{"id":12970,"date":"2022-12-23T18:00:00","date_gmt":"2022-12-23T17:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voluntariness.org\/?p=12970"},"modified":"2023-10-20T08:51:27","modified_gmt":"2023-10-20T06:51:27","slug":"freiwilligkeit-als-notwendiges-uebel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-als-notwendiges-uebel\/","title":{"rendered":"Freiwilligkeit als &#8220;Notwendiges \u00dcbel&#8221;?"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\"><div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1273\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_poster_2-1273x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13006\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_poster_2-1273x800.jpg 1273w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_poster_2-250x157.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_poster_2-1703x1070.jpg 1703w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_poster_2-300x189.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_poster_2.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1273px) 100vw, 1273px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\"><div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/kiesel_web-1-1024x1024.jpg\" alt=\"Elena M. E. Kiesel\" class=\"wp-image-8610\" style=\"width:225px;height:225px\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/kiesel_web-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/kiesel_web-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/kiesel_web-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/kiesel_web-1-1070x1070.jpg 1070w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/kiesel_web-1-250x250.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/kiesel_web-1.jpg 1638w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-content-primary-color has-text-color\"><strong>Von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/elena-m-e-kiesel\/\">Elena M. E. Kiesel<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Elena Marie Elisabeth Kiesel ist Historikerin an der Universit\u00e4t Erfurt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Reflexion \u00fcber das B\u00fcrgerforum zur DDR-Neuererbewegung<\/h2>\n\n\n\n<p>&#8220;Sie sind zu sp\u00e4t!\u201c, sagte ein \u00e4lterer Herr am anderen Ende einer der drei gro\u00dfen Tische, die im Ehrhardt-Saal des <a href=\"https:\/\/awe-museum.de\/\">Museums &#8220;automobile welt eisenach&#8221;<\/a> anl\u00e4sslich unseres <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/voluntariness-on-tour-wie-war-es-ein-neuerer-zu-sein\/\">&#8220;B\u00fcrgerforums zur DDR-Neuererbewegung&#8221;<\/a> am 30.09.2022 aufgebaut waren. Was er damit meinte war, dass viele ehemalige Mitarbeiter*innen der DDR-Betriebe, die einiges \u00fcber die Neuererbewegung zu berichten gehabt h\u00e4tten, hochbetagt oder bereits verstorben waren. In der Tat waren die meisten unserer 14 G\u00e4ste bereits im fortgeschrittenen Rentenalter, doch lie\u00dfen sie es sich nicht nehmen, ihre Erinnerungen mit uns zu teilen. Damit leisteten sie einen wertvollen Beitrag zur Bearbeitung des Forschungsprojektes <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/freiwilligkeit-und-diktatur\/\">&#8220;Freiwilligkeit und Diktatur: Freiwilliges Mitmachen im Neuererwesen der Deutschen Demokratischen Republik&#8221;<\/a>. In Kooperation mit der <a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/philosophische-fakultaet\/seminare-professuren\/historisches-seminar\/professuren\/neuere-und-zeitgeschichte-und-geschichtsdidaktik\/oral-history-forschungsstelle\">Oral History Forschungsstelle der Universit\u00e4t Erfurt<\/a> konnten die pers\u00f6nlichen Erfahrungen ehemaliger &#8220;Neuerer&#8221;<strong> <\/strong>die bislang gesammelten Erkenntnisse aus den Quellenbest\u00e4nden des Betriebsarchivs des volkseigenen Betriebes Automobilwerk Eisenach (VEB AWE), des Th\u00fcringischen Landesarchivs sowie des Bundesarchivs Berlin einordnen. Zugleich diente die Veranstaltung der St\u00e4rkung des Dialogs zwischen Zivilgesellschaft und Wissenschaft, indem unser Forschungsprojekt, unsere Herangehensweise, Fragen und Gedanken \u00f6ffentlich vorgestellt und diskutiert wurden.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1280\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/12\/buergerforum_neuerer.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12966\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/12\/buergerforum_neuerer.jpg 1280w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/12\/buergerforum_neuerer-250x156.