{"id":13146,"date":"2023-03-01T12:00:30","date_gmt":"2023-03-01T11:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voluntariness.org\/?p=13146"},"modified":"2023-10-20T08:53:07","modified_gmt":"2023-10-20T06:53:07","slug":"grauzonen-der-freiwilligkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/grauzonen-der-freiwilligkeiten\/","title":{"rendered":"Grauzonen der Freiwilligkeit"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\"><div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1280\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/03\/Dienstzimmer_Arbeitsamt_Niederlahnstein_SEAD-BA-Digitalisat-000226_web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13148\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/03\/Dienstzimmer_Arbeitsamt_Niederlahnstein_SEAD-BA-Digitalisat-000226_web.jpg 1280w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/03\/Dienstzimmer_Arbeitsamt_Niederlahnstein_SEAD-BA-Digitalisat-000226_web-250x156.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/03\/Dienstzimmer_Arbeitsamt_Niederlahnstein_SEAD-BA-Digitalisat-000226_web-300x188.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Dienststelle in der Nebenstelle Montabaur des Arbeitsamtes Niederlahnstein, um 1940 \u00a9 SEAD-BA<\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\"><div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-medium is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/katzek_web-1-300x300.jpg\" alt=\"Meike Katzek\" class=\"wp-image-8343\" style=\"width:225px;height:225px\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/katzek_web-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/katzek_web-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/katzek_web-1-250x250.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/katzek_web-1.jpg 403w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-content-primary-color has-text-color\">By <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/project\/meike-katzek\">Meike Katzek<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Meike Katzek studiert Geschichte im Master an der Universit\u00e4t Erfurt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Grauzonen der Freiwilligkeiten. Podiumsdiskussion zur Bedeutung \u201efreiwilliger\u201c Mitwirkung an nationalsozialistischen Verbrechen.<\/h2>\n\n\n\n<p> \u201eKeine Diktatur kann ohne Freiwilligkeit \u00fcberleben\u201c, so konstatierte Thomas Lindenberger zum Abschluss seines Eingangspl\u00e4doyers der <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/von-der-bedeutung-der-mittaeterschaft\/\">Podiumsdiskussion<\/a>. Das gilt doch wohl nur f\u00fcr ideologiefeste Akademiker:innen, Verwaltungsfachleute oder Offiziere, die enthusiastisch bei der Sache sind, mag man im ersten Augenblick denken. Doch zum einen gestaltet sich freiwilliges Handeln diverser, als es den Anschein macht. Zum anderen muss auch nach der Verantwortung von breiteren Bev\u00f6lkerungsteilen f\u00fcr ihre Rolle in einem menschenverachtenden Gesellschaftssystem gefragt werden, um ein tieferes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sein Funktionieren zu erlangen, jenseits der Handlungsmotive von aktiven \u00dcberzeugungst\u00e4tern. So entwickelt die geschichtswissenschaftliche Forschung sowie Gedenkst\u00e4ttenarbeit schon l\u00e4nger neue Ans\u00e4tze zur Analyse systemkonformen Handelns in Diktaturen, die sich nicht allein in der Frage nach der ideologischen \u00dcberzeugung ersch\u00f6pfen.  