{"id":15438,"date":"2025-07-24T10:30:00","date_gmt":"2025-07-24T08:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voluntariness.org\/?p=15438"},"modified":"2025-09-09T16:22:45","modified_gmt":"2025-09-09T14:22:45","slug":"organisierter-gemeinsinn-in-krisenzeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/organisierter-gemeinsinn-in-krisenzeiten\/","title":{"rendered":"Organisierter Gemeinsinn in Krisenzeiten"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\"><div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1440\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/community-grafitto-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15391\" style=\"aspect-ratio:3\/2;object-fit:cover;width:807px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/community-grafitto-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/community-grafitto-250x141.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/community-grafitto-1280x720.jpg 1280w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/community-grafitto-1903x1070.jpg 1903w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/community-grafitto-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00a9 Foto von <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/@simplicity\">Marija Zaric\/@simplicity<\/a>, via <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/fotos\/eine-wand-mit-graffiti-DF54Ar7gOvk\">Unsplash<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\"><div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-300x300.jpg\" alt=\"Silke van Dyk\" class=\"wp-image-8327\" style=\"width:250px\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-250x250.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/vandyk_web-1-800x800.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-content-primary-color has-text-color\">von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/silke-van-dyk\/\">Silke van Dyk<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Silke van Dyk ist Soziologin an der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspectives-on-voluntariness-and-the-covid-crisis\">Organisierter Gemeinsinn in Krisenzeiten: Vom freiwilligen Engagement zum sozialen Pflichtjahr?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background\"><em>Der Blogbeitrag ist eine stark gek\u00fcrzte und bearbeitete Fassung des Beitrags: Silke van Dyk (2025): Vom freiwilligen Engagement zum sozialen Pflichtjahr? Wider eine allgemeine Dienstpflicht in Zeiten des Community-Kapitalismus, in: <\/em><a href=\"https:\/\/lit-verlag.de\/isbn\/978-3-643-15695-2\/\"><em>Alexander Dietz &amp; Hermann Diebel-Fischer (Hrsg.), Umstrittene allgemeine Dienstpflicht<\/em><\/a><em>, Berlin: LIT-Verlag, S. 25-42.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Gegenwart ist reich an Krisen und Krisenzeiten sind Zeiten, in denen Politiker*innen zuverl\u00e4ssig den gesellschaftlichen Zusammenhalt beschw\u00f6ren und das Engagement der B\u00fcrger*innen als Hoffnungstr\u00e4ger identifizieren. Dies gilt insbesondere angesichts der Sorgekrise, die nach Jahren wohlfahrtsstaatlicher Einschr\u00e4nkungen durch die gesellschaftliche Alterung, den Wandel der Geschlechterverh\u00e4ltnisse und den Fachkr\u00e4ftemangel forciert wird. Zumeist gilt der Ruf der Politiker*innen dem <em>freiwilligen <\/em>zivilgesellschaftlichen Engagement in Vereinen, Wohlfahrtsverb\u00e4nden, Kirchengemeinden oder Initiativen. Es sind aber zunehmend auch Stimmen zu vernehmen, die den Zusammenhalt mit einem sozialen Pflichtjahr f\u00fcr junge Menschen sichern wollen. So betonte der amtierende Bundespr\u00e4sident <a href=\"https:\/\/www.bundespraesident.de\/SharedDocs\/Reden\/DE\/Frank-Walter-Steinmeier\/Interviews\/2022\/220612-Interview-BamS.html\">Frank-Walter Steinmeier in einem Zeitungsbeitrag vom 12. Juni 2022<\/a>: &#8220;Gerade jetzt, in einer Zeit, in der das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr andere Lebensentw\u00fcrfe und Meinungen abnimmt, kann eine soziale Pflichtzeit besonders wertvoll sein. Man kommt raus aus der eigenen Blase, trifft ganz andere Menschen, hilft B\u00fcrgern in Notlagen. Das baut Vorurteile ab und st\u00e4rkt den Gemeinsinn.