtigen&#8217; Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. In Westdeutschland wurde trotz massiver anf\u00e4nglicher Widerst\u00e4nde in der Bev\u00f6lkerung die Bundeswehr 1955 als Wehrpflichtarmee aufgestellt. Mittels einer Reihe institutioneller Vorkehrungen, die alsbald unter dem Begriff der Inneren F\u00fchrung zusammengefasst wurden, versuchte man, in bewusster Abgrenzung zu den Vorg\u00e4ngerarmeen in Weimarer Republik und Nationalsozialismus eine Armee &#8220;in der Demokratie&#8221; zu schaffen, deren Angeh\u00f6rige sich als &#8220;Staatsb\u00fcrger in Uniform&#8221; verstehen und aus innerer \u00dcberzeugung f\u00fcr den Schutz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik einsetzen sollten. In der DDR, wo man bei der Aufstellung ostdeutscher Streitkr\u00e4fte zun\u00e4chst auf Freiwilligkeit in bewusster Abgrenzung zum &#8221; &#8216;Zwang der imperialistischen Wehrpflicht&#8217; in der Bundesrepublik&#8221; (<a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/43EZEB2CPHQ63TMSBOJMNHFPZPKNCUIX\">Wenzke in Foerster, 1994, S. 124<\/a>) gesetzt hatte, wurde aufgrund von Rekrutierungsproblemen nach dem Mauerbau ebenfalls ein f\u00fcr alle M\u00e4nner verpflichtender Milit\u00e4rdienst eingef\u00fchrt, der, als &#8221; &#8216;Schule der politisch-milit\u00e4rischen Ausbildung und Erziehung&#8217; der Jugend&#8221; (<a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/43EZEB2CPHQ63TMSBOJMNHFPZPKNCUIX\">Wenzke in Foerster, 1994, S. 125<\/a>) deklariert, Bereitschaft und F\u00e4higkeiten zur &#8220;Verteidigung von Frieden und Sozialismus&#8221; gem\u00e4\u00df der Auslegung und Interessenlage der herrschenden Staatspartei vermitteln und garantieren sollte. Bis zur Vereinigung geh\u00f6rte der Wehrdienst in beiden deutschen Staaten somit zum m\u00e4nnlichen Normallebenslauf dazu.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"741\" height=\"527\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/wehrdienst_verweigerung_1990_bundesarchiv_web-edited-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15671\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/wehrdienst_verweigerung_1990_bundesarchiv_web-edited-1.jpg 741w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/wehrdienst_verweigerung_1990_bundesarchiv_web-edited-1-250x178.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/10\/wehrdienst_verweigerung_1990_bundesarchiv_web-edited-1-300x213.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 741px) 100vw, 741px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Berlin, 3. Mai 1990, Demonstration zur Abschaffung der Wehrpflicht<br>\u00a9 Bernd Settnik, Bundesarchiv, Bild 183-1990-0503-046, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">CC-BY-SA 3.0 DE<\/a>, via <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5425553\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wikimedia Commons<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>F\u00fcr Westdeutschland lassen die ab Ende der 1960er Jahre deutlich ansteigenden Zahlen von jungen M\u00e4nnern, die von ihrem Recht auf <a href=\"https:\/\/opus4.kobv.de\/opus4-zmsbw\/frontdoor\/index\/index\/docId\/360\">Kriegsdienstverweigerung<\/a> Gebrauch machten und Zivildienst leisteten, gleichwohl eine Haltungs\u00e4nderung insbesondere unter h\u00f6her gebildeten jungen M\u00e4nnern erkennen, die im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wertewandel zu sehen ist, f\u00fcr den die Chiffre &#8220;1968&#8221; steht. Er signalisierte sowohl einen Bedeutungsverlust jener Tugenden wie Gehorsam und Loyalit\u00e4t, Pflichtbewusstsein und Opferbereitschaft, die mit milit\u00e4rischer Disziplin verbunden werden, als auch den Anerkennungszuwachs