{"id":12359,"date":"2022-05-13T15:00:18","date_gmt":"2022-05-13T13:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voluntariness.org\/krieg-und-freiwilligkeit\/"},"modified":"2023-08-15T11:01:06","modified_gmt":"2023-08-15T09:01:06","slug":"krieg-und-freiwilligkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/krieg-und-freiwilligkeit\/","title":{"rendered":"Krieg und Freiwilligkeit"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1067\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/05\/Ukraine_flag_accept_refugees-1067x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12326\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/05\/Ukraine_flag_accept_refugees-1067x800.jpg 1067w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/05\/Ukraine_flag_accept_refugees-250x188.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/05\/Ukraine_flag_accept_refugees-1427x1070.jpg 1427w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/05\/Ukraine_flag_accept_refugees-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 1067px) 100vw, 1067px\" \/><\/figure><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/fv_logo_header_gedreht.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-11196\" width=\"178\" height=\"178\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/fv_logo_header_gedreht.png 710w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/fv_logo_header_gedreht-250x250.png 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/fv_logo_header_gedreht-150x150.png 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/fv_logo_header_gedreht-300x300.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 178px) 100vw, 178px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-content-primary-color has-text-color\">von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/matthias-ruoss\/\">Matthias Ruoss<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Matthias Ruoss ist ein Schweizer Historiker und lehrt und forscht an den Universit\u00e4ten Z\u00fcrich und Fribourg.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspectives-on-voluntariness-and-the-covid-crisis\">Krieg und Freiwilligkeit: <em>Mutter Courage<\/em> Revisited<\/h2>\n\n\n\n<p>Bei Krieg hilft Brecht. Vor allem sein 1939 im schwedischen Exil geschriebenes und 1941 im Schauspielhaus Z\u00fcrich uraufgef\u00fchrtes St\u00fcck <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/bertolt-brecht-mutter-courage-und-ihre-kinder-t-9783518100493\">\u201eMutter Courage und ihre Kinder\u201c<\/a> bietet mit seinen ambivalenten Figuren, komplexen Problemstellungen und vielschichtigen Konfliktlagen eine Reihe von Interpretationshilfen. Zur Erinnerung: Das St\u00fcck spielt im Dreissigj\u00e4hrigen Krieg. Erz\u00e4hlt wird die Geschichte der Marketenderin Anna Fierling namens Mutter Courage, die versucht, ihr Gesch\u00e4ft mit dem Krieg zu machen, und dabei ihre drei Kinder verliert. Das Geschehen ist stark zeitgen\u00f6ssisch gepr\u00e4gt. So wurde das St\u00fcck h\u00e4ufig als Warnung an unbeteiligte Einzelpersonen und neutrale Staaten verstanden, mit dem Krieg zu wirtschaften, Profite aus ihm zu schlagen, am Leid anderer zu verdienen. Gem\u00e4ss Brecht enthielt es aber auch eine grunds\u00e4tzliche, pazifistische Botschaft zu Kapitalismus, Krieg und Macht: \u201eDa\u00df die gro\u00dfen Gesch\u00e4fte in den Kriegen nicht von den kleinen Leuten gemacht werden. Da\u00df der Krieg, der eine Fortf\u00fchrung der Gesch\u00e4fte mit anderen Mitteln ist, die menschlichen Tugenden t\u00f6dlich macht, auch f\u00fcr ihre Besitzer. Da\u00df f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung des Krieges kein Opfer zu gro\u00df ist.\u201c [Bertolt Brecht, Gesammelte Werke, Bd. 17, Frankfurt\/Main 1967, S. 1138.]\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Um ebendiese \u201emenschlichen Tugenden\u201c dreht sich die f\u00fcnfte von insgesamt zw\u00f6lf Szenen.  