&#8221; Auch der amtierende Bundeskanzler <a href=\"https:\/\/www.cdu.de\/aktuelles\/aussen-und-sicherheitspolitik\/neue-dienstpflicht-soll-wehrdienst-ergaenzen\/\">Friedrich Merz (CDU) unterstrich im beginnenden Wahlkampf im November 2024 die Bedeutung eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres<\/a> f\u00fcr die St\u00e4rkung des Gemeinwesens.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Problematik eines Pflichtdienstes liegt angesichts der Geschichte von Zwangsarbeitsdiensten und dem verfassungsrechtlichen Verbot von Zwangsarbeit auf der Hand. Erforderlich w\u00e4re eine Grundgesetz\u00e4nderung, die den hohen H\u00fcrden f\u00fcr einen Pflichtdienst Rechnung tragen m\u00fcsste, etwa durch eine starke Bildungsorientierung und partizipative Gestaltung. Engagementpolitische Expert*innen haben zudem eingewandt, dass die Freiwilligkeit inh\u00e4renter Bestandteil zivilgesellschaftlicher Initiativen sei, so dass sie nicht suspendiert werden k\u00f6nne, ohne den besonderen Charakter des Engagements zu zerst\u00f6ren. Umgekehrt betonen ehemalige Zivildienstleistende, die sich den Dienst nicht freiwillig ausgesucht haben, wie wichtig er f\u00fcr ihre pers\u00f6nliche Entwicklung und f\u00fcr die Auseinandersetzung mit neuen Lebenswelten war. W\u00e4hrend der den Zivildienst ersetzende Bundesfreiwilligendienst ein Refugium eher privilegierter Jugendlicher geblieben ist und in den sorgenahen Feldern vor allem f\u00fcr junge Frauen attraktiv zu sein scheint, h\u00e4tte ein sozialer Pflichtdienst den Vorteil, klassen- und geschlechter\u00fcbergreifend zu mobilisieren und damit Begegnungen zu erm\u00f6glichen, die die regul\u00e4ren (Aus-)Bildungswege nicht bieten. Ich m\u00f6chte dieses horizonterweiternde Potenzial nicht in Abrede stellen, in diesem Beitrag aber die m\u00f6glichen Konsequenzen eines Pflichtdienstes f\u00fcr die Prekarisierung und De-Professionalisierung von Arbeit und Daseinsvorsorge in den Vordergrund stellen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Kontext: Ein sozialer Pflichtdienst in Zeiten des Community-Kapitalismus<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Herausgeber der soeben erschienenen <a href=\"https:\/\/lit-verlag.de\/isbn\/978-3-643-15695-2\/\">Anthologie &#8220;Umstrittene allgemeine Dienstpflicht&#8221;<\/a>, Alexander Dietz und Hermann Diebel-Fischer, sehen die Dienstpflicht als einen Garanten daf\u00fcr, dass Staat und Gesellschaft im Krisenfall handlungsf\u00e4hig bleiben. Sie betonen zwar, dass diese nur ein Baustein unter vielen sei und nicht als Antwort auf Sorgel\u00fccken und Fachkr\u00e4ftemangel missverstanden werden d\u00fcrfe. Allerdings verzichten sie darauf, die politischen Ma\u00dfnahmen zu diskutieren, die parallel zur Einf\u00fchrung eines Pflichtdienstes erforderlich w\u00e4ren, um eine instrumentelle Engf\u00fchrung als Ausfallb\u00fcrgen eines auf Verschlei\u00df fahrenden Sozialstaats zu verhindern. Es ist aber nicht prim\u00e4r eine Frage des guten Willens, ein soziales Pflichtjahr vor seiner instrumentellen Indienstnahme in Zeiten wachsender Versorgungsl\u00fccken zu sch\u00fctzen. Es ist vor allem eine Frage der gesellschaftlichen Strukturen, die seit geraumer Zeit eine ebensolche Indienstnahme forcieren: Zu beobachten ist eine Neuinterpretation des Sozialstaatsgebots, die verst\u00e4rkt