Darum bem\u00fchen sich auch das Teilprojekt unserer Forschungsgruppe <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/freiwilligkeit-und-diktatur\/\">\u201eFreiwilligkeit und Diktatur\u201c<\/a> sowie die Arbeiten unserer <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/alexandra-oeser\/\">Mercator-Fellow Alexandra Oeser<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Mit diesem Forschungsinteresse an Fragen zum \u201efreiwilligen Mitmachen in Diktaturen\u201c luden das Projektteam Christiane Kuller und Elena M. E. Kiesel Historiker:innen und Vertreter:innen der Gedenkst\u00e4ttenarbeit in Th\u00fcringen am 6. Dezember 2022 zu einer Podiumsdiskussion ein. <a href=\"https:\/\/hait.tu-dresden.de\/ext\/institut\/mitarbeiterprofil-17\/?lang=en\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Prof. Dr. Thomas Lindenberger<\/a> (Hannah-Arendt-Institut f\u00fcr Totalitarismusforschung, TU Dresden), <a href=\"https:\/\/www.topfundsoehne.de\/ts\/de\/index.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">PD Dr. Annegret Sch\u00fcle<\/a> (Oberkuratorin des Erinnerungsortes Topf &amp; S\u00f6hne, Erfurt) und <a href=\"https:\/\/www.buchenwald.de\/nc\/de\/896\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Prof. Dr. Jens-Christian Wagner<\/a> (Direktor der Stiftung Gedenkst\u00e4tten Buchenwald und Mittelbau-Dora, FSU Jena) traten in eine rege Diskussion mit der Forschungsgruppe und dem Erfurter Publikum am Erinnerungsort Topf &amp; S\u00f6hne. Das Unternehmen <a href=\"https:\/\/www.topfundsoehne.de\/ts\/de\/ort\/chronik\/index.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Topf &amp; S\u00f6hne<\/a> mit einer Vielzahl von Mitarbeitenden stellte w\u00e4hrend der NS-Zeit Verbrennungs\u00f6fen f\u00fcr Konzentrationslager her. Schon der Erinnerungsort in den Geb\u00e4uden des ehemaligen Ofenbaubetriebes wirft Fragen nach \u201efreiwilliger\u201c Mitwirkung von \u201eganz normalen B\u00fcrgern\u201c am Holocaust auf. Hier ein paar Beobachtungen aus der spannenden Diskussion:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Freiwilligkeit, Pflichtdienst, Zwangsarbeit<\/h3>\n\n\n\n<p>Dass Freiwilligkeit auch in diktatorischen Regimen eine systemtragende Rolle spielt, wurde im Laufe des Abends anhand unterschiedlicher Kontexte deutlich. So wies Annegret Sch\u00fcle darauf hin, dass Freiwilligkeit bzw. Mitmachen als Frage eher auf die \u201ekleinen Leute\u201c bezogen werde. Die historische Untersuchung freiwilligen Handelns wird also gerade in Situationen besonders interessant, in denen es darum ging, wie diese Menschen Entscheidungen trafen \u2013 Handlungsbedingungen und -konsequenzen genau abzuw\u00e4gen. Zu fragen, ob Hitler freiwillig gehandelt h\u00e4tte, scheint dagegen \u00fcberfl\u00fcssig. Freiwilligkeit l\u00e4sst sich nicht auf ideologischen Enthusiasmus reduzieren, muss einem diktatorischen Zwang aber ebenso nicht unbedingt entgegenstehen. Sie steht vielmehr \u00e4hnlich dem <a href=\"https:\/\/docupedia.de\/zg\/Lindenberger_eigensinn_v1_de_2014\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Konzept des Eigen-Sinns<\/a> dazwischen oder auch auf beiden Seiten. Freiwilliges Mitmachen findet sich zudem sowohl im Bereich staatskonformen Handelns als auch im Widerstand. Bereits hier wird in der Debatte die Frage deutlich, ob oder wie zielf\u00fchrend es ist, danach zu fragen, ob Handeln oder \u201eMitwirkung\u201c tats\u00e4chlich freiwillig war, oder ob nicht eher die jeweiligen Bedingungen von freiwilligem Handeln interessanter sind.