{"id":11912,"date":"2022-01-31T16:00:02","date_gmt":"2022-01-31T15:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voluntariness.org\/?p=11912"},"modified":"2023-08-15T11:02:23","modified_gmt":"2023-08-15T09:02:23","slug":"freiwilligkeit-in-der-corona-impfdebatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-in-der-corona-impfdebatte\/","title":{"rendered":"Freiwilligkeit in der Corona-Impfdebatte"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<figure class=\"wp-block-image alignwide size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1199\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/01\/vaccination-1199x800.jpg\" alt=\"syringe, mask and vaccine\" class=\"wp-image-11953\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/01\/vaccination-1199x800.jpg 1199w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/01\/vaccination-250x167.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/01\/vaccination-1604x1070.jpg 1604w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/01\/vaccination-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2022\/01\/vaccination.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1199px) 100vw, 1199px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\"><div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/12\/Martschukat_Juergen-1-800x800.jpg\" alt=\"portrait juergen martschukat\" class=\"wp-image-11453\" width=\"200\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/12\/Martschukat_Juergen-1-800x800.jpg 800w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/12\/Martschukat_Juergen-1-250x250.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/12\/Martschukat_Juergen-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/12\/Martschukat_Juergen-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/12\/Martschukat_Juergen-1.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-content-primary-color has-text-color wp-block-paragraph\">von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/juergen-martschukat\/\">J\u00fcrgen Martschukat<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">J\u00fcrgen Martschukat ist Professor f\u00fcr Nordamerikanische Geschichte an der Universit\u00e4t Erfurt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Post erschien urspr\u00fcnglich im Blog &#8220;WortMelder&#8221; der Universit\u00e4t Erfurt am 25. Januar 2022 mit dem Titel: &nbsp;<a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/forschung\/aktuelles\/forschungsblog-wortmelder\/nachgefragt-was-macht-freiwilligkeit-aus-und-was-bedeutet-sie-fuer-die-impfpflicht-debatte-professor-martschukat#jump\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eNachgefragt: Was macht Freiwilligkeit aus und was bedeutet sie f\u00fcr die Impfpflicht-Debatte, Professor Martschukat?\u2018\u201c<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"perspectives-on-voluntariness-and-the-covid-crisis\">Perspektiven auf Freiwilligkeit und die Corona-Krise<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer nur fl\u00fcchtig hinschaut oder gern in klaren Kategorien denkt, versteht Freiwilligkeit leicht als politisches Prinzip einer Gesellschaft, die in der Autonomie eines freien Individuums gr\u00fcndet, das f\u00fcr sich und das Kollektiv gute und richtige Entscheidungen trifft. Freiwilligkeit erscheint dabei als Gegenteil von Zwang und Zwang als Handlungsmaxime einer diktatorischen Gesellschaft, die die Menschen unterjocht. Diese Zuspitzung auf Freiwilligkeit vs. Zwang, Demokratie vs. Diktatur begegnet uns auch immer wieder in der gegenw\u00e4rtigen Auseinandersetzung \u00fcber die Impfpflicht. Allerdings ist Freiwilligkeit komplizierter, und in der politischen und allt\u00e4glichen Praxis kommt sie meist weniger eindeutig daher, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.  Aus der Arbeit unserer Forschungsgruppe \u201eFreiwilligkeit\u201c heraus, rege ich zu einer st\u00e4rkeren Differenzierung an, und dies vor allem in drei Punkten. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"first-voluntariness-is-situational\">Erstens ist Freiwilligkeit situativ.