auf neue, mehr oder weniger (in)formelle Hilfe-, Unterst\u00fctzungs- und Verantwortungssysteme setzt. Im Lichte dessen ist eine Formation entstanden, die meine Kollegin Tine Haubner und ich <a href=\"https:\/\/www.hamburger-edition.de\/buecher-e-books\/artikel-detail\/community-kapitalismus\/?ai%5Baction%5D=detail&amp;ai%5Bcontroller%5D=Catalog&amp;ai%5Bd_name%5D=community-kapitalismus&amp;ai%5Bd_pos%5D=\">&#8220;Community-Kapitalismus&#8221;<\/a> nennen, und deren Verst\u00e4ndnis f\u00f6rderlich ist, um die Kehrseiten einer sozialen Dienstpflicht auszuleuchten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Freiwilliges Engagement fungiert im Community-Kapitalismus nicht nur als moralisches Fundament gesellschaftlichen Zusammenhalts, sondern auch als systemstabilisierende Ressource. Unbezahlte Arbeit und F\u00fcrsorgeleistungen \u2013 bis heute mehrheitlich von Frauen erbracht \u2013 sind das Lebenselixier kapitalistischer Gesellschaften: Einen S\u00e4ugling zu einem lebensf\u00e4higen Menschen heranzuziehen, ist nicht profitabel \u2013 nach kapitalistischen Kriterien der Rentabilit\u00e4t \u2013 zu organisieren. In der j\u00fcngeren Vergangenheit sind zudem Dynamiken zu beobachten, die eine neue Verantwortungsteilung zwischen Staat, Markt, Familie und Zivilgesellschaft bedingen: Jahrzehnte der Privatisierung, Deregulierung und Kommodifizierung des Sozialsektors haben private und \u00f6ffentliche Sorgekapazit\u00e4ten erodieren lassen. Dies wird zus\u00e4tzlich von zunehmenden Mobilit\u00e4ts- und Flexibilit\u00e4tsanforderungen in der Arbeitswelt, einem Wandel der Familien- und Haushaltsstrukturen und neuen Bedarfen angesichts des demografischen Wandels vorangetrieben. In Zeiten zunehmender weiblicher Erwerbsbeteiligung schlagen sich diese Ver\u00e4nderungen in wachsenden Sorgeengp\u00e4ssen nieder, da M\u00e4nner diese Sorgel\u00fccke nicht schlie\u00dfen. Vor diesem Hintergrund gewinnt informelle Arbeit jenseits regul\u00e4rer, sozialversicherungspflichtiger Erwerbst\u00e4tigkeit au\u00dferhalb der Familie an Bedeutung. Die unbezahlte Arbeit der Familien, die noch immer das Gros der h\u00e4uslich-informellen Pflege- und Sorgearbeit ausmacht, wird mithilfe staatlicher Anreizstrukturen um Freiwilligenarbeit erg\u00e4nzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Dynamik l\u00e4sst sich als Verzivilgesellschaftlichung der sozialen Frage beschrieben. Mit der Aktivierung der Zivilgesellschaft ist eine neue Erz\u00e4hlung \u00fcber den Kapitalismus verbunden: Der Community-Kapitalismus trumpft mit dem Narrativ eines humaneren und sozialen Gegenwartskapitalismus auf, der sich mit der Betonung von F\u00fcrsorge und W\u00e4rme, Kooperation und gegenseitiger Hilfe um die Sicherung des sozialen Zusammenhalts bem\u00fcht \u2013 und seine Ungleichheit und Abh\u00e4ngigkeit stiftenden Kehrseiten de-thematisiert. Dass es sich nicht lediglich um ein Zusammenhalt stiftendes Miteinander, sondern auch um die (Aus-)Nutzung unbezahlter (oder aufwandsentsch\u00e4digter) Arbeit in der Pflege, Kinderbetreuung oder Fl\u00fcchtlingshilfe handelt, wird nicht zuletzt durch das Lob und die Sakralisierung von Engagierten als Engel und Helden verdeckt. Engel und Helden bewegen sich in Sph\u00e4ren jenseits vermeintlich profaner Fragen nach Geld, Arbeitsrechten oder Arbeitsmarktneutralit\u00e4t.