{"id":11248,"date":"2021-10-01T12:00:00","date_gmt":"2021-10-01T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.voluntariness.org\/?p=11248"},"modified":"2023-08-15T11:47:14","modified_gmt":"2023-08-15T09:47:14","slug":"mit-schockwellen-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/mit-schockwellen-leben\/","title":{"rendered":"Mit Schockwellen leben"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\"><div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1201\" height=\"801\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Blaue_Ozeanwelle.png\" alt=\"Blue Ocean Wave\" class=\"wp-image-11269\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Blaue_Ozeanwelle.png 1201w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Blaue_Ozeanwelle-250x167.png 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Blaue_Ozeanwelle-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 1201px) 100vw, 1201px\" \/><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\"><div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/graefe_web-1-150x150.jpg\" alt=\"Stefanie Graefe\" class=\"wp-image-8332\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/graefe_web-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/graefe_web-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/03\/graefe_web-1.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-content-primary-color has-text-color wp-block-paragraph\">von <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/stefanie-graefe\/\">Stefanie Graefe<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stefanie Graefe ist Soziologin an der Friedrich Schiller Universit\u00e4t Jena. <\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"voluntariness-and-resilience-in-an-era-of-compound-crisis\"><strong>Freiwilligkeit und Resilienz in Zeiten der Vielfachkrise<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als in diesem Sommer Deutschlands S\u00fcdwesten von einem \u201e<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/politik\/hintergrund-aktuell\/337277\/jahrhunderthochwasser-2021-in-deutschland\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Jahrhunderthochwasser<\/a>\u201c heimgesucht wurde, dominierte im medialen Diskurs zun\u00e4chst vor allem eins: Schock und Betroffenheit. An Bilder von im Strom trudelnden Autos, rutschenden H\u00e4ngen oder abgerissenen D\u00e4chern sind Leser*innen und Fernsehzuschauer*innen hierzulande zwar seit jeher gew\u00f6hnt \u2013 nicht aber daran, dass diese Bilder mehr oder weniger nahe von ihrem eigenen Zuhause aufgenommen wurden. Kein Zweifel: Die Klimakrise, deren urs\u00e4chliche Rolle f\u00fcr die Katastrophe niemand mehr ernsthaft bestreitet, ist in Mitteleuropa angekommen. Und mit der Krisenwahrnehmung wird die Frage wichtiger, ob beziehungsweise wie Katastrophen wie diese zuk\u00fcnftig verhindert werden k\u00f6nnen. W\u00e4hrend die meisten Spitzenpolitiker*innen nicht m\u00fcde werden zu betonen, man d\u00fcrfe jetzt keinesfalls Klimaanpassung gegen Klimaschutz ausspielen, verfestigt sich bei vielen Menschen der Eindruck, der Zug f\u00fcr Letzteres sei m\u00f6glicherweise doch schon abgefahren. Tats\u00e4chlich scheint die Welt in einem Dauerkrisenmodus verfangen, in dem sich <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/im-dauer-krisen-modus-schlimme-neue-welt-kolumne-a-20a0ece8-56c5-4f73-bcd7-dde00b94d47b\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">\u201eSchockwellen in Windeseile \u00fcber alle Grenzen hinweg\u201c<\/a> ausbreiten. Angesichts dessen traf der bekannte ZDF-Moderator Claus Kleber die Stimmung auf den Punkt, als er kurz nach der Hochwasserkatastrophe forderte, man solle doch jetzt die <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/zdf-journalist-ueber-klima-berichterstattung-claus-kleber.694.de.html?dram:article_id=500553\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">\u201ephilosophischen Debatten \u00fcber Klimawandel\u201c<\/a> auf die Seite legen und stattdessen die dr\u00e4ngendere Frage beantworten, \u201ewie passen wir uns an\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Berichterstattung \u00fcber die Flut waren aber auch <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/hochwasserkatastrophe-im-ahrtal-die-hilfe-nach-der-flut-17458668.