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bedeutet, dass freiwilliges Entscheiden und Handeln in ein vielf\u00e4ltiges Set an Bedingungen eingebunden ist und mit Konsequenzen einhergeht, die sich von Situation zu Situation unterscheiden. Die situativ changierenden Bedingungen und Konsequenzen einer Wahl oder einer Handlung haben gro\u00dfen Einfluss darauf, in welchem Ma\u00dfe wir diese als freiwillig empfinden. Folglich macht es in der Regel wenig Sinn, die Frage der Freiwilligkeit in der politischen und gesellschaftlichen Praxis kategorisch als Frage nach einem \u201eentweder &#8230; oder\u201c anzugehen. Dies wird auch deutlich, wenn wir ber\u00fccksichtigen, dass als entscheidendes Kriterium f\u00fcr die Freiwilligkeit einer Handlung oft herangezogen wird, dass zu einer Handlungsoption eine akzeptable Alternative existieren m\u00fcsse. Was jedoch als akzeptable Alternative empfunden wird, h\u00e4ngt eben stark von den Handlungsbedingungen und m\u00f6glichen Konsequenzen einer Entscheidung in einer spezifischen Situation ab. Auch die historischen Erfahrungen, die jemand bis dahin gemacht hat, spielen daf\u00fcr eine wichtige Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Corona-Praxis wird die Bedeutung von Handlungsbedingungen und -konsequenzen f\u00fcr eine Impfentscheidung zum Beispiel durch die verschiedenen Zugangsregelungen im \u00f6ffentlichen Leben von 3G \u00fcber 2G bis zu 2G+ deutlich. Im Herbst 2021 eingef\u00fchrt, waren diese nie nur darauf ausgerichtet, die Sicherheit der Menschen zu verbessern. Vielmehr hatten sie immer auch das Ziel, die Impfbereitschaft zu steigern und die Zahl freiwilliger Impfungen zu erh\u00f6hen, was auch (bedingt) funktionierte. Wo nur noch Geimpfte und Genesene (2G) Restaurants und Kneipen besuchen durften, waren die Entscheidungsbedingungen f\u00fcr eine Impfung ebenso wie die Alternative zur Impfwahl (zu Hause bleiben) so ver\u00e4ndert, dass die Impfbereitschaft bald zunahm. Deutlich wird, wie Freiwilligkeit mit Entscheidungsbedingungen und -konsequenzen verwoben und eher graduell als kategorisch zu verstehen ist. Entsprechend kann Freiwilligkeit \u00fcber eine Ver\u00e4nderung genau dieser Bedingungen auch gelenkt bzw. erm\u00f6glicht werden. Mit Blick auf 2G war in den Medien auch von einer \u201eImpfpflicht durch die Hintert\u00fcre\u201c die Rede.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"second-voluntariness-is-normative\">Zweitens ist Freiwilligkeit normativ. <\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Freiheitliche Gesellschaften richten an ihre B\u00fcrger*innen durchaus die Erwartung, dass sie ihr Leben durch freiwillige Handlungen erfolgreich bestreiten, und das aus bestem Wissen und Gewissen heraus: Wir sollen uns f\u00fcr unsere Bildung und unseren Job engagieren, uns aktiv um unsere Gesundheit k\u00fcmmern, uns also gut ern\u00e4hren, fit halten und so weiter. Dabei geht es nicht nur darum freiwillig zu agieren, sondern auch darum, freiwillig und gerne genau das zu tun, was als gut und richtig f\u00fcr uns und die Gesellschaft gilt. Freiwilligkeit ist also auch ein ethisches Kriterium f\u00fcr die Bewertung einer Handlung: Wer freiwillig (und nicht gezwungenerma\u00dfen) die \u201erichtigen\u201c Entscheidungen trifft, zeigt die Bereitschaft und die F\u00e4higkeit, in einer freiheitlichen Gesellschaft als Staatsb\u00fcrger:in funktionieren zu k\u00f6nnen. Wer dies nicht tut, ist au\u00dfen vor. Hier wird abermals die oben bereits angesprochene Verbindung zur Situativit\u00e4t und Bedingtheit von Freiwilligkeit deutlich: Denn politische Programme und Kampagnen haben h\u00e4ufig das Ziel, die Entscheidungsarchitektur so zu ver\u00e4ndern, dass die Menschen zu den freiwilligen Entscheidungen hingef\u00fchrt werden, die als \u201erichtig\u201c gelten. In unserer Forschungsgruppe sprechen wir auch vom \u201eRegieren \u00fcber Freiwilligkeit\u201c. Mit \u201eRegieren\u201c meinen wir nicht nur das, was politische Mandatstr\u00e4ger*innen tun, sondern alle die Diskurse, Programmatiken und Praktiken, die B\u00fcrger:innen in ihren Entscheidungen lenken und sozial erw\u00fcnschtes Handeln erm\u00f6glichen sollen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Beispiel f\u00fcr das \u201eRegieren \u00fcber Freiwilligkeit\u201c in den Zeiten von Corona sind die Impfbusse, die die Impfung zu den Menschen bringen, wenn diese nicht zur Impfung kommen. Ein weiteres Beispiel w\u00e4re das Angebot einer \u00fcbersichtlichen Webpage zur Wissensvermittlung und Information, die dabei zugleich das Ziel verfolgt, die Menschen von den Vorteilen einer Impfung zu \u00fcberzeugen, und dies ohne dass sie bemerken, wie sie \u00fcberzeugt und gef\u00fchrt werden. Insgesamt beklagen Expert*innen, dass in der Corona-Krise beim Regieren \u00fcber Freiwilligkeit noch deutlich Luft nach oben ist. Vor allem die Informations- und Wissensvermittlung hat bislang an Klarheit und kommunikationswissenschaftlich geschulter Kompetenz zu w\u00fcnschen \u00fcbriggelassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die normative Dimension der Freiwilligkeit zeigt sich vor allem darin, dass sich Ungeimpfte oft geg\u00e4ngelt und zunehmend gesellschaftlich