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"752\" height=\"1061\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/herz-ampel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15398\" style=\"aspect-ratio:2\/3;object-fit:contain\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/herz-ampel.jpg 752w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/herz-ampel-177x250.jpg 177w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/herz-ampel-567x800.jpg 567w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/herz-ampel-213x300.jpg 213w\" sizes=\"auto, (max-width: 752px) 100vw, 752px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">In Zeiten von Community-Kapitalismus muss auch vor der Sakralisierung freiwilligen Engagements gewarnt werden, denn unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit wird dadurch oft verdeckt! \u00a9 Foto von <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/users\/noname_13-2364555\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">NoName_13<\/a> via <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/photos\/traffic-light-heart-traffic-light-4097537\/\">Pixabay<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Es hat sich aber nicht nur die Nachfrage nach zivilgesellschaftlicher Daseinsvorsorge ver\u00e4ndert. Auch auf der &#8216;Angebotsseite&#8217; wird im Zuge von Individualisierungs- und Emanzipationsprozessen ein &#8220;Strukturwandel des Ehrenamts&#8221; diagnostiziert: Statt langj\u00e4hriger Vereinsmitgliedschaft auf der Basis eines christlich-humanistischen Altruismus werden nun kurzfristige, zu den jeweiligen biografischen Lebensphasen passende Eins\u00e4tze bevorzugt. Der Strukturwandel des Ehrenamtes und die zunehmende sozialpolitische Bedeutung des Engagements stehen dabei in einem Spannungsverh\u00e4ltnis: Auf der einen Seite Engagierte, die sich im Engagement flexibel und selbstbestimmt verwirklichen wollen; auf der anderen Seite eine zunehmende Nachfrage nach verbindlichem Engagement in sensiblen Bereichen wie der Altenpflege und Kinderbetreuung. Ein sozialer Pflichtdienst w\u00e4re eine Antwort auf diese Diskrepanz und w\u00fcrde auf eine \u2013 paradox anmutende \u2013 Verstaatlichung der Verzivilgesellschaftlichung der sozialen Frage hinauslaufen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Vorschlag f\u00fcr eine allgemeine Dienstpflicht <em>revisited<\/em><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1130\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/community-puzzle-1130x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15396\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/community-puzzle-1130x800.jpg 1130w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/community-puzzle-250x177.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/community-puzzle-1512x1070.jpg 1512w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2025\/07\/community-puzzle-300x212.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 1130px) 100vw, 1130px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00a9 Foto von <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/@supergios\">Jonny Gios (@supergios)<\/a> via <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/fotos\/weisse-puzzleteile-auf-braunem-marmortisch-SqjhKY9877M\">Unsplash<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Die partizipative Ausgestaltung eines Pflichtdienstes als Lernort gilt vielen Bef\u00fcrworter*innen sowohl als Bollwerk gegen eine N\u00e4he zu Zwangsdiensten als auch als Instrument, um eine strategische Indienstnahme als Ausfallb\u00fcrgen des Sozialstaats zu verhindern. Ungekl\u00e4rt bleibt jedoch, ob der explizite Auftrag, als Krisenabsorber zu fungieren, nicht den individuellen W\u00fcnschen und Entfaltungspotenzialen der Dienstverpflichteten \u2013 und damit auch dem zweckfrei angelegten Bildungscharakter \u2013 im Zweifelsfall entgegensteht. Wenn beide Anliegen stark gemacht werden \u2013 Ressource zur Krisenbew\u00e4ltigung und partizipativ gestalteter Lernort \u2013, muss auch die M\u00f6glichkeit in Betracht gezogen werden, dass sie in Konkurrenz zueinander geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Da