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"566\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/11\/PODDIS_mitmachen_poster-1-566x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12936\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/11\/PODDIS_mitmachen_poster-1-566x800.jpg 566w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/11\/PODDIS_mitmachen_poster-1-177x250.jpg 177w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/11\/PODDIS_mitmachen_poster-1-757x1070.jpg 757w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/11\/PODDIS_mitmachen_poster-1-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/11\/PODDIS_mitmachen_poster-1.jpg 1191w\" sizes=\"auto, (max-width: 566px) 100vw, 566px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Poster zu unserer Podiumsdiskussion \u00fcber freiwilliges Mitmachen im Nationalsozialistischen Deutschland, Dezember 2022 am \u201eErinnerungsort Topf &amp; S\u00f6hne \u2013 Die Ofenbauer von Auschwitz\u201c in Erfurt. <\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Doch zun\u00e4chst identifizierte Thomas Lindenberger nicht den Zwang, sondern die Pflicht als wichtigen Bezugspunkt freiwilligen Handelns. Historisch trat die Freiwilligkeit in der Geschichte b\u00fcrgerlicher Gesellschaften an die Stelle der Dienstpflicht und ersetzte staatliche Infrastruktur, <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110627442-010\/html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">z.B. im Falle der Feuerwehren<\/a>. Doch auch unter Pflichtverh\u00e4ltnissen ist die Frage nach Entscheidungsfreiheiten und Freiwilligkeit relevant. Denn, so bemerkte Lindenberger, auch die Einf\u00fchrung von Pflichtdiensten im Nationalsozialismus \u2013 1935 der Reichsarbeitsdienst und 1943 die Dienstverpflichtung \u2013 stie\u00df nicht unbedingt auf gesellschaftliche Gegenwehr. So identifizierten die G\u00e4ste im Laufe der Diskussion die Pflicht und den Zwang eher als Konzepte, die der Freiwilligkeit antinomisch \u2013 also gegens\u00e4tzlich und doch verbunden \u2013 gegen\u00fcberstehen. Denn Freiwilligkeit und Pflicht funktionieren nicht unbedingt bin\u00e4r, sondern teilen sich die Gemeinsamkeit eines Ethos des Dienstes an der Gemeinschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Jens-Christian Wagner wies auf die vielen Schattierungen hin im kategorialen Nachdenken \u00fcber eine m\u00f6gliche Trias, die man als Freiwilligkeit \u2013 Pflicht \u2013 Zwang entfalten k\u00f6nne. Die Diversit\u00e4t der individuell-situativen Umst\u00e4nde lassen die Grenzen zwischen freier Lohnarbeit, Dienstpflicht und Zwangsarbeit verschwimmen. Eine wichtige Rolle spielte auch die nationalsozialistische Rassenideologie, aufgrund derer (Zwangs)Arbeit sehr unterschiedliche Bereiche von \u201efreiwilligem\u201c Handeln er\u00f6ffnen (und schlie\u00dfen) konnte und sehr divergierende historische Umst\u00e4nde aufzeigt. Auch die vielf\u00e4ltige Ausgestaltung von Dienstpflichten er\u00f6ffnete unterschiedliche Handlungsr\u00e4ume. R\u00fcckblickend entz\u00fcnden sich an der Frage der \u201eFreiwilligkeit\u201c nicht selten Erinnerungskonflikte: Wie ist z.B. <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/geschichte\/stolpersteine-wer-verdient-eine-ehrung-als-ns-opfer-a-1c021711-113b-40fc-bbd3-646be58354d8\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">der Fall eines Hugo Dornhofer<\/a> einzuordnen, der zwar 1943 dienstverpflichtet wurde, allerdings als Bauleiter in einem normalen Arbeitsverh\u00e4ltnis stand und unter Erhalt eines normalen Arbeitslohns im KZ Mittelbau-Dora den Ausbau von Infrastruktur \u00fcberwachte?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Freie Lohnarbeit und <em>Eigen-Sinn<\/em><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1201\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/03\/Podiumsdiskussion_mittaterschaft_web-1201x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13143\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/03\/Podiumsdiskussion_mittaterschaft_web-1201x800.jpg 1201w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/03\/Podiumsdiskussion_mittaterschaft_web-250x167.