Sie spielt in einem kriegszerst\u00f6rten bayrischen Dorf, in das Courage mit ihrem Planwagen gezogen ist. Pl\u00f6tzlich kommt der Feldprediger herbeigeeilt. Er hat eine Bauernfamilie aus ihrem zerst\u00f6rten Hof herausgeholt und fordert Leinen, um die Wunden der Verletzten zu verbinden. Doch Courage weigert sich: \u201eIch hab keins. Meine Binden hab ich ausverkauft beim Regiment. Ich zerrei\u00df f\u00fcr die nicht meine Offiziershemden.\u201c Zugleich hindert sie ihre aufgebrachte Tochter Kattrin daran, das n\u00f6tige Material aus dem Wagen zu holen: \u201eIch gib nix. Die zahlen nicht, warum, die haben nix.\u201c Da greift Kattrin nach einer Holzplanke und bedroht ihre Mutter. Diese reagiert darauf mit Wut (\u201eBist du \u00fcbergeschnappt? Leg das Brett weg, sonst schmier ich dir eine, du Krampen!\u201c) und erkl\u00e4rt sich noch einmal: \u201eIch gib nix, ich mag nicht, ich mu\u00df an mich selber denken.\u201c In der Zwischenzeit ist der Feldprediger in den Wagen gestiegen und hat sich die n\u00f6tigen Hemden besorgt, sie zerrissen und damit die Verletzten versorgt: \u201eIch bin ruiniert\u201c, fauchte Mutter Courage noch, w\u00e4hrend Kattrin ihre Hilfsbereitschaft und ihr Mitgef\u00fchl f\u00fcr notleidende Menschen anderweitig unter Beweis stellte. Als sie im Einsturz gef\u00e4hrdeten Bauernhaus eine weinende Kinderstimme h\u00f6rt, z\u00f6gert sie keinen Augenblick. Sie dringt in das Geb\u00e4ude ein und birgt den S\u00e4ugling. Ihre Mutter versucht sie zwar daran zu hindern, warnt sie vor den Gefahren, ruft die anderen um Hilfe, doch vergebens. Kattrin rettet das Kind vor dem sicheren Tod \u2013 nur um dann sp\u00e4ter bei einer weiteren selbstlosen Aktion ihr eigenes Leben zu verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus diesem inszenierten Kriegsereignis ziehen? Mit Blick auf die Freiwilligkeit, um die es mir hier geht, scheinen mir drei Punkte zentral. Erstens macht die Szene klar, dass verschiedene Formen der Freiwilligkeit nebeneinander bestehen. Das zeigt sich besonders deutlich in der Hilfsbereitschaft des Feldpredigers und Kattrin. Deren Engagement und Hilfeleistung, wie auch immer motiviert, erg\u00e4nzen sich. W\u00e4hrend er die Verwundeten pflegt, holt sie das Kind aus dem Hof. Gemeinsam sorgen sie daf\u00fcr, dass der bed\u00fcrftigen Bauernfamilie geholfen wird. Zugleich konfligieren ihre Hilfen, womit ein zweiter Punkt angesprochen ist. Als Kattrin n\u00e4mlich ins Haus rennt, weigert er sich, ihr zu folgen (\u201eIch geh nicht mehr hinein\u201c).<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image alignwide size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"607\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/05\/Helene_Weigel_als_Mutter_Courage-607x800.jpg\" alt=\"Helene Weigel als Mutter Courage\" class=\"wp-image-12324\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/05\/Helene_Weigel_als_Mutter_Courage-607x800.jpg 607w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/05\/Helene_Weigel_als_Mutter_Courage-190x250.jpg 190w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/05\/Helene_Weigel_als_Mutter_Courage-812x1070.jpg 812w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/05\/Helene_Weigel_als_Mutter_Courage-228x300.jpg 228w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/05\/Helene_Weigel_als_Mutter_Courage.jpg 1517w\" sizes=\"auto, (max-width: 607px) 100vw, 607px\" \/><figcaption>Harry Croner (Fotograf), Helene Weigel als Mutter Courage, Berlin, 1949, \u00a9 <a href=\"https:\/\/sammlung-online.stadtmuseum.de\/Details\/Index\/502968\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Stiftung Stadtmuseum Berlin<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Freiwilligkeit ist keineswegs homogen und gleichartig. Vielmehr k\u00f6nnen Freiwilligkeiten sich widersprechen, zu einander in Konkurrenz stehen