f\u00fcr andere, zivile Formen b\u00fcrgerschaftlichen Handelns, f\u00fcr das unter anderem der Zivildienst stand. Als nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Aufschwung internationaler Milit\u00e4rmissionen in den 1990er Jahren viele europ\u00e4ische L\u00e4nder die Wehrpflicht abschafften, hielt man in Deutschland \u2013 nicht nur, aber auch aufgrund des weithin gesch\u00e4tzten Zivildienstes \u2013 zun\u00e4chst weiter daran fest. Nachdem 2011 die Wehrpflicht auch hierzulande ausgesetzt wurde, blieb der mitunter bef\u00fcrchtete Kollaps der Sozialsysteme aus. Die staatlich institutionalisierten M\u00f6glichkeiten, sich zeitweise f\u00fcr das politische Gemeinwesen zu engagieren, wurden sukzessive ausgeweitet \u2013 der Dienst bei der Bundeswehr war nun f\u00fcr junge M\u00e4nner wie junge Frauen endg\u00fcltig zu einer g\u00e4nzlich freiwilligen Option unter vielen geworden und geriet zur Nischenerfahrung.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Angesichts des Krieges in der Ukraine gewinnt nun mit dem anvisierten neuen Wehrdienst, in welcher Form er letztlich auch realisiert wird, das in den vergangenen drei Jahrzehnten in den Hintergrund getretene staatliche Gewaltmonopol mit dem Milit\u00e4r als staatlicher Disziplinierungsanstalt wieder an Aktualit\u00e4t. Dass Staatsb\u00fcrgertum nicht nur bestimmte Rechte, sondern auch Pflichten umfasst, geh\u00f6rt dank Schul- sowie Steuerpflicht zu denjenigen Erfahrungen, die Staatsb\u00fcrger*innen normalerweise von Kindesbeinen an bis ins Rentenalter begleiten. Dass die Beteiligung an staatlichen Schutz- und Verteidigungsaufgaben notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens, die Teil des Erfahrungsraums vergangener (M\u00e4nner-)Generationen war, hier wieder hinzutreten k\u00f6nnte, r\u00fcckt damit erneut in den kollektiven Erwartungshorizont. Damit einher geht eine Intensivierung des Diskurses \u00fcber staatsb\u00fcrgerliche Obligationen, die die Bereitschaft, sich notfalls mit Waffengewalt f\u00fcr die Sicherheit des Gemeinwesens einzusetzen, nicht zuletzt als moralisch geboten ausweist. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unter funktionalen Gesichtspunkten ist die Art und Weise, wie Streitkr\u00e4fte ihren aktiven Personalk\u00f6rper und ihre Reserve rekrutieren, eine abh\u00e4ngige Variable vorherrschender Bedrohungswahrnehmungen und des daraus abgeleiteten Auftrags der Streitkr\u00e4fte. Entsprechend wird in der milit\u00e4rsoziologischen Literatur etwa der Wandel der Streitkr\u00e4fte in Westeuropa und den USA nach dem Ende des Kalten Krieges anhand von Streitkr\u00e4ftetypen modelliert, die f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.nomos-elibrary.de\/de\/document\/view\/detail\/uuid\/5f816f6d-d367-3e41-900e-73556a79a29d\">unterschiedliche milit\u00e4rische Einsatzszenarien<\/a> \u2013 Verteidigung vs. Intervention \u2013 stehen und <a href=\"https:\/\/www.google.de\/books\/edition\/The_Postmodern_Military\/CsqmQgAACAAJ?hl=de\">unterschiedliche Wehrsysteme<\/a> bedingen. Ob und inwieweit sich B\u00fcrger*innen milit\u00e4risch engagieren sollen oder d\u00fcrfen, ist aus dieser Warte weniger eine Frage staatsb\u00fcrgerlicher Rechte oder Pflichten, sondern staatlicher Sicherheitsanforderungen, die gegen\u00fcber individuellen Interessen und Bed\u00fcrfnissen \u00fcberwiegen: Geht es um Landesverteidigung, wird eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl von Soldat*innen ben\u00f6tigt als im Fall milit\u00e4rischer Interventionen jenseits der eigenen Landesgrenzen. Verteidigungsarmeen greifen demnach typischerweise auf die Wehrpflicht zur\u00fcck, um ausreichendes Personal zu rekrutieren. Einen solchen Umbau der Bundeswehr