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">hoffnungsvolle T\u00f6ne<\/a> zu vernehmen, begleitet von Bildern, auf denen freiwillige Helfer*innen ganz unphilosophisch die \u00c4rmel hochkrempeln, Schutt wegr\u00e4umen, Wasser schippen oder Kleidung verteilen. In das allgemeine Lob der Freiwilligkeit mischten sich freilich schnell wiederum auch skeptische T\u00f6ne: Nicht nur hatten sich <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/2021-07\/hochwasser-querdenker-rechtsextremismus-fluthilfe-helfer-spenden-politik?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.startpage.com%2F\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Rechtsextreme unter die Helfer*innen gemischt<\/a> \u2013 auch diejenigen ohne fragw\u00fcrdige politische Agenda kamen angesichts der nur schleppend anlaufenden staatlichen Krisenhilfe sehr schnell an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Freiwilligkeit, das zeigt dieses Beispiel, kommt in Krisen- und Katastrophensituationen ein besonderer Stellenwert zu. Sie wird zu einer Ressource der Bew\u00e4ltigung \u2013 sowohl in materieller wie in emotionaler und sozialer Hinsicht. Im medialen Lob der spontanen, freiwilligen Hilfe vergewissert sich die Gesellschaft dar\u00fcber hinaus, dass ihre normativen Grundlagen auch im Angesicht von Krisen und Katastrophen bestehen bleiben. Freiwilligkeit ist dementsprechend sowohl Ressource, Diskurs und Norm als auch fragil: Weil Freiwilligkeit zwar erhofft und angereizt, nicht aber im Detail diktiert werden kann, l\u00e4uft sie Gefahr, zu scheitern, missbraucht zu werden oder unvorhergesehene neue Probleme zu produzieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"from-crisis-management-to-the-resilience-dividend\"><strong><strong>Von der Krisenbew\u00e4ltigung zur Dividende der Resilienz<\/strong><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind also nicht nur, aber auch und vor allem Krisen- und Umbruchsituationen, in denen die Gesellschaft nach Freiwilligkeit verlangt. Unter den Bedingungen der gegenw\u00e4rtigen politischen, sozialen, \u00f6kologischen, \u00f6konomischen <a href=\"https:\/\/akg-online.org\/veroeffentlichungen\/monographien-und-sammelbaende\/vielfachkrise-im-finanzmarktdominierten\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Vielfachkrise <\/a>expandiert Freiwilligkeit dementsprechend <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/freiwilligkeit-und-kapitalismus\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">\u00fcber traditionelle Felder von b\u00fcrgerschaftlichem Engagement und Nachbarschaftshilfe hinaus<\/a>. Krisen und Katastrophen sind das neue Normal geworden, auch (und das ist das eigentlich Neue) in den bis dato vergleichsweise eher komfortablen Regionen der Welt. Gest\u00fctzt und begleitet wird Freiwilligkeit dabei zunehmend von einem anderen Konzept, das in den letzten Jahren ebenfalls erhebliche Aufmerksamkeit generiert hat: Resilienz. Gemeint damit ist die F\u00e4higkeit von Systemen und Subjekten im Angesicht von Krisen, Schocks und Katastrophen \u201e<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=epY68R_NEcE\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">abzufedern<\/a>\u201c. Ob Burnout oder Terrorismus, Fluchtmigration oder Krebserkrankung, Viruspandemie oder Arbeitslosigkeit \u2013 f\u00fcr alle nur denkbaren Probleme bietet sich Resilienz als L\u00f6sung an. Dabei ist Resilienz, wie immer wieder betont wird, keineswegs allen gegeben: Was die einen umbringt, macht die anderen stark. Die gute Botschaft wird jedoch meist gleich mitgeliefert: Resilienz ist kein Schicksal, sondern l\u00e4sst sich, unter Anleitung einschl\u00e4giger Expert*innen, trainieren. <\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1198\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Unbekannte-Person-mit-Regenschirm-am-Meer-1198x800.jpg\" alt=\"unbekannte Person am Strand mit Schirm, m\u00fcht sich gegen den Wind\" class=\"wp-image-11257\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Unbekannte-Person-mit-Regenschirm-am-Meer-1198x800.jpg 1198w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Unbekannte-Person-mit-Regenschirm-am-Meer-250x167.jpg 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Unbekannte-Person-mit-Regenschirm-am-Meer-1602x1070.jpg 1602w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Unbekannte-Person-mit-Regenschirm-am-Meer-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 1198px) 100vw, 1198px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf diese Weise wird der Einzelnen eine erstaunliche Macht zugeschrieben \u2013 n\u00e4mlich die, ihr Leben auch in einer radikal unsicheren Welt immer noch optimal zu gestalten Dabei tritt die Frage nach den Ursachen von Krisen, aber auch die Unterschiede zwischen Alltagsstress und Trauma, Natur- und menschengemachten Katastrophen in den Hintergrund.