der Charakter eines Pflichtdienstes mit der Frage steht und f\u00e4llt, ob die jungen Dienstverpflichteten fehlendes professionelles Personal substituieren und ohne Ausbildung zu St\u00fctzen der Daseinsvorsorge werden, ist die <a href=\"https:\/\/www.wsi.de\/de\/wsi-mitteilungen-umsonst-und-freiwillig-35308.htm\">Frage der Zus\u00e4tzlichkeit und Arbeitsmarktneutralit\u00e4t des Dienstes<\/a> von herausragender Bedeutung \u2013 doch genau dazu gibt es keine rechtssichere Regulierung. <\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Es ist ein grunds\u00e4tzliches Dilemma von sozialem Engagement zu beobachten: Es soll einerseits &#8216;zus\u00e4tzlich&#8217; sein und keine Erwerbsarbeit substituieren, andererseits wird es als produktive Ressource adressiert, die zur Entlastung von Hauptamtlichen beitragen soll. &#8220;Wirklich zus\u00e4tzliche ehrenamtliche Arbeitsbereiche k\u00f6nnen die Hauptamtlichen bei ihrer T\u00e4tigkeit [aber] nicht entlasten und umgekehrt ist ehrenamtliches Engagement, das Hauptamtliche entlastet, nicht wirklich zus\u00e4tzlich.&#8221; (<a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/publikationen\/kooperation-von-haupt-und-ehrenamtlichen-in-pflege-sport-und-kultur-96154\">BMFSFJ 2015, S. 245<\/a>). In der Praxis, so die Studie des f\u00fcr Engagement zust\u00e4ndigen Ministeriums BMFSFJ, wurde zumeist der Entlastungsfunktion des Engagements der Vorrang gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die aktuellen Vorschl\u00e4ge f\u00fcr ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr alle jungen Menschen \u2013 und damit auch die historisch vom Wehr- und Zivildienst befreiten Frauen \u2013 adressieren, spielen geschlechtsspezifische Argumente eine wichtige Rolle. Fakt ist, dass trotz zunehmender Frauenerwerbst\u00e4tigkeit und des Ausbaus \u00f6ffentlicher Kinderbetreuung Frauen weiterhin einen Gro\u00dfteil der unbezahlten Sorgearbeit \u00fcbernehmen. Aus diesem Grund k\u00e4me ein Pflichtdienst f\u00fcr viele Frauen einer doppelten Belastung mit unbezahlter Arbeit gleich. <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/de\/brauchen-wir-eine-allgemeine-dienstpflicht-2\">Die in der Debatte von Alexander Dietz und Hartwig von Schubert aufgeworfene Idee<\/a>, dieses Problem dahingehend zu l\u00f6sen, f\u00fcr alle Geschlechter &#8220;individuelle Erziehungs- und Pflegeleistungen als Surrogat zur Erf\u00fcllung der Dienstpflicht bzw. als Freistellungsgrund anzuerkennen&#8221;, kann nicht \u00fcberzeugen. Erstens wissen wir aus der Care-Forschung, wie schwer es ist, individuelle Sorgezeiten innerhalb von Haushalten zuverl\u00e4ssig zu erfassen. Zweitens m\u00fcsste aus Gerechtigkeitsgr\u00fcnden ein Umgang damit gefunden werden, dass viele den Dienst bereits geleistet haben werden, bevor sie Sorgeverantwortung f\u00fcr Kinder (oder Eltern) \u00fcbernehmen. Drittens scheint hier ein problematischer pro-natalistischer Zungenschlag auf: So formulieren Dietz und Schubert die Hoffnung, dass eine solche Anerkennung fr\u00fche Familiengr\u00fcndungen bef\u00f6rdern w\u00fcrde; implizit lauert hier aber auch die Frage, ob eine allgemeine Dienstpflicht, die famili\u00e4re Sorge als Alternative akzeptiert, nicht vor allem auf eine gesellschaftliche Verpflichtung Kinderloser hinauslaufen w\u00fcrde. Und nicht zuletzt unterminieren die Autoren mit diesem Vorschlag ein zentrales Argument ihres Pl\u00e4doyers f\u00fcr eine Dienstpflicht: dass sich ALLE jungen Menschen, unabh\u00e4ngig von Klasse und Geschlecht hier zusammenfinden und der Wert ihres Engagements gerade in seinem \u00f6ffentlichen Charakter liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Last but not least fl\u00fcchten sich die Autoren in der Frage, ob ein Pflichtdienst Gefahr l\u00e4uft, zum Zwangsdienst zu werden, in eine salomonische Formel, die das Problem umschifft. W\u00f6rtlich hei\u00dft es zum Charakter des Dienstes, &#8220;dass es nicht darum geht, dass der Staat gesellschaftliche Probleme durch Zwang l\u00f6sen oder die selbstbestimmte Planung seiner B\u00fcrger beschneiden m\u00f6chte, sondern darum, dass wir erkennen, dass wir selbst &#8216;der Staat&#8217; sind.