und sich gegenseitig ausschlie\u00dfen. Hinzu kommt als weiterer Aspekt, drittens, die Renitenz. Diese zeigt sich in dem Moment, als Kattrin sich gegen ihre Mutter auflehnt. Gesch\u00e4ftliche Interessen, aber auch Mutterliebe sto\u00dfen hier auf Humanit\u00e4t und bedingungslose Hilfsbereitschaft gegen\u00fcber Fremden. Kattrin ist bereit, ihr selbstloses Handeln mit Gewalt und gegen den Willen der m\u00fctterlichen Autorit\u00e4t eigensinnig durchzusetzen. Verallgemeinert man diese Punkte, so kann Freiwilligkeit als zutiefst konfliktgeladenes Handeln aufgefasst werden. Freiwillige Hilfen k\u00f6nnen miteinander geleistet werden, h\u00e4ufig aber reiben sie sich, sowohl aneinander als auch an den herrschenden Verh\u00e4ltnissen. Die Akzentuierung von Friktionen, Widerst\u00e4nden und Konflikten steht allerdings im Gegensatz zu dominierenden Vorstellungen der Freiwilligkeit \u2013 die h\u00e4ufig systemisch aufgefasst wird, f\u00fcr die man einen dritten Sektor zwischen Staat und Markt reserviert, oder die mit sozialem Kapital gleichgesetzt wird, das flexibel investiert werden kann. Was aber kann eine Konfliktperspektive auf Freiwilligkeit leisten, worin liegt ihr heuristisches Potential? Der aktuelle Krieg in der Ukraine gibt erste Anhaltspunkte. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Konfligierende Freiwilligkeiten<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Als die russische Armee am 24. Februar 2022 die Ukraine angriff, war der Westen geschockt, aber auch rasch hilfsbereit. In einem enormen Tempo und einer bemerkenswerten gesellschaftlichen Tiefe reagierten Privatpersonen zusammen mit Hilfswerken und staatlichen Instanzen auf die verheerenden Katastrophen, die der Krieg seither anrichtet. Gerade die freiwilligen Hilfeleistungen gegen\u00fcber Menschen, die aus der Ukraine fl\u00fcchten mussten, waren und sind enorm. Innerhalb k\u00fcrzester Zeit stellten Hunderttausende in Europa ihre Wohnungen und H\u00e4user zur Verf\u00fcgung, w\u00e4hrend andere an die Grenzen fuhren, <a href=\"https:\/\/www.proasyl.de\/hintergrund\/sagt-man-jetzt-fluechtlinge-oder-gefluechtete\/\">Fl\u00fcchtlinge<\/a> abholten und sie in Sicherheit brachten. Wieder andere blieben vor Ort und engagieren sich seither in der Notversorgung, kl\u00e4ren auf, geben Rat, unterst\u00fctzen. <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/HTML\/?uri=OJ:L:2022:071:FULL&amp;from=EN\">Der EU-Rat indes legalisierte die Freiwilligenhilfen am 4. M\u00e4rz 2022 mit der Einf\u00fchrung vor\u00fcbergehender Schutzmassnahmen<\/a> (darunter die volle Reisefreiheit, nachdem sich ukrainische Staatsangeh\u00f6rige schon vor dem Krieg 90 Tage visumsfrei im Schengenraum bewegen konnten).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.amnesty.org.uk\/press-releases\/poland-refugees-face-chaos-racism-and-risk-trafficking-after-fleeing-ukraine-new\">Doch ebenso rasch, wie die Hilfen angelaufen sind, zeigten sich Risse in der Freiwilligkeit. Damit ist weniger die rassistische Gewalt gegen\u00fcber Schwarzen gemeint, die aus der Ukraine nach Polen fl\u00fcchteten.<\/a> Vielmehr verliefen diese durch die freiwillige Fl\u00fcchtlingshilfe selbst. Bereits nach wenigen Tagen kritisierten Aktivist*innen der Asylbewegung, aber auch Kirchenangeh\u00f6rige, die Ungleichbehandlungen und Doppelstandards im Umgang mit gefl\u00fcchteten Menschen. <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ProAsyl\/status\/1503718865569730560\">Pro Asyl twitterte am 15. M\u00e4rz<\/a>: \u201eUnd da die Hilfsbereitschaft aktuell so gro\u00df ist: Es gibt auch noch viele andere Menschen, die vor Kriegen wie jetzt in der Ukraine geflohen sind, wie z.B. aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak. Auch sie sind oft noch immer auf unsere Solidarit\u00e4t und offene T\u00fcren angewiesen!