\nDoch es geht nicht nur um Bew\u00e4ltigung. Krisen und Katastrophen lassen sich, glaubt man der Botschaft der Resilienz, nicht nur durchstehen, sondern mehr noch, in Wachstumsgelegenheiten verwandeln. Damit folgt Resilienz dem Mantra des neoliberalen Kapitalismus, demzufolge Krisen vor allem Chancen darstellen \u2013 jedenfalls f\u00fcr diejenigen, die es schaffen, ihr Mindset gnadenlos auf Erfolg zu trimmen. Resilienz f\u00fcgt diesem ebenso bekannten wie realit\u00e4tsfernen Glaubenssatz nun noch eine kleine, aber entscheidende Prise Gegenwartsbezug bei: Nicht nur Krisen und Alltagssorgen, auch veritable Katastrophen lassen sich, so das Versprechen der Resilienz, potenziell in etwas Wunderbares transformieren. \n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine ideale Gelegenheit f\u00fcr das Training von Resilienz bzw. \u201eUnsicherheitstoleranz\u201c stellt nach Ansicht von <a href=\"https:\/\/juttaheller.de\/unsicherheitstoleranz-fuer-sicherheit-in-der-unsicherheit\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Resilienzexpertin Jutta Heller<\/a> beispielsweise auch die diesj\u00e4hrige Hochwasserkatastrophe dar. Angesichts der Fluten wie des Klimawandels komme es darauf an, den Bick immer wieder aufs Positive zu richten, und sich auf das \u201ewas heilgeblieben ist\u201c zu konzentrieren; keinesfalls soll man \u201eim Jammermodus bleiben\u201c. Auf diese Weise l\u00e4sst sich Heller zufolge nicht nur die konkrete Schadenslage besser bew\u00e4ltigen, sondern aus der Katastrophe heraus auch neues Innovationspotenzial \u2013 die andernorts auch so genannte <a href=\"https:\/\/www.publicaffairsbooks.com\/titles\/judith-rodin\/the-resilience-dividend\/9781610394710\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Dividende der Resilienz<\/a> \u2013 erschlie\u00dfen. Wer die Blickrichtung \u00e4ndert, entdeckt wom\u00f6glich in den Tr\u00fcmmern des eigenen Hauses den Ansatz f\u00fcr ein neues, viel erfolgreicheres Leben. Der f\u00fcr die neoliberale Alltagsideologie so typische <a href=\"https:\/\/www.dukeupress.edu\/cruel-optimism\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Cruel Optimism<\/a> wird im Zeichen von Resilienz auf diese Weise um die Feier der Katastrophe erweitert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"the-art-of-living-dangerously-voluntarily\"><strong>Die Kunst, freiwillig gef\u00e4hrlich zu leben<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4hnlich wie Freiwilligkeit ist also auch Resilienz nicht nur ein wissenschaftlicher <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/318746328_Resilienz_Uber_einen_Schlusselbegriff_des_21_Jahrhunderts\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Schl\u00fcsselbegriff des 21. Jahrhunderts<\/a>, sondern auch ein \u2013 freilich hochproblematischer \u2013 <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-4339-8\/resilienz-im-krisenkapitalismus\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">normativer Haltegriff im neoliberalen Krisenkapitalismus<\/a> der Gegenwart. Als resilient erweist sich bisher allerdings vor allem der Neoliberalismus selbst \u2013 paradoxerweise nicht trotz, sondern gerade <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/10.1177\/1440783312442256\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">wegen seiner vielf\u00e4ltigen \u00f6kologisch wie sozial destruktiven Auswirkungen<\/a>, die wiederum den Einsatz von <a href=\"https:\/\/tsd.naomiklein.org\/shock-doctrine.