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/12\/buergerforum_neuerer-300x188.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">(Foto von Stefanie Buettner, 2022)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was bedeutete es, ein Neuerer zu sein? Mit Oral History auf der Spur des Erlebten<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Kern unseres Interesses lag die Erinnerungen unserer G\u00e4ste, ihre Deutungen und Erz\u00e4hlungen. Mit der Oral-History-Methode geht es immer um das Wechselspiel zwischen der vergangenen Zeit, die aus der Gegenwart berichtet und reflektiert wird. Erinnerungen zu teilen bedeutet dabei nicht, das Erlebte eins zu eins wiederzugeben, sondern vielmehr das Erlebte als eine Konstruktion durch sp\u00e4tere Begebenheiten, Erfahrungen, Reflexionen und wiederholtem Erz\u00e4hlen wahrzunehmen. Insofern ist auch wichtig, die Zeitspanne zwischen dem Erlebten und der Gegenwart, in welcher berichtet wird, in die Analyse einzubeziehen. Auch f\u00fcr eine Betrachtung von Freiwilligkeit sind diese beiden unterschiedlichen Zeitschienen relevant, besonders wenn wir uns mit <a href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/abs\/10.1111\/1467-9213.12074\">Freiwilligkeit in ihrer ethischen Dimension und ihren moralischen Zuschreibungen<\/a> besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Was bis zum Umbruch 1989\/90 noch als auszeichnungsw\u00fcrdiges freiwilliges Engagement und Neuererleistung galt, konnte danach schnell als willf\u00e4hrige Unterst\u00fctzung eines diktatorischen Regimes gedeutet werden. Interessanterweise thematisierten unsere G\u00e4ste diese vorangenommene Verkehrung nicht. Neuerervorschl\u00e4ge einzureichen oder sogenannte Neuerervereinbarungen zu bearbeiten, also im \u201eKollektiv gemeinsam Innovationsaufgaben zu realisieren\u201c, bedeutet f\u00fcr unsere G\u00e4ste kein \u201eMitmachen f\u00fcr das Regime\u201c. W\u00e4hrend bei der Erhebung und Auswertung von Zeitzeug*inneninterviews zur DDR-Zeit in den 1990er Jahren noch zu ber\u00fccksichtigen war, dass die Befragten aufgrund eines gewissen Rechtfertigungsdrucks zu einer Relativierung ihrer Kooperation mit staatlichen Organisationen neigten, entf\u00e4llt dieser Aspekt heute. Dies liegt einerseits daran, dass sich die meisten ehemaligen DDR-B\u00fcrgerinnen nun an ihrem Lebensabend befinden und keine beruflichen Konsequenzen mehr zu bef\u00fcrchten haben. Andererseits hat sich auch der \u00f6ffentliche Diskurs seit den 1990er Jahren dahingehend ver\u00e4ndert, dass das damalige gesellschaftliches Engagement nicht mehr eindimensional als Loyalit\u00e4tsbeweise oder dergleichen abgetan werden kann.<strong> <\/strong>Sp\u00e4testens in der j\u00fcngeren historischen Forschung zur DDR gelingt es mit analytischen Linsen wie etwa der <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/25409\/herrschaft-und-eigen-sinn-in-der-diktatur\/\">Kategorie des Eigen-Sinns<\/a> eine Differenzierung der Interpretationsans\u00e4tze vorzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Planerf\u00fcllung und Gruppendynamik<\/h3>\n\n\n\n<p>Um herauszufinden, welche Zeitabschnitte und Ereignisse besonders pr\u00e4gend f\u00fcr unsere G\u00e4ste waren, haben wir, Agn\u00e8s Arp und Alexandra Petri (beide OHF) und ich, so wenig wie m\u00f6glich in die Gespr\u00e4chsthemen eingegriffen. Zu Beginn der Veranstaltung lie\u00dfen wir unsere G\u00e4ste an den mit Schreibmaterial und Verk\u00f6stigung ausgestatteten Tischen ihre Pl\u00e4tze und damit ihre Gespr\u00e4chspartner*innen frei w\u00e4hlen. Dabei mag es wenig \u00fcberraschen, dass sich diejenigen zusammensetzten, die sich bereits von fr\u00fcher kannten oder spontan einen Draht zueinander entwickelten: So gesellten sich die Konstrukteure und Ingenieure des VEB AWE zueinander, die ehemaligen B\u00fcroangestellten besetzten einen Tisch und an einem dritten kamen mehrheitlich Facharbeiterinnen aus dem Produktionsbereich miteinander ins Gespr\u00e4ch. An einem Tisch sprachen die B\u00fcroangestellten dar\u00fcber, wie mit den vorgegebenen Kennziffern der Wirtschaftspl\u00e4ne umgegangen worden ist und wo geschoben und geschummelt wurde, um die Abrechnungen mit den staatlichen Vorgaben in Einklang zu bringen. Eine ehemalige Wirtschaftspr\u00fcferin berichtete, dass gerade bei der Abrechnung der Planvorgaben zur Neuererbewegung h\u00e4ufiger gesch\u00f6nt wurde, da oft nicht gen\u00fcgend Vorschl\u00e4ge eingereicht worden waren und die vorhandenen mehrfach abgerechnet wurden. Es wurden Witze \u00fcber die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Sozialismus gemacht, schlie\u00dflich hatte niemand aus der Runde pers\u00f6nliche Einschnitte durch das Regime erlebt \u2013 und niemand z\u00e4hlte zu den sogenannten &#8220;Wendeverlierern&#8221;.