&#8221; (bei Dietz und Schubert S. 209). Hier m\u00f6chte ich ein doppeltes &#8216;Nein!&#8217; entgegnen: Erstens ist es eine Tatsache, dass ein Pflichtdienst die selbstbestimmte Planung seiner B\u00fcrger einschr\u00e4nkt, auch wenn es nat\u00fcrlich gute Gr\u00fcnde f\u00fcr eine solche Einschr\u00e4nkung geben kann, wie im Fall der Schul- oder Steuerpflicht zu sehen ist. Zweitens sind &#8216;wir&#8217; nicht der Staat. Eine solche Einebnung von Staat und Zivilgesellschaft ist nicht nur demokratiepolitisch problematisch; sie verstellt zudem den Blick auf die Schl\u00fcsselfrage, welche Aufgaben in staatlicher Verantwortung als soziale Rechte gew\u00e4hrleistet werden sollen und wo die Eigeninitiative der B\u00fcrger*innen gefragt ist. Eine Verstaatlichung der Verzivilgesellschaftlichung der sozialen Frage durch eine allgemeine soziale Dienstpflicht stellt im Lichte dessen keine <em>win-win<\/em>, sondern eine <em>loose-loose<\/em>-Konstellation dar: eine instrumentelle Durchstaatlichung der Zivilgesellschaft, die ihre Kritik- und Protestfunktion gef\u00e4hrdet und zugleich fundamentale soziale Rechte zu unterminieren droht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background\"><span class=\"has-inline-color has-content-primary-color\">Zitiervorschlag:<\/span> van Dyk, Silke: &#8220;Organisierter Gemeinsinn in Krisenzeiten: Vom freiwilligen Engagement zum sozialen Pflichtjahr?&#8221;, <em>Freiwilligkeit: Geschichte | Gesellschaft | Theorie<\/em>, Juli 2025, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/organisierter-gemeinsinn-in-krisenzeiten\/\">https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/organisierter-gemeinsinn-in-krisenzeiten\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Silke van Dyk<\/p>\n<p>In Krisenzeiten wird von politischer Seite gerne die Bedeutung des zivilgesellschaftlichen Engagements f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt betont. Zuletzt ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine Anrufung freiwilligen Engagements zu beobachten, sondern auch die Forderung nach einem sozialen Pflichtjahr f\u00fcr junge Menschen. Bef\u00fcrworter*innen betonen seine integrative Kraft und Bedeutung in Zeiten abnehmenden freiwilligen Commitments. Kritiker*innen verweisen auf die verfassungs-rechtlichen H\u00fcrden und die Gefahr der Ausbeutung. Silke van Dyk diskutiert die Pro- und Contra-Argumente in unserem aktuellen Blogpost.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":15396,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152],"tags":[445,442,444,443],"class_list":["post-15438","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog-de","tag-community-kapitalismus","tag-gemeinsinn-de","tag-krise-de-2","tag-pflicht-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15438","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15438"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15438\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15528,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15438\/revisions\/15528"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15396"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15438"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15438"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15438"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}