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Schocktherapien<\/a> Strukturanpassungsprogrammen und die immer weiter reichende Vermarktlichung aller Lebensbereiche rechtfertigen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gemeinsam ist Freiwilligkeit und Resilienz, dass sie Situationen ver\u00e4ndern und Probleme l\u00f6sen wollen. Zudem versprechen beide eine Win-win-Situation: Wer freiwillig handelt oder Resilienz trainiert, tut nicht nur notleidenden Anderen, der Gesellschaft oder dem eigenen Arbeitgeber einen Gefallen, sondern letztlich auch sich selbst. Zugleich unterscheiden sie sich: Freiwilligkeit ist letztlich nur dort von Belang, wo sie sich tats\u00e4chlich in Handlung umsetzt. Psychologische Resilienz hingegen spielt sich vor allem auf der Innenseite des Subjekts ab: Es geht darum, das eigene Mindset im Strom der gro\u00dfen und kleinen Katastrophen immer wieder in Richtung Wachstum und Optimismus zu kalibrieren. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"799\" src=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Big-Wave-Surfer_Copyright-Pexels_Koji-Kamei.png\" alt=\"Big Wave Surfing. Copyright: Photo von Koji Kamei von Pexels\n\" class=\"wp-image-11272\" srcset=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Big-Wave-Surfer_Copyright-Pexels_Koji-Kamei.png 1200w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Big-Wave-Surfer_Copyright-Pexels_Koji-Kamei-250x166.png 250w, https:\/\/www.voluntariness.org\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/09\/Big-Wave-Surfer_Copyright-Pexels_Koji-Kamei-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption>Big Wave Surfing. Copyright: Photo von <a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/@koji-kamei-3158734?utm_content=attributionCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=pexels\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Koji Kamei<\/a> \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/foto\/schnee-meer-landschaft-strand-4766654\/?utm_content=attributionCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=pexels\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Pexels<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die wichtigste Differenz zwischen Freiwilligkeit als gouvernementale Handlungsnorm und Resilienz als <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/338739178_Resilient_Life_The_Art_of_Living_Dangerously\/link\/5e27ed9c92851c3aadcfb569\/download\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Art of Living Dangerously<\/a> hat jedoch mit der grundlegenden Verfasstheit moderner Gesellschaften selbst zu tun. Zwar wird Freiwilligkeit paradoxerweise auch in Diktaturen <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/freiwilligkeit-und-diktatur\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">erfolgreich mobilisiert<\/a>. Zugleich aber ist sie so etwas wie eine demokratische Basistugend. Namentlich die Parteiendemokratie lebt vom freiwilligen Engagement ihrer B\u00fcrger*innen. Diese Verbindung von Demokratie und Freiwilligkeit ist nun alles andere als <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/project\/freiwilligkeit-als-politische-praxis\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">eindeutig oder unproblematisch<\/a>. Im Kern aber zielt sie auf gesellschaftliche Stabilisierung und Integration. Demgegen\u00fcber ist nicht Demokratie, sondern der zur Normalit\u00e4t gewordene Ausnahmezustand das nat\u00fcrliche Habitat des resilienten Subjekts. Optimistische Visionen meinen zwar auch hier eine typisch neoliberale Win-win-Situation zu erkennen und beschreiben enthusiastisch die Potenziale <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2020\/04\/08\/10-denkrichtungen-der-krisenresilienz\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">\u201eresilienter Demokratien\u201c<\/a> Aber eine selbstverst\u00e4ndliche Verbindung von Demokratie und Resilienz <a href=\"https:\/\/www.oekom.de\/buch\/mit-resilienz-durch-die-krise-9783962382346\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">existiert nicht<\/a>. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zusammen kommen Freiwilligkeit und Resilienz, wo die Grenzen zwischen Selbsthilfe und Engagement f\u00fcr andere im Horizont der antizipierten oder bereits eingetretenen Katastrophe verschwimmen. <\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwecks Bew\u00e4ltigung der \u2013 wesentlich durch neoliberale Austerit\u00e4tspolitik hervorgerufenen \u2013 Krise des Wohlfahrtsstaats im globalen Norden setzt man auf nationaler Ebene seit Jahren auf <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/10.1177\/0950017018755663\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">nicht-entlohnte freiwillige Arbeit in Gestalt von Ehren\u00e4mtern, Nachbarschaftshilfe oder Community Organizing<\/a>. Die Ursachen f\u00fcr die Probleme, die es zu bew\u00e4ltigen gilt, werden dabei einerseits individualisiert, andererseits wird ihre Bew\u00e4ltigung als <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/full\/10.1177\/0038026119858220\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Empowerment und Pers\u00f6nlichkeitswachstum<\/a> gerahmt. Immer h\u00e4ufiger wird inzwischen auch Resilienz als Zielhorizont formuliert \u2013 auch in internationalen Programmen der Krisenbew\u00e4ltigung (u. a. bei der <a href=\"https:\/\/knowledge.unv.org\/theme\/humanitarian-and-volunteering\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">UN<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.euro.who.int\/en\/publications\/abstracts\/health-2020-priority-area-four-creating-supportive-environments-and-resilient-communities.-a-compendium-of-inspirational-examples-2018\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">WHO<\/a>). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sind Freiwilligkeit und Resilienz also Teil der L\u00f6sung oder nicht doch eher Teil des Problems? Das l\u00e4sst sich so einfach nicht beantworten. Selbstverst\u00e4ndlich: Resilienz, verstanden als individuelle und kollektive Krisenfestigkeit, ist etwas, das Menschen in akuten Notsituationen unbedingt brauchen k\u00f6nnen, und brauchen tun sie angesichts des immer wieder frappierenden Politikversagens sehr h\u00e4ufig auch die freiwillige Hilfe von engagierten Mitmenschen. Denn alleine wird der Vielfachkrise, zumal in ihrer \u00f6kologischen Dimension, jedoch mittel- und langfristig kaum beizukommen sein: Es wird wohl auch um die Infragestellung von Machtstrukturen und <a href=\"https:\/\/www.oekom.de\/buch\/imperiale-lebensweise-9783865818430\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Lebensweisen<\/a> gehen m\u00fcssen. Und daf\u00fcr braucht es mehr und anderes als Freiwilligkeit und Resilienz (die eher dazu beitragen, den Status Quo zu verfestigen als dazu ihn zu ver\u00e4ndern): die F\u00e4higkeit zur Kritik, zum Konflikt und, last but not least, zur Imagination: Eine andere als blo\u00df katastrophale Welt sollte m\u00f6glich bleiben, auch in unseren K\u00f6pfen.  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-content-bg-alt-background-color has-background wp-block-paragraph\">Zitiervorschlag: Graefe, Stefanie: &#8220;Mit Schockwellen leben: Freiwilligkeit und Resilienz in Zeiten der Vielfachkrise&#8221;, <em>Freiwilligkeit: Geschichte &#8211; Gesellschaft &#8211; Theorie<\/em>, Oktober 2021, <a href=\"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/mit-schockwellen-leben\/\">https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/mit-schockwellen-leben\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Stefanie Gr\u00e4fe<\/p>\n<p>Als in diesem Sommer Deutschlands S\u00fcdwesten von einem \u201eJahrhunderthochwasser\u201c heimgesucht wurde, dominierte im medialen Diskurs zun\u00e4chst vor allem eins: Schock und Betroffenheit. In diesem Beitrag geht es um Resilienz und Freiwilligkeit.<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":11269,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,3],"tags":[153,269,268,266,267,91],"class_list":["post-11248","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog-de","category-unkategorisiert","tag-freiwilligkeit","tag-krise-de","tag-naturkatastrophen","tag-neoliberalismus-de","tag-resilienz-de","tag-voluntariness-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11248","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11248"}],"version-history":[{"count":41,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11248\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12564,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11248\/revisions\/12564"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11269"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11248"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11248"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.voluntariness.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11248"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}