in Richtung des Modells &#8220;Verteidigungsarmee&#8221; beobachten wir aktuell, wobei abzuwarten bleibt, wie weitreichend dieser letztlich ausfallen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine solche funktionale Sichtweise kennzeichnet auch milit\u00e4risches Denken, das auf die St\u00e4rke respektive Schw\u00e4che des als &#8216;Feind&#8217; identifizierten Gegners und den daraus abgeleiteten Ma\u00dfnahmen f\u00fcr die eigene Sicherheit ausgerichtet ist (<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1515\/sosys-2009-0110\">vgl. Kohl 2009<\/a>). Vor allem in Krisenkontexten wie der von Olaf Scholz ausgerufenen Zeitenwende kann es entsprechend kaum verwundern, dass von sicherheitspolitischen Expert*innen mit und ohne Uniform gr\u00f6\u00dfere Anstrengungen f\u00fcr Sicherheit und Verteidigung gefordert werden. Neben den bewilligten Milliarden f\u00fcr die Auf- und Umr\u00fcstung der Bundeswehr ist die angek\u00fcndigte Einf\u00fchrung des neuen Wehrdienstes als Mittel zur Steigerung der Personalst\u00e4rke von Bundeswehr und Reserve Resultat ebendieser Erw\u00e4gungen. Sollte dennoch weiterhin am Freiwilligkeitsprinzip festgehalten werden, w\u00e4re dies ein Zeichen f\u00fcr die Priorisierung individueller Freiheitsrechte gegen\u00fcber staatsb\u00fcrgerlichen Pflichten mit dem Ziel, die politischen Widerst\u00e4nde gegen eine &#8220;Militarisierung&#8221; der Gesellschaft durch eine Begrenzung der staatlichen Zumutungen f\u00fcr den bzw. die Einzelne(n) klein zu halten. Ob gewollt oder nicht, verlangsamte dies die funktionale Ausrichtung der deutschen Gesellschaft auf den Verteidigungsfall, den die Kriegslogik, die Staaten wie Russland der Welt derzeit aufzwingen wollen, eigentlich gebietet.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background\"><span class=\"has-inline-color has-content-primary-color\">Zitiervorschlag:<\/span> Leonhard, Nina: &#8220;Wehrdienst: Pflicht und Recht von Staatsb\u00fcrgerlichkeit&#8221;, <em>Freiwilligkeit: Geschichte | Gesellschaft | Theorie<\/em>, Oktober 2025, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/organisierter-gemeinsinn-in-krisenzeiten\/\">https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wehrdienst\/<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_msocom_1\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Nina Leonhard<\/p>\n<p>&#8220;Modern, freiwillig und mit einer starken Reserve&#8221; \u2013 so hei\u00dft es bislang in den Erl\u00e4uterungen zum &#8220;Neuen Wehrdienst&#8221; auf der Internetseite des Bundesministeriums f\u00fcr Verteidigung, \u00fcber den ein Koalitionsstreit entbrannt ist. Im Kern geht es um die Frage, ob in der Neufassung des Gesetzes, das 2026 in Kraft treten soll, allein auf Freiwilligkeit gesetzt oder auch die M\u00f6glichkeit eines verpflichtenden Dienstes einger\u00e4umt werden soll. Die Debatte strukturiert und kommentiert die Milit\u00e4rsoziologin Nina Leonhard. <\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":15658,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,1],"tags":[153,443,463,459,462],"class_list":["post-15660","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog-de","category-blog","tag-freiwilligkeit","tag-pflicht-de","tag-staatsbuergersein","tag-wehrdienst","tag-wehrdienst-2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15660","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15660"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15660\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16353,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15660\/revisions\/16353"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15658"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}