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/03\/Podiumsdiskussion_mittaterschaft_web-1607x1070.jpg 1607w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/03\/Podiumsdiskussion_mittaterschaft_web-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 1201px) 100vw, 1201px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Photo: &#8220;Erinnerungsort Topf &amp; S\u00f6hne&#8221;, 06. Dezember 2022<\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Doch besonders der historische Kontext freier Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisse im Nationalsozialismus \u2013 wie etwa bei der Belegschaft von Topf &amp; S\u00f6hne \u2013 erscheint fruchtbar, um ihn nach Situationen der Freiwilligkeit zu befragen. Dabei gab Annegret Sch\u00fcle allerdings zu bedenken, dass die Mitwirkung der Angestellten im normalen Arbeitsalltag des Unternehmens Topf &amp; S\u00f6hne auf einem arbeitsvertraglichen Verh\u00e4ltnis beruhte. Wer seiner Arbeit nachkam und am verbrecherischen System mitwirkte, handelte von daher nur bedingt \u201efreiwillig\u201c. Doch f\u00fchrte sie ebenso an, dass die Bedeutung von Freiwilligkeit insbesondere vor dem Hintergrund der nach 1945 angef\u00fchrten Exkulpationsstrategie \u2013 \u201eman h\u00e4tte ja keine Wahl gehabt\u201c \u2013 zum Tragen kommt. Welche Handlungsoptionen gab es wirklich? Tats\u00e4chlich zeigte sich fr\u00fch in der Aufarbeitung der Geschichte, dass teilweise die individuelle Arbeit von Mitarbeiter:innen \u00fcber das Erf\u00fcllen von Vertragspflichten hinausging, da auch noch in der Freizeit oder im hohen Alter f\u00fcr die Firma gearbeitet wurde. Au\u00dferdem ist aus der historischen Forschung bekannt, dass die deutschen Ofenbauer-Firmen durchaus eine Wahl bei der Entscheidung \u00fcber eine Kooperation mit dem NS-Regime hatten \u2013 von sechs Firmen beteiligten sich drei. Die F\u00fchrungen der Unternehmen und ihre Angestellten kooperierten und unterst\u00fctzten folglich auch jenseits von Vertragspflicht und Regime-Zwang.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Jedoch ist es aus der Perspektive der Forschenden oft schwierig abzuw\u00e4gen, welches individuelle Bewusstsein bei den historischen Akteur:innen \u00fcber die Effekte ihrer kooperierenden oder f\u00f6rdernden Handlungen und damit \u00fcber eine m\u00f6gliche Mitt\u00e4ter:innenschaft bestand \u2013 so auch f\u00fcr jede:n einzelne:n Mitarbeiter:in bei Topf &amp; S\u00f6hne. Im Rahmen der Arbeitsverh\u00e4ltnisse f\u00fcllten sie ihre Aufgaben auch mit einem eigenen Sinn, der der historischen Forschung nicht immer zug\u00e4nglich ist. Hier gilt es, eine allt\u00e4gliche \u201eNormalit\u00e4t\u201c des Handelns im Unternehmen verbunden mit \u00f6konomischen oder privaten Interessen in den Blick zu nehmen, um sich einer Perspektive der handelnden Akteur:innen zumindest anzun\u00e4hern.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Freiwilligkeit als ethische Kategorie<\/h3>\n\n\n\n<p>Trotz der skizzierten Schattierungen, die im Nachdenken \u00fcber Handlungsoptionen und -bedingungen sichtbar werden, bleibt Freiwilligkeit als Zuschreibung auch ein machtvolles ethisches Kriterium f\u00fcr die Bewertung einer Handlung. Fragt man nach freiwilligem Handeln durch Opfer, spitzt sich diese ethische Bedeutung zu. Hier betonte Wagner, dass bei Handlungen von Funktionsh\u00e4ftlingen nicht von Freiwilligkeit gesprochen werden k\u00f6nne, da es ein kategorialer Unterschied w\u00e4re, wer hinter und wer vor dem Zaun gestanden h\u00e4tte. Selbst die Handlungsoptionen, die es gab, k\u00f6nnten angesichts der willk\u00fcrlichen und immer existenziell bedrohenden Handlungsbedingungen nicht be- oder gar verurteilt werden. Dennoch, so w\u00e4re es ein Argument der Forschungsgruppe, sind es genau diese situativen Momente, in denen es wichtig wird zu zeigen, wie Freiwilligkeit als Zuschreibung funktionierte. Dies f\u00fchrt