\u201c <a href=\"https:\/\/www.20min.ch\/story\/das-denken-kriegsfluechtlinge-aus-syrien-ueber-die-ukraine-solidaritaet-519506581300\">Ein Syrer wiederum<\/a>, der selbst vor dem Krieg in die Schweiz geflohen ist und sich dort in der freiwilligen Fl\u00fcchtlingshilfe engagiert, meinte: \u201eIch habe das Gef\u00fchl, dass die Menschen vor lauter Solidarit\u00e4t mit der Ukraine alle anderen, die sich auf der Flucht befinden, vergessen. Das tut weh.\u201c Im Alltag zeige sich diese Vergesslichkeit in einem R\u00fcckgang an Spenden, auch Sachspenden: \u201eAnnahmestellen f\u00fcr die Ukraine werden mit Kleidern \u00fcberh\u00e4uft. Als wir am Sonntag eine Sammelaktion f\u00fcr Gefl\u00fcchtete von anderen L\u00e4ndern machten, liess sich stundenlang niemand blicken.\u201c Von \u00e4hnlichen Gef\u00fchlen, ja Verbitterung, berichtet <a href=\"https:\/\/magazin.nzz.ch\/nzz-am-sonntag\/schweiz\/ukraine-fluechtlinge-solidaritaet-sorgt-auch-fuer-irritationen-ld.1674304?reduced=true\">schlie\u00dflich ein Schweizer Pfarrer<\/a>: \u201eIch kenne viele Fl\u00fcchtlingshelfer, welche die Willkommenskultur gegen\u00fcber den Ukrainern als schmerzhaft und stossend empfinden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ukrainekrieg wird sichtbar, wie Freiwilligkeiten sich \u00fcberlagern und sich unterscheiden, insbesondere in ihren Richtungen und Reichweiten. Zudem, wenn auch nur vereinzelt bisher, zeigen sich Grenzen der Freiwilligkeit. Diese werden dort augenf\u00e4llig, wo Aktionen und Hilfen mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Als <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/uk-news\/2022\/mar\/14\/squatters-occupy-russian-billionaire-oleg-deripaska-london-mansion\">Londoner <em>squatter<\/em><\/a> das Haus eines russischen Oligarchen im Londoner Stadtteil Belgravia besetzten, um dort eine Fl\u00fcchtlingsunterkunft einzurichten, wurden sie umgehend verhaftet. Die Besetzung zeigte aber noch etwas anderes. Freiwilligkeit ist mehr als Helfen und zivilgesellschaftliche Sorge, Freiwilligkeit kann auch Kritik artikulieren und in diesem Sinne Resistenz bedeuten. In diesem Fall richtete sie sich zum einen gegen die Menschenrechtsverletzungen durch Putins Regierung, einschliesslich der Bombardierung Syriens und der Diskriminierung von LGBTQIA+. Andererseits zielte sie auf das steuerrechtlich \u00fcber Jahre hinweg gef\u00f6rderte Immobilieninvestment mit ausl\u00e4ndischem Kapital und die dadurch versch\u00e4rfte Wohnungsnot in der englischen Hauptstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind nur Anzeichen, doch sie lassen erkennen, dass Freiwilligkeit ein Spannungsfeld ist, auf dem Auseinandersetzungen stattfinden. Die Konfliktlinien verlaufen zwischen Freiwilligen und ihren Hilfeleistungen, sie markieren aber auch Grenzen zu den Machtverh\u00e4ltnissen, gegen die sich die Kritik sozial engagierter Aktivist:innen richtet und die es emanzipatorisch zu \u00fcberwinden gilt. Normative Sichtweisen, welche die medialen Diskurse dominieren und teils auch die sozialwissenschaftliche Forschung anleiten, verdecken allerdings solche Konflikte. Eine Folge davon ist, dass Freiwilligkeit als uniforme und eindimensionale Hilfst\u00e4tigkeit erscheint. Eine solche Imaginierung mag in Kriegszeiten eine Appellfunktion erf\u00fcllen. Den empirischen Realit\u00e4ten wird sie indes nicht gerecht. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background\">Zitiervorschlag: Ruoss, Matthias: &#8220;Krieg und Freiwilligkeit: Mutter Courage Revisited&#8221;, <em>Freiwilligkeit: Geschichte &#8211; Gesellschaft &#8211; Theorie<\/em>, Mai 2022, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/war-and-voluntariness-mutter-courage-revisited\">https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/krieg-und-freiwilligkeit<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Matthias Ruoss<\/p>\n<p>Bei Krieg hilft Brecht. 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