ausgegrenzt f\u00fchlen, weil sie eine andere als die gesellschaftlich erwartete Entscheidung getroffen, also nicht freiwillig im sozial erw\u00fcnschten Sinn gehandelt haben. Dabei gilt rund ein Drittel derjenigen, die bislang die Impfung verweigert haben (in Deutschland 25%), als \u201eunerreichbar\u201c f\u00fcr alle F\u00fchrungs- und \u00dcberzeugungsbem\u00fchungen. Wiederum ein Gro\u00dfteil dieser \u201eUnerreichbaren\u201c geh\u00f6rt zu denjenigen, die sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten ohnehin zunehmend an den Rand gedr\u00e4ngt gef\u00fchlt haben in einer Gesellschaft, die auf Freiwilligkeit setzt, dabei aber den existenziellen und normativen Druck so hoch werden l\u00e4sst, dass sie \u201eGewinner*innen\u201c und \u201eVerlierer*innen\u201c schafft. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entsprechend gibt es deutliche Schnittmengen der Gruppen der Impfgegner*innen und der j\u00fcngeren populistischen und ethnonationalistischen Bewegung, die der Marginalisierungserfahrung ein neues Gef\u00fchl des Miteinanders und des \u201ewir\u201c gegen \u201esie\u201c entgegensetzt. Deren parteipolitisches Sprachrohr, die Alternative f\u00fcr Deutschland, hat die Impfpolitik der Bundes- und Landesregierungen von Anfang an sabotiert. Zugleich ist die Gruppe der Impfgegner:innen bekannterma\u00dfen politisch divers und versammelt Menschen von rechts und links, die sich in einer Gegnerschaft zu Globalisierung und Neoliberalismus w\u00e4hnen und zugleich einer diffusen Staatsphobie das Wort reden. Wenn wir das Impfen als sozialen Vertrag verstehen wollen, dann m\u00fcssen wir bedenken, dass viele der unerreichbaren Impfgegner:innen den sozialen Vertrag ohnehin als l\u00e4ngst gebrochen ansehen. Das ungeimpft Sein wird zu einer Form des Widerstands gegen \u201edas System\u201c. Das Impfen, dies betont auch der <a href=\"https:\/\/www.ssoar.info\/ssoar\/handle\/document\/76019\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Historiker Malte Thiessen<\/a>, ist seit seiner Erfindung vor \u00fcber zwei Jahrhunderten eine Projektionsfl\u00e4che, auf der ganz andere Themen verhandelt werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"third-dictatorships-too-operate-via-voluntariness-not-just-liberal-democratic-societies\">Drittens operieren auch Diktaturen \u00fcber Freiwilligkeit, und nicht nur freiheitliche Gesellschaften.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies zeigt ein differenzierterer und weniger kategorialer Blick. So befasst sich die historische Forschung (auch in unserer Forschungsgruppe) mit der Frage, inwieweit zum Beispiel die gesellschaftlichen und politischen Systeme des Nationalsozialismus und der DDR nur deshalb funktionieren konnten, weil willige B\u00fcrger*innen aus den unterschiedlichsten Motiven heraus mitmachten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu zeigen, dass die Unterscheidung zwischen Demokratie und Diktatur \u00fcber die Freiwilligkeit des Mitmachens nicht immer in der erhofften Eindeutigkeit m\u00f6glich ist, bedeutet mitnichten, Demokratie und Diktatur \u00fcber einen Kamm zu scheren und der willk\u00fcrlichen Negierung von Unterschieden das Wort zu reden. Ein historisch genauer Blick auf die komplexen Bedingungsverh\u00e4ltnisse und Wirkungsweisen von Freiwilligkeit in unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Ordnungen hat nichts mit den kruden Verzerrungen der Wirklichkeit zu tun, die in den Auseinandersetzungen \u00fcber das Impfen gegen COVID-19 bisweilen ge\u00e4u\u00dfert werden. Im Gegenteil: Es bedeutet, genau hinzuschauen. Impfgegner:innen, die von einer Corona- oder Gesundheitsdiktatur schwadronieren, sich als Opfer von Diffamierung und Verfolgung durch einen Zwangsstaat stilisieren, sich gar mit Sophie Scholl vergleichen oder einen gelben Stern mit dem Schriftzug \u201eungeimpft\u201c anheften, verh\u00f6hnen schlichtweg die Opfer menschenverachtender Gewaltherrschaft und verkennen v\u00f6llig die politischen Bedingungen ihrer Existenz. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"what-does-all-of-this-mean-for-the-issue-of-a-vaccine-mandate\">Was bedeutet das alles nun f\u00fcr die Frage der Impfpflicht? <\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum einen sollte man festhalten, dass die Impfquote in Deutschland derzeit bei 75% liegt. Das Regieren \u00fcber Freiwilligkeit funktioniert also bei der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Menschen. In manchen Bundesl\u00e4ndern ist die Quote h\u00f6her, in anderen niedriger. Hier w\u00e4re genau darauf zu schauen, wie sich die Bedingungen freiwilligen Entscheidens und Handelns unterscheiden. Ein solcher historisch, soziologisch und politisch informierter Blick w\u00fcrde auch R\u00fcckschl\u00fcsse auf die unterschiedliche Akzeptanz einer Impfpflicht zulassen, die ja auch unter Geimpften nicht ungeteilt ist, und zudem die Vielschichtigkeit innerhalb der Gruppe der Impfgegner*innen noch deutlicher aufzeigen und ber\u00fccksichtigen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weiterhin sollten wir uns vor Augen f\u00fchren, dass Widerstand gegen eine Impfpflicht historisch nicht neu ist, sondern seit der ersten Einf\u00fchrung der Pockenimpfpflicht im Jahr 1874 existiert. Seitdem haben die diversen deutschen Diktaturen und Demokratien \u00fcber mehr als ein Jahrhundert hinweg freiwillige und verpflichtende Impfpolitiken miteinander kombiniert. Erst vor einigen Jahrzehnten, als Epidemien in westlichen Gesellschaften ausgestorben schienen und sich die Menschen zunehmend immun f\u00fchlten, wurde Freiwilligkeit in der BRD und dann im vereinten Deutschland zum dominanten Entscheidungsmodus einer Gesellschaft, die sich auf diese Weise auch ihrer liberalen Grundwerte versicherte. Dass eine Impfpflicht in der COVID-Krise zun\u00e4chst explizit ausgeschlossen wurde, unterstreicht, dass diese offenbar als unpassendes Instrument in einer (neo)liberalen Gesellschaft erschien, die sich \u00fcber Freiwilligkeit als politisches Prinzip definiert. Dazu geh\u00f6rt auch, dass deren Gesundheitssystem vorzugsweise auf die F\u00fcrsorge und Selbstverantwortung der Patient*innen anstelle von medizinischer oder gar politischer Direktive setzt (dass man noch 2019 eine Masern-Impfpflicht beschlossen hatte, fand in der Debatte keine Ber\u00fccksichtigung). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Umso mehr schien die j\u00fcngste politische Hinwendung zu einer Impfpflicht einen kategorialen Wandel der Gesundheits- und Gesellschaftspolitik zu signalisieren. Dabei zeigt ein genauerer Blick auf Freiwilligkeit, dass Freiwilligkeit eben nie bedingungslos, der Unterschied von gelenkter Freiwilligkeit und Pflicht eher graduell und auch eine Impfpflicht kein Zwang ist. Letzteres wird in den j\u00fcngsten Debatten zwar immer wieder betont, aber nur selten verst\u00e4ndlich erl\u00e4utert. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat es in der <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/ts-46805.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Tagesschau <\/em>vom 19. Januar 2022 <\/a>zumindest versucht. Auf Bedenken der \u00c4rzt*innenschaft, Patient*innen qua Impfpflicht in die Praxen zu zwingen sei kontraproduktiv, antwortete er: \u201eIch glaube, dass \u00c4rzte jeden impfen sollten: Denjenigen, der geimpft werden will, weil er der Impfpflicht nachkommt, und denjenigen der sich ganz freiwillig impfen l\u00e4sst. Es wird ja niemand gegen seinen Willen geimpft, selbst die Impfpflicht f\u00fchrt ja dazu, dass man sich am Ende freiwillig impfen l\u00e4sst.\u201c Alles klar?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background wp-block-paragraph\">Zitiervorschlag: Martschukat, J\u00fcrgen: &#8220;Freiwilligkeit in der Corona-Impfdebatte&#8221;, Freiwilligkeit<em>: Geschichte &#8211; Gesellschaft &#8211; Theorie<\/em>, Januar 2022, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-in-der-corona-impfdebatte\/\">https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/freiwilligkeit-in-der-corona-impfdebatte\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von J\u00fcrgen Martschukat<\/p>\n<p>Wer nur fl\u00fcchtig hinschaut oder gern in klaren Kategorien denkt, versteht Freiwilligkeit leicht als politisches Prinzip einer Gesellschaft, die in der Autonomie eines freien Individuums gr\u00fcndet, das f\u00fcr sich und das Kollektiv gute &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":11953,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152],"tags":[215,153,216,136],"class_list":["post-11912","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog-de","tag-covid19-de","tag-freiwilligkeit","tag-regieren","tag-verantwortung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11912","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11912"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11912\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13045,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11912\/revisions\/13045"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11953"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11912"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11912"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11912"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}