auch in eine immer schwierige T\u00e4ter-Opfer-Debatte. Schlie\u00dflich betont die Forschung, dass H\u00e4ftlinge immer auch als Subjekte zu sehen seien. Der historische Anspruch der Erm\u00e4chtigung durch die Zuschreibung von Handlungsmacht \u00fcber Freiwilligkeit k\u00f6nnte allerdings mit der Frage nach freiwilligem Handeln von Opfern in eine Relativierung der Verantwortung der T\u00e4ter umkippen. An dieser Stelle k\u00f6nne eine ethische Grenze der Kategorie Freiwilligkeit aufgezeigt werden, so ein Einwand aus dem Publikum, der in der Diskussion kritisch aufgenommen wurde. Alexandra Oeser schlug beispielsweise vor, zwischen freiwilligen Handlungen von Opfern und T\u00e4tern zu differenzieren und die Begriffe der \u201epassiven\u201c und \u201eaktiven Freiwilligkeit\u201c einzuf\u00fchren. Andere betonten, dass auch diese Differenzierung der Zuschreibung von Freiwilligkeit an die Opfer nicht die ethische Konnotation nehme. <\/p>\n\n\n\n<p>Es zeigte sich, dass beim Fragen nach \u201efreiwilliger\u201c Mitwirkung an den Verbrechen des Nationalsozialismus insbesondere in Bezug auf die ethische Dimension der Freiwilligkeit ein sensibler Umgang gefordert ist. Um nicht vorschnell Urteile \u00fcber die historischen Akteur:innen und das Ma\u00df ihres Mitmachens zu f\u00e4llen, ist methodische Pr\u00e4zision und genaues Hinsehen gefragt. Es gilt auf die historisch-situativen Umst\u00e4nde zu achten, zugleich die handelnden Akteur:innen ernst zu nehmen und ihren Handlungen die notwendige Komplexit\u00e4t zuzugestehen. Dazu ist es notwendig, freiwilliges Handeln in seinen vielen graduellen Abstufungen, Entscheidungsbedingungen und -konsequenzen zu untersuchen. Am Ende bleibt die Verantwortung, bei der Forschung \u00fcber freiwilliges Mitmachen die ethische Aufladung des Begriffes mit zu bedenken. \u201eFreiwilligkeit\u201c ist somit ein \u2013 m\u00f6glicherweise besonders komplexer, aber auch besonders aufschlussreicher \u2013 Begriff, der auf ein Grundproblem historischer Urteilsbildung verweist. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background\">Zitierempfehlung: Katzek, Meike: &#8220;Grauzonen der Freiwilligkeit. Podiumsdiskussion zur Bedeutung \u201efreiwilliger\u201c Mitwirkung an nationalsozialistischen Verbrechen&#8221;, <em>Freiwilligkeit: Geschichte &#8211; Gesellschaft &#8211; Theorie<\/em>, M\u00e4rz 2023, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/grauzonen-der-freiwilligkeiten\/\">https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/grauzonen-der-freiwilligkeiten\/<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Meike Katzek<\/p>\n<p>Am 6. Dezember 2022 organisierte unser Projektteam, das \u00fcber Freiwilligkeit in Diktaturen arbeitet, eine Podiumsdiskussion mit Historiker:innen in Erfurt. Die Diskussion zeigte viele St\u00e4rken von Freiwilligkeit als Forschungsgegenstand und Analysekonzept, verwies aber auch auf seine Grauzonen.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":13144,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152],"tags":[149,308,153,260,262,91,155],"class_list":["post-13146","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog-de","tag-coercion-de","tag-diktatur","tag-freiwilligkeit","tag-mitmachen","tag-mitmachen-de","tag-voluntariness-de","tag-zwang"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13146","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13146"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13700,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13146\/revisions\/13700"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13144"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13146"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13146"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}