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"666\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_awe-666x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13008\" style=\"width:500px;height:600px\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_awe-666x800.jpg 666w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_awe-208x250.jpg 208w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_awe-891x1070.jpg 891w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_awe-250x300.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_awe.jpg 1456w\" sizes=\"auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Geb\u00e4ude des ehemaligen Automobilwerks Eisenach, in dem sich heute das Museum automobile Welt in Eisenach befindet (Foto von Meike Katzek, 2022)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1273\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_poster_2-1273x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13006\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_poster_2-1273x800.jpg 1273w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_poster_2-250x157.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_poster_2-1703x1070.jpg 1703w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_poster_2-300x189.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2023\/01\/buergerforum_poster_2.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1273px) 100vw, 1273px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">(Foto von Meike Katzek, 2022)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Anders verhielt es sich in der Runde der Facharbeiter*innen, in der die Neuererbewegung nur als &#8220;notwendiges \u00dcbel&#8221; eines Regimes verstanden wurde, welches ihnen keine M\u00f6glichkeiten zur beruflichen oder pers\u00f6nlichen Weiterentwicklung geboten hatte. Es habe &#8220;keinen einzigen ehrlichen Tag&#8221; gegeben, sagte eine Person missmutig. Letztlich habe der Mangel sie geeint, stimmten alle am Tisch \u00fcberein. Demgegen\u00fcber berichteten die Ingenieure von unterschiedlichen Vorschl\u00e4gen und Neuerungen, die sie auf den Weg gebracht hatten, um die Automobilproduktion in Eisenach voranzubringen. Aufgrund von Materialmangel und fehlender Werkzeugtechnik blieben jedoch viele der fortschrittlichen Ideen ungenutzt und wurden gar via Ministerialbeschluss abgelehnt. Erst nach 1990, als das Werk in Eisenach von Opel \u00fcbernommen worden war, fanden die Ideen der Ingenieure Geh\u00f6r, denn auch der westdeutsche Konzern hatte ein betriebliches Vorschlagswesen etabliert. Stolz berichtete einer der ehemaligen Ingenieure, dass der Eisenacher Opel-Standort mithilfe der Vorschl\u00e4ge von ehemaligen DDR-Kadern zu Beginn der 1990er Jahre die besten Produktionszahlen Europas verzeichnen konnte. Die sp\u00e4te Anerkennung ihrer Expertise schien den Herren eine Art Genugtuung zu verschaffen, hatte das sozialistische Regime ihre Kreativit\u00e4t und Enthusiasmus aus verschiedenen Gr\u00fcnden beschnitten und sie damit auch in ihrem Selbstverst\u00e4ndnis als Ingenieure tief gekr\u00e4nkt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Nach einer wohlverdienten Pause fanden wir uns in einer gro\u00dfen Runde mit allen Teilnehmenden, die von Agn\u00e8s Arp moderiert wurde, zusammen, um die verschiedenen Erinnerungen und Perspektiven gemeinsam zu diskutieren. Interessanterweise stellte sich dabei heraus, dass sich die durchaus sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Erlebnisse keineswegs gegenseitig ausschlossen oder gar zu Konfliktpotenzial aufgrund von Meinungsverschiedenheiten f\u00fchrten. Vielmehr herrschte eine aufmerksame und wohlwollende Atmosph\u00e4re. Ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Erfahrungen mit der Neuererbewegung waren h\u00e4ufig das Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis und das berufliche Selbstverst\u00e4ndnis sowie die sich in diesem Zusammenhang ergebenden Ressourcen und M\u00f6glichkeiten. Deutlich wurde dies auch an der Art und Weise des Erz\u00e4hlens: Die Ingenieure berichteten detailreich \u00fcber neue Bauteile zur Senkung des Kraftstoffverbrauchs und der Abgas-Emissionen bei gleichbleibender Motorleistung. Demgegen\u00fcber erz\u00e4hlte ein Facharbeiter, er habe gerne im Kollektiv Neuerervereinbarungen bearbeitet, weil es Spa\u00df gemacht habe, gemeinsam zu t\u00fcfteln und anschlie\u00dfend die Pr\u00e4mie zu &#8220;verfeiern&#8221;. &#8220;Reich geworden ist keiner&#8221;, erz\u00e4hlte der \u00e4ltere Herr. Bevor wir die Runde gegen 19 Uhr schlossen, fragten wir die G\u00e4ste danach, wie sie die Neuererbewegung in einer einzigen Wendung beschreiben w\u00fcrden. Dabei fielen die Antworten vielf\u00e4ltig und komplement\u00e4r: &#8220;Erf\u00fcllungsgehilfe&#8221;, &#8220;notwendiges \u00dcbel&#8221;, &#8220;M\u00f6glichkeit zum Geldverdienen&#8221;, &#8220;Erleichterung der Arbeit&#8221;, &#8220;vertane Chance&#8221;, &#8220;Mittel zum Zweck&#8221;, &#8220;Verbesserung&#8221;, &#8220;Versuch f\u00fcr Neues&#8221;, &#8220;Planerf\u00fcllung&#8221;, &#8220;Plan sozialistischer Rationalisierung&#8221; oder &#8220;generelle Notwendigkeit&#8221;. Darin hallt nur wenig von der DDR-Propaganda nach, welche die Neuererbewegung gern als &#8220;Kaderschmiede&#8221; f\u00fcr die sozialistische F\u00fchrungsebene und Standbein der deutsch-sowjetischen Verbundenheit deklarierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei unserer Veranstaltung wurde deutlich, dass die Zeitzeug*innen ganz eigensinnige Motivationen f\u00fcr das Einreichen und Bearbeiten von Neuerervorschl\u00e4gen und -aufgaben verfolgten, die wenn \u00fcberhaupt nur sehr entfernt mit den propagierten Anspr\u00fcchen der Bewegung in Verbindung standen. Ihre Teilnahme innerhalb der Organisation nahmen sie vor allem als M\u00f6glichkeit f\u00fcr einen Zuverdienst in Form einer &#8220;Neuererverg\u00fctung&#8221; wahr, nutzten sie zur beruflichen Entfaltung und Kreativit\u00e4t oder auch als gemeinsame Freizeitbesch\u00e4ftigung. Nunmehr 33 Jahre nach dem Mauerfall sprachen unsere G\u00e4ste offen \u00fcber ihre freiwillige Mitwirkung innerhalb der politischen Massenorganisation, ohne sich gleichzeitig als \u00fcberzeugte Sozialist*innen zu beschreiben. Die Realit\u00e4t und die Umst\u00e4nde von Freiwilligkeit waren komplex und es bleibt unserer Aufgabe, die vielf\u00e4ltige Stimmen zur DDR-Geschichte wahrzunehmen, zu analysieren und zu kontextualisieren. Dazu ist es unerl\u00e4sslich, mit den Protagonist*innen ins Gespr\u00e4ch zu kommen, ihre Erinnerungsberichte kritisch zu analysieren und mit den archivalischen Quellen in Beziehung zu setzen. Wir m\u00fcssen zuh\u00f6ren, bevor ihre Stimmen verstummen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background\">Zitiervorschlag: Kiesel, Elena M. E.: &#8220;Freiwilligkeit als &#8216;Notwendiges \u00dcbel&#8217;? Reflexion \u00fcber das B\u00fcrgerforum zur DDR-Neuererbewegung&#8221;, <em>Freiwilligkeit: Geschichte &#8211; Gesellschaft &#8211; Theorie<\/em>, Dezember 2022, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-als-notwendiges-uebel\/\">https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-als-notwendiges-uebel\/<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Elena M. E. Kiesel<\/p>\n<p>&#8220;Mach Dir einen Kopf, Kollege!&#8221; &#8211; So lautete ein Aufruf an potentielle &#8220;Neuerer&#8221; zur Beteiligung am betrieblichen Vorschlagswesen in der DDR. Dar\u00fcber, was dies bedeutete, kamen wir im September in Eisenach mit Zeitzeug*innen ins Gespr\u00e4ch.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":13008,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152],"tags":[210,153,260,209,289,91],"class_list":["post-12970","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog-de","tag-ddr","tag-freiwilligkeit","tag-mitmachen","tag-neuererwesen-de","tag-oral-history","tag-voluntariness-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12970","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12970"}],"version-history":[{"count":21,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12970\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13702,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12970\/revisions\/